"Ich habe Baku kaum wiedererkannt"

von Olga Grjasnowa

Sie ist in Baku geboren und mit zwölf Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen: Schriftstellerin Olga Grjasnowa. Für eurovision.de kehrt sie in ihre Geburtsstadt zurück und berichtet über ihre Eindrücke.

Ich wurde in Baku geboren, bin dort aufgewachsen, habe dort Schreiben, Lesen und vieles andere gelernt. Genau wie meine Eltern und meine Großeltern und deren Eltern. Der russische Teil der Familie wurde vom Erdöl angezogen und der jüdische floh vor Pogromen. Meine Großmutter war die Letzte, die 1945 nach einer langen Flucht vor den Deutschen nach Baku einwanderte. Baku war die kosmopolitischste Stadt in der UdSSR, die größten Bevölkerungsgruppen stellten die Aserbaidschaner, Armenier, Russen und Juden. Jeder heiratete jeden und auch in meiner Familie mischten sich bald Jiddisch, Russisch und Aserbaidschanisch. Die Lingua franca blieb jedoch immer Russisch.

1996 habe ich zusammen mit meinen Eltern und meinem Bruder das Land verlassen. Aserbaidschan war damals politisch und ökonomisch in einer desolaten Verfassung. Der Nationalismus war auf dem Vormarsch und keiner wusste wirklich, wie es weitergehen könnte. Und ob überhaupt.

Die in Aserbaidschan geborene Schriftstellerin Olga Grjasnowa. © René Fietzek

Olga Grjasnowa berichtet für eurovision.de von ihrer Reise in ihre Geburtsstadt Baku.

Meine Eltern ließen sich in der hessischen Provinz nieder. Deutschland war nicht unser Traumziel, sondern die einzige reale Auswanderungsmöglichkeit. Der Wechsel von einer Metropole in eine hessische Kleinstadt war bitter. Über Göttingen, Leipzig, Warschau, Moskau und Tel Aviv bin ich schließlich in Berlin gelandet und lebte seit fast einem Jahrzehnt plötzlich wieder in einer Stadt, in der ich länger als ein paar Monate bleiben wollte.

2011: Rückkehr nach Baku

2011 bin ich zum ersten Mal wieder in Baku gewesen. Dank dem Grenzgängerstipendium der Robert Bosch Stiftung konnte ich in Aserbaidschan einen ganzen Monat lang für meinen Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" recherchieren. Ich hatte mich vor allem an dem "Schwarzen Januar" des Jahres 1990 abgearbeitet, an der Zeit, als die russischen Truppen in Baku einmarschiert sind und die Stadt mit Blut überzogen haben und an der Zeit der Pogrome an der armenischen Bevölkerung in Baku. Es ist keine schöne Arbeit gewesen.

Vieles in Baku überraschte mich: vor allem die Stimmung in der Stadt. Die Generation meiner Eltern verklärte die 60er- und 70er-Jahre unter dem sowjetischen Regime und sehnte sich nach "ihrem" multi-kulturellen Baku zurück, während sie mit ihren Freunden übers Internet kommunizierte, die allesamt ausgewandert sind und nun in Russland, Israel, Deutschland, der Türkei, den Niederlanden oder sonst wo leben. Und auch sie wollten "ihr" Baku zurück.

Einwanderer brachten neue Sitten nach Baku

Die Jungen haben dagegen "ihr" Baku noch nicht erschaffen und wussten auch nicht so recht, was entstehen sollte. Ich kannte ebenfalls nichts mehr - die Bevölkerung hatte sich verändert. Sehr sogar. Zum einen ist sie viel homogener geworden, zum anderen brachten die aserbaidschanischen Flüchtlinge aus Armenien und dem Karabach andere Sitten mit. Es gab noch immer einen Graben zwischen den "alten" Bakinern (also mir, wie absurd) und den Zugezogenen, die von machen Alteingesessenen sogar mit dem Spitznamen "Indianer" bedacht wurden.

Immer wieder sah ich auch religiös gekleidete Frauen und Männer auf den Straßen und in den Familien von ehemaligen Nachbarn gab es nun Töchter, die Kopftücher trugen - undenkbar unter der Herrschaft der kommunistischen Partei. Viele Frauen trugen es gegen den Widerstand ihrer Eltern, ihre Kopftücher banden sie sich in den Unterführungen um, damit die Eltern ihnen nicht auf die Schliche kamen. Einmal hatte ich im Park ein Rendezvous beobachtet: Eine Frau, im Kopftuch, saß auf einer Bank und über sie beugte sich ein Mann und grinste, während sie an seinem Daumen lutschte.

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