Die Falafel ist schuld

von Anja Rützel

Es gibt viele Theorien, warum die Musikszene in Malmö so lebendig ist, warum man hier fast täglich irgendwo irgendeiner Band zuhören kann und die lokalen DJs am liebsten Platten aus heimischer Produktion auflegen, kurz, warum die kleine Stadt - 300.000 Menschen leben hier - auch ohne den Eurovision Song Contest aufregender und lauter klingt als der Rest von Schweden. Was lockt so viele Musiker an? Vielleicht ist es die lange Brücke, die im Jahr 2000 über den Øresund geschlagen wurde. Seitdem ist das Zentrum von Kopenhagen nur noch eine gute halbe Eisenbahnstunde entfernt. Oder die Universität, die 1998 gegründet wurde und als eine der größten Lehrinstitute des Landes reichlich junge Nachwuchsmusikanten anzieht.

Übersichtliche Speisekarte für Jungmusiker

Der schwedische Musiker Albin Johansson © Anja Rützel Fotograf: Anja Rützel Albin Johansson spielt in verschiedenen Bands und arbeitet als Studiomusiker in einem Tonstudio in Malmö. "Nein", sagt Albin Johansson kategorisch, "es liegt am frittierten Kichererbsensnack. In Malmö sind Falafel so billig wie nirgendwo sonst in Schweden. Davon kann man sich auch als armer Musiker schon mal ein paar Wochen ernähren. Das ist in ganz Skandinavien bekannt." Albin muss es wissen, neben seinem eigenen Projekt Pal spielt er derzeit noch in vier anderen Bands und arbeitet als Mietmusiker in einem Aufnahmestudio. Jetzt sitzt er in seinem Lieblinscafé Solde, ganz in der Nähe von Gustav Adolfs Torg, dem großen Platz mitten im Malmöer Zentrum, wo sich am 18. Mai die Eurovision-Fans beim Public Viewing drängeln werden.

Bühne statt Altar

Der Musik-Club Babel in Malmö hat sein Domizil in einer alten Kirche © Anja Rützel Fotograf: Anja Rützel In dieser Kirche finden keine Gottesdienste mehr statt. Seitdem der Club Babel dort seine Pforten geöffnet hat, tummeln sich hier diverse Live-Bands. Am Abend zuvor hat Albin in einer alten Kirche musiziert. Babel heißt das ehemalige Gotteshaus und ist ein beliebter Konzertort. Getragene Weisen sind dort nicht zu erwarten. Die Konzertreihe "Kickstart", bei der sich verschiedene junge Bands ohne Plattenvertrag an einem Abend die Bühne teilen, ist eine Pop-Wundertüte: Mal stampft eine Frau im pinken Gewand zur eigenen Rockröhre über die Bühne, als stünde sie in einem Traubenzuber, mal wiegen sich niedliche Singmädchen im feinsten Abba-Harmoniegesang. Und obendrauf lamentiert sich ein gigantischer Schlaks zu Cello, Violine und Piano herzzerreißend-wunderschön durch Ertränkungsphantasien, seine Partnerin betreffend.

Von Punk bis Zuckerpop

Im Jahr 2000 wurde Malmö offiziell zur "Pop City of the Year" ausgerufen - einen Namen als Musikstadt hatte sie sich da längst gemacht. Jedes Jahr findet hier das Malmö Festival statt, die älteste und größte derartige Veranstaltung in Schweden. Der letzte große internationale Musik-Erfolg liegt allerdings schon eine Weile zurück. Mitte der Neunziger überstäubten die Cardigans von Malmö aus die ganze Welt mit Zuckerpop. Heute klingt der Sound der Stadt weniger fluffig. "Ungefähr seit 2008 geht es hier eher in Richtung Kraut und Psychedelic, aber es gibt auch sehr gute Electronic-Sachen", sagt Dennis Lodd, der den Plattenladen Rundgång besitzt. "Und eine große Punkszene mit vielen Hardcordebands. Hier, das neue Album von This Is Head, das musst du haben, und MF/MB." Und dieses und das und unbedingt natürlich auch das hier ...  Dennis lädt dem Besucher die Arme voll Vinyl.

Dennis Lodd, Besitzer des Plattenladens Rundgång in Malmö © Anja Rützel Fotograf: Anja Rützel Dennis Lodd ist Plattenladenbesitzer mit Leib und Seele. Egal welche Musikrichtung: Hauptsache Vinyl. Klein ist sein Laden, doch bestens sortiert: Neben den neuesten Alben obskurer Stuttgarter Punkbands und leicht verschrullten Schlafzimmeraufnahmen amerikanischer LoFi-Helden, verfügt Rundgång vor allem über ein großes Sortiment lokaler Bands. Den meisten Umsatz, sagt Lodd, macht er mit Platten aus Malmö. Viele Musiker hätten sich in seinem Laden kennengelernt, natürlich kennt er auch Albin, und schon landet eine neue Scheibe auf dem Kaufpflichtstapel: "Hier, das neue Album von Solander, da spielt er auch mit." Der Stapel schwankt, hinaus damit, bevor dem emsigen Ladenbesitzer noch ein paar Malmö-Alben einfallen, die man ganz unbedingt besitzen muss.  

Beim Schlendern durch den Stadtteil Möllevangen, dem einstigen Arbeiterviertel, dringt immer mal wieder Musik durch die Ritzen der Fenster. Einen Proberaum zu finden, ist in Malmö nicht schwer, hatte Albin erzählt, die Stadt bietet auch finanzielle Förderung. Schließlich passt die junge, lebendige Musikszene gut zum neuen Malmö, das nicht mehr raue Industriestadt sein will. Nach dem Niedergang der Schiffsbauindustrie und der Werftenkrise der 70er-Jahre war die Stadt bis in die 90er von hohen Arbeitslosenquoten gebeutelt. Nun will man sich als kulturelles Zentrum neu erfinden.

Grüne Kulturstadt mit Industriecharakter

Die schwedische Band Turn Off Your Television © Turn Off Your Television Entspannter Pop-Rock made in Sweden: Turn Off Your Television lautet der ungewöhnliche Name dieser Band. "Als ich vor zwölf Jahren nach Malmö zog, war es noch eine Industriestadt, wo keiner wohnen wollte", sagt Jon Rinneby, "vielleicht war es sogar ein bisschen gefährlich". Jon singt in der Band Turn Off Your TV und erinnert sich mit seinem Schlagzeuger Eric bei einem Bier an die rasante Entwicklung, die Malmö in den vergangenen Jahren gemacht hat, hin zur grünen Kulturstadt. "Langsam wird Malmö sogar eine richtige Hipsterstadt", sagt er und klingt nur mäßig begeistert. "Das Gute aber ist: Die Leute hier interessieren sich immer mehr für lokale Bands."

Eine Sache wäre da doch noch zu klären: Wie sehen sie den Einfluss der Falafel auf die ganze Sache? "Klar, Falafel", sagt Eric, "als ich hierher gezogen bin, haben sie mich am Leben gehalten. Ich habe jeden Tag eine Portion gegessen, sonst nichts." Vielleicht ist es doch an der Zeit, diese wundersame Musikernahrung einmal zu probieren? Wo gibt es denn die besten der Stadt? Keine Ahnung, sagt Eric: "Ich habe so viele davon gegessen, ich kann sie nicht mehr sehen."

Empfehlenswerte Konzertorte oder Plattenläden für alle, die abseits des Eurovision Song Contest in Malmös Musikszene eintauchen wollen:
Clubs:

  • Babel (Spangatan 38)
  • Inkonst (Bergsgatan 29)
  • Debaser (Norra Parkgatan 2)

Plattenläden:
  • Rundgång (Kristianstadsgatan 12)
  • Musik och Konst (Spangatan 5)

Weitere Informationen

Der Hafen von Malmö mit dem "Turning Torso" © Justin Brown/imagebank.sweden.se

Teilnehmer

ESC-Gewinnerin Conchita Wurst im Goldregen. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

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Schwedische Flagge © dpa