Stand: 06.07.15 09:30 Uhr

Goodbye, null Punkte?

UMFRAGE

Sollte das Wertungssystem verändert werden?

62%

Auf jeden Fall! Das wäre gerechter. 

886 Stimmen
34%

Nein, es soll alles so bleiben, wie es ist! 

486 Stimmen
4,1%

Ist mir egal. 

58 Stimmen

Null Punkte für Ann Sophies "Black Smoke“ wie auch für "I Am Yours“ der österreichischen The Makemakes: Das war deprimierend, weil, jedenfalls deutscherseits, das letzte Nullpunkteresultat aus dem Jahre 1965 in Neapel stammt, als Ulla Wiesner mit "Paradies, wo bist Du?" vergebens um Sympathien warb. Einige Stimmen jedoch sagten nach dem Wiener Event, es habe am Punktesystem gelegen, dass die Deutsche so nullpunktig blieb. Eine Behauptung nur, gespeist aus Kummer über die Herzlosigkeit aller ESC-Länder?

40 Jahre altes Wertungssystem

Teach-In beim Grand Prix d'Eurovision 1975

Seit dem ESC 1975 in Stockholm gibt es das 12-Punkte-Wertungssystem. Teach-In aus den Niederlanden, waren damals die Sieger.

Oder eine Ahnung? Und wenn ja: Woraus speiste sie sich? Womöglich weil seit Stockholm 1975 klassisch so gewertet wird: Jedes Land nennt seine zehn liebsten Lieder. Das Favorisierte erhält zwölf Punkte, das Zweitliebste zehn und vom Dritten bis Zehnten gibt es acht Punkte bis runter auf einen Punkt. Alle anderen fallen herunter, die Plätze 11 bis - wie jetzt in Wien - 26, denn für das eigene Land darf man weder anrufen noch seitens der Jury stimmen.

Seit einigen Jahren werden alle Plätze von der European Broadcasting Union (EBU) veröffentlicht. Sogar in gesplitteter Form: Alle Länder mit allen Rankings - gesondert aufgeführt nach den Jurys, den Televotings wie als Mixtur aus beidem. Das war früher nicht der Fall. Wer nach den zehn liebsten Acts eines Landes gleich dahinter bis zum letzten Rang platziert war, fiel unter den Tisch.

Kleines Zeitfenster bestimmt Nennung der zehn besten Länder

Das Argument für die Nennung der nur zehn - aus der Sicht der jeweiligen Jury oder des Televotingergebnisses - stärksten Acts war stets ein zeitliches: Mehr als die zehn liebsten Lieder waren in das Prozedere nicht zu integrieren. Seit dem ESC in Athen 2006 wurde dieses Verfahren heftig verkürzt: Von den nationalen Punktevorlesern wurden nur noch die ersten drei genannt - mit zwölf, zehn und acht Punkten -, die Punkte von sieben bis eins wurden nur eingeblendet. Um Zeit zu sparen!

Wenn jedoch dieses Argument des begrenzten Zeitbudgets immer stärker wird, kann man gleich das Punktesystem ändern. Besser: vervollständigen. Dann mögen immer noch die ersten drei eines Landes zeremoniell genannt werden, aber wenn die Ränge dahinter ohnehin nur eingeblendet werden, könnte man auch gleich alle Plätze mit Punkten versehen.

Höchstwertung: 28 statt 12 Punkte

Ich plädiere also dafür, dass ein Gewinner in einem Land nicht 12, sondern 28 Punkte, der Zweite 26 und der Dritte 24 erhält. Die ersten beiden Acts in jeder nationalen Wertung sollen einen kleinen Vorsprung vor den dahinter Rangierten haben - alles wie schon jetzt der Fall. Das Ranking dahinter wird eingeblendet: Für den 4. dann 24 Punkte, für den Vorletzten noch zwei Zähler und für den Allerletzten einen Punkt.

Mein Kollege Tobias Asche, Webmaster beim NDR und in gewisser Weise ein sehr sympathischer Mathematik- und Statistik-Nerd, hat diesen Fall einmal für das Wiener Finalfeld ausgerechnet. Denn das Zahlenmaterial liegt ja vor. Aus den Jurywertungen flogen, wie bekannt, Mazedonien und Montenegro heraus, aus dem Televoting San Marino, weil dieses von Italien umschlossene Land bei Bologna nicht genügend Menschen zum Televoten mobilisieren konnte. So wurde zusammengerechnet - und nach dem aktuellen Stand der Dinge hätte sich nicht viel geändert.

In den Details freilich sehr wohl. Der Schwede Måns Zelmerlöw hätte gewonnen mit dem großen Gewicht der Jurywertungen (mit 989 Punkten), die Russin Polina Gagarina wäre Zweite geworden (920), die Italiener Il Volo trotz gewonnenen Televotings Dritter (916) und der Belgier Loïc Nottet Vierter (836). Letzte aber wären Electro Velvet aus Großbritannien geworden mit 254 Punkten, knapp hinter der Vorletzten Lisa Angell aus Frankreich. Ann Sophie freilich hätte beim Televoting den 22. Platz (364 Punkte) belegt, bei den Juroren sogar den 16. Rang (mit 475 Punkten) - und alles in allem wäre sie nicht punktlos ganz nach hinten durchgereicht worden, vielmehr wäre sie als 19. nach Hause gefahren.

PlatzLandPunkte Jury
1Schweden997
2Lettland878
3Russland859
4Australien853
5Belgien803
6Italien773
7Norwegen744
8Israel589
9Zypern589
10Estland573
11Georgien558
12Österreich548
13Slowenien543
14Litauen484
15Spanien483
16Deutschland475
17Aserbaidschan464
18Griechenland449
19Frankreich447
20Montenegro435
21Ungarn424
22Rumänien382
23Serbien379
24Großbritannien (UK)351
25Polen306
26Armenien241
27Albanien203
PlatzLandPunkte Televoting
1Italien990
2Russland920
3Schweden906
4Belgien823
5Estland761
6Australien731
7Israel728
8Lettland685
9Serbien604
10Rumänien601
11Spanien550
12Georgien544
13Norwegen518
14Albanien483
15Polen465
16Slowenien446
17Armenien422
18Litauen407
19Montenegro400
20Aserbaischan395
21Ungarn371
22Deutschland364
23Zypern346
24Griechenland344
25Großbritannien (UK)307
26Österreich201
27Frankreich196
Platz kombiniert Jury + TelevotingLandPunkte
1Schweden989
2Russland920
3Italien916
4Belgien836
5Australien799
6Lettland793
7Estland681
8Israel674
9Norwegen629
10Georgien538
11Spanien523
12Serbien494
13Slowenien472
14Rumänien459
15Zypern427
16Litauen402
17Aserbaidschan386
18Montenegro385
19Deutschland369
20Ungarn357
21Polen346
22Griechenland340
23Albanien306
24Österreich305
25Armenien295
26Frankreich265
27Großbritannien (UK)254

Wir haben diese Rechnerei nicht angestellt, um das deutsche Resultat schöner zu machen als es war beziehungsweise ist. Oder um Großbritannien hinter Deutschland zu packen. Aber das jetzige Zählsystem macht logisch keinen Sinn: Wenn man schon alle Ränge bis 26 ausrechnet, kann man dieses Gesamtergebnis auch gleich mit einkalkulieren.

Das Schöne oder - je nach Geschmack - Schlechte wäre in der Tat: Ein Nullpunkteergebnis käme nicht mehr zustande, und es bliebe bei den 36 Acts, die diese "Strafe" seit 1962 in Luxemburg bis zum jüngsten ESC ereilt hat. Damals mussten gleich vier Sängerinnen und Sänger (aus Belgien, Spanien, den Niederlanden und Österreich) ohne Zähler abreisen.

Ein Wertungssystem, das alle Plätze berücksichtigt, böte darüber hinaus die Chance, dass alle Acts realistisch gespiegelt bekommen, wie sie genau abgeschnitten haben. Für die Künstlerinnen und Künstler wäre das ein realistischerer Blick auf das eigene Engagement. Einen Versuch wäre es wert!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr