Stand: 03.05.15 21:00 Uhr

Eine gute Jury

Voriges Jahr gab es ja viel Ärger bei den ESC-Fans ob der Resultate der deutschen Jury. Konrad Sommermeyer, Jennifer Weist, Madeline Juno, Andreas Bourani und Sido, das war der Anlass des Verdrusses, schenkten der Siegerin Conchita Wurst so gut wie kaum Sympathie, jedenfalls keine zählbaren Punkte. Aus Deutschland erhielt die Österreicherin zwar sieben Zähler, aber das lag hauptsächlich an den Televotern. Durch diese erhielt die Wurst soviel Zustimmung in Deutschland wie niemand sonst, aber bei den Fachleuten landete "Rise Like A Phoenix" lediglich auf dem elften Rang. Bei denen lag Basim aus Dänemark ganz weit vorne. Am Ende, beide Stimmgewichte ausbalanciert, erhielten die niederländischen Common Linnets die Höchstwertung von der Reeperbahn - was daran lag, dass bei Televotern und Juroren das Duo jeweils auf Platz zwei lag.

Ich fand schon vor knapp einem Jahr, dass es das gute Recht einer Jury - einer nach fachlichen Kriterien ausgesuchten zumal - ist, nicht so abzustimmen, wie es die ESC-Community sich wünscht. Klar, ich hätte mir auch für Conchita Wurst mehr vorstellen können: Aber eine Jury hat nicht nach politischer oder performativer Symbolik zu werten - sie kann, aber sollte nicht! -, sondern nach Erwägungen, die viel mit Gefühl für zeitgenössisch erfolgreiche Popmusik zu tun hat.

Recht auf Meinungsfreiheit

Davon abgesehen: Das Recht auf Meinungs- und also auch Stimmfreiheit, fand ich nach den ersten Empörungswellen gegen die Jury, muss auch dann gelten, wenn einem das, was dabei heraus kommt, nicht so gefällt.

Dieses Jahr sind es wieder fünf Menschen aus dem Pop, die nicht gerade für eine besondere Nähe zum ESC stehen. Von Mark Forster abgesehen, der mit "Au revoir" einen hübschen Hit hatte und außerdem eine Art Schirmherr des ESC-Clubkonzerts war, sind mit Ferris MC (Rapper), Leslie Clio (Echo-Nominierte in der Kategorie "Künstlerin Rock/Pop national"), Johannes Strate (Revolverheld) und Swen Meyer (Produzent, u.a. von Lena) nur junge bis mitteljunge Menschen beisammen, die für ziemlich viele Umsatzmillionen im aktuellen Chartgeschäft stehen, und zwar sowohl in der jüngsten Vergangenheit wie auch in nächster Zukunft.

Mit anderen Worten: Man kann mit allen fünf gewiss über den ESC als Spektakel, als Event oder als Big Show plaudern, aber man wird von allen fünfen nicht erwarten dürfen, dass man mit ihnen etwa über die Feinheiten der bosnischen Vorentscheidungen der 90er-Jahre fachsimpeln kann. Die sind denen, ohne ihnen allzu nahe treten zu wollen, ziemlich gleichgültig.

Sie sollen bewerten - beim Juryfinale am Abend des 22. Mai, dem Freitag vor dem Grand Final -, was ihnen gefällt. Und das werden Acts sein, von denen sie phantasieren, dass sie chart- und massentauglich sind. Das ist insofern eine gute Wahl, eine sehr gute Aussicht. Denn nichts braucht der ESC weniger als eine Jury, die sich in ihrer ESC-Begeisterung selbst von Fans nicht übertreffen lassen will. Die gucken, was radiotauglich ist, was groovt und swingt, was sympathisch ins Ohr geht und was nicht. Insofern: Ich bin gespannt, was da wieder alles an Ärger die fachlich Versierten betreffend an die Öffentlichkeit kommt.

Kein Gericht letzter Wahrheiten

Aber, meine  Meinung: Lieber ein bizarres Urteil des Quintetts als eines, das sich mit der ESC-Volksmeinung der Fans gemein machen will. Auf das Wörtchen "will" kommt es freilich an: Könnte ja sein, dass man hinterher feststellt, beide Seiten, Jury wie Televoter, seien gleicher Auffassung. Aber das gehört mir lieber zum ESC: Dass die Meinungen krass auseinander gehen. Und man die Show auch als einen glamourösen Spaß nimmt und nicht allein als Gericht letzter Wahrheiten.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr