Kommentar

Stand: 07.12.17 16:20 Uhr

ESC-Erfolgsrezept: Das gewisse Etwas

Ein ungewöhnlicher deutscher Act soll für den Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon gefunden werden. Nicht der geringste Kompromiss, sondern Mut zum Unkonventionellen bei den Kandidaten und Kandidatinnen soll belohnt werden. Nicht "middle of the road," sondern Exzellenz durch - was auch immer. Ein ESC-Act, so ermittelte das NDR-Team um Thomas Schreiber, der Erfolg haben will, dürfe nicht nach dem Motto "Allen wohl und niemand weh" charakterisiert sein, sondern durch eben das Besondere, was diese Performance von den anderen hervorhebt. Auf der ESC-Roadshow wurde die Analyse der eurovisionären Datensammler von Digame und der Agentur Simon Kucher & Partners vorgestellt. Wir schauen bis zum deutschen Vorentscheid auf bisherige außergewöhnliche ESC-Acts aus verschiedenen popmusikalischen Genres und stellen zur Diskussion: Was war an diesen Performances in ihrer Mixtur aus Interpret, Lied und Darstellung besonders? Was hob sie von anderen ab? Den Anfang macht Loreen, die schwedische Siegerin von 2012 in Baku.

Die schwedische Sängerin Loreen steht auf der Bühne beim Finale 2012 in Baku © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Schweden: Loreen - "Euphoria"

Eurovision Song Contest -

Schon vor der letzten Wertung stand fest: Loreen ist die Siegerin des 57. ESC. Sehen Sie hier die Siegerehrung und ihren Titel, den sie am Ende der Show noch einmal gesungen hat.

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Während der ersten Probe im frisch für den ESC errichteten Veranstaltungspalast am Kaspischen Meer von Baku blieben Bühnenarbeiter stehen und sahen ihr zu: Loreen beim ersten Trainingsdurchgang für ihre Performance zum Song "Euphoria". Sie und ihr Lied wurden Wochen zuvor in Schweden sowohl haushoch durch die Televoter als auch durch die aus Europa gewonnene Expertenjury gewählt. Schon beim Melodifestival wirkte sie wie ein Wesen von einem anderen Stern: Loreen, die es im Jahr zuvor schon einmal beim schwedischen Vorentscheid probierte und nicht gewann, kam mit einem perfekten Paket und das Lied, an dem auch der ESC-Massenkompositeur Thomas G:son mitgeschrieben hatte, lag perfekt in der Zeit.

Song ohne direkte Assoziationen zum ESC

Die Sängerin Loreen aus Schweden  Fotograf: Alain Douit

Düster und geheimnisvoll war Loreens Performance 2012 in Baku.

Sphärische Klänge, deren erste Töne wie aus einem Verlies herüberwehten, eine ganz düster gewandete Sängerin als sei sie eine Enkelin der legendären Kate Bush, der Up-Tempo-Beat nach den ersten Sekunden der Gewöhnung: Das war auf Anhieb wie ein Lied, das eigentlich nicht mit dem ESC assoziiert wird. "Euphoria" als Titel hatte eine gewisse Ambivalenz: Das war keine pralle Euphorie, zumal man Loreen während der gesamten drei Minuten kaum ins Gesicht sehen konnte, so dunkel war ihr ganzer Look, die endlos fließenden Haare ihr Antlitz verhüllend.

Perfekte Bonbonschachtel des Pop

Loreen für Schweden bei den ESC-Proben in Baku. © Eurovision TV Fotograf: Andres Putting

Loreens ungewöhnlicher Tanzstil war Teil des Gesamtpakets.

"Euphoria" hob sich von allem ab, was beim 57. Eurovision Song Contest sonst noch im Angebot war. Okay, die russischen Großmütter Buranowski Babuschki lieferten eine hinreißend trashige Show. Nina Zilli zeigte, wozu italienischer Pop fähig ist, der Este Ott Lepland sang eine hinreißend verzweifelte Ballade, und der Deutsche Roman Lob lieferte eine vorzügliche Performance mit seinem "Standing Still" ab. Aber nur bei Loreen war während der Probentage für die Leute backstage klar, dass sie in einer eigenen Liga spielen würde. Man könnte sagen: Im Bereich "Zeitgenössischer Pop für lange Autofahrten mit dem gewissen Sinn für die Zwischentöne auch in der Disko" war ihr Lied eine Offenbarung. Sie buhlte nicht mal mit der Kamera, zwinkerte nicht ins Rotlichtsignal der Aufnahmegeräte, spulte vielmehr wie selbstvergessen ihre drei Minuten ab und wirkte dabei absolut souverän. Dass mit mit Stilen der brasilianischen Kampfsporttechnik Capoeira wie bei einer Tranceshow tanzte - als sei es eine Free-Move-Veranstaltung - und sich von einem Tänzer heben ließ wie beim Eistanz: Das war eine perfekte Bonbonschachtel des Pop. "Euphoria" war wie ein gellender Schrei nach Punkten, ohne dass ihre Verführungsdarstellung als solche wirkte. Die Schwedin hat diese Klasse nie wieder erreicht, auch bei den vielen Auftritten nach ihrem ESC-Sieg - bei der BBC oder etwa im Fußball-EM-Studio des ZDF am Strand von Usedom - schaffte sie es nicht mehr, diese Glut an Unbezwinglichkeit zu entfachen. Im Jahr darauf performten für Deutschland mit einer stilistisch verwandten Nummer Cascada: "Glorious" landete unter ferner sangen. Man konnte daraus lernen: Nie auch nur ein bisschen so sein wie das Siegesrezept des Vorjahres.

Perfektion nicht unbedingt planbar

"Euphoria" erfüllte nur ein Kriterium nicht: das der Spannung. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit rivialisierenden Acts gab es einfach nicht. Nach der dritten Wertung führte die Schwedin das Tableau an und ließ nicht mehr von der Spitze los. Das Lied erhielt aus 18 Ländern zwölf Punkte - so oft bekam eine Performance nie zuvor und nie danach die Höchstwertung aus den ESC-Ländern. Dass Italien Loreen "übersah" und keinen einzigen Punkt gab, war allenfalls der kleinste Makel. Loreen ist zurecht in der Hall of Fame des Eurovision Song Contest. Im Hinblick auf die ESC-Überlegungen der ARD heißt das nur: Perfektion ist auch ein glücklicher Zufall. Loreen, eine siegeshungrige Popsängerin, ein perfekt arrangiertes Lied und ein Team, das aus exzellenten Zutaten ein prima ESC-Gericht zaubern konnten: Das muss als "Material" auch erst mal vorrätig sein. Aber: So besonders wie die Schwedin in Baku war ein ESC-Act selten.

Ungewöhnlichkeitsfaktor: sehr stark. Perfekte, in jeder Tausendstelsekunde überlegte Performance, die telegen in drei Minuten absolviert wurde. Klarer Favoritinnensieg. Aber: Das muss man erst mal schaffen, wenn das Lied schon so originell ist.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 30.12.2017 | 19:05 Uhr