Stand: 14.02.17 12:05 Uhr

Feddersens Kommentar: Tom will Conchita "töten"

Conchita auf der Bühne beim ESC-Vorentscheid  "Unser Song 2017" © Willi Weber/ Brainpool Fotograf: Willi Weber

Conchita sang beim deutschen Vorentscheid ihre ganz eigene Version von Lenas "Satellite".

Wer Augen hatte zu sehen, konnte dies schon bei "Unser Song 2017" in Köln während des Interval-Acts erkennen: Conchita, als Teil eines ESC-Siegertitel-Medleys mit Nicole und Ruslana, war in Sachen Kleidung und kosmetisch schon eine andere Performerin als beim Sieg mit "Rise Like A Phoenix" 2014 in Kopenhagen. Auf "Spiegel Online" hieß es danach, Conchita habe eine "Maximum-Drama-Version" von "Satellite" geliefert - also die aufgespeckte Version von Lenas Siegestitel von 2010.

Conchita tritt anders auf

Zu erkennen war aber, dass Conchita in gewisser Weise "männlicher", härter und irgendwie anders war. Nicht mehr versteckt hinter einem gigantischen Fummel, die Haare nicht mehr so gestriegelt, sondern luftig gefönt, der Bart wuschelig, der Blick kühler. Gleiches gilt für das Gespräch mit Bürger Lars Dietrich - Conchita schien schon vorige Woche starke Akzentwechsel in eigener Sache gesetzt zu haben.

In der "Welt am Sonntag" waren am Wochenende Zitate von Tom Neuwirth über die Zukunft seiner Kunstfigur Conchita und deren Auflösung nachzulesen - ebenso in der österreichischen Zeitung "Kurier". Wörtlich heißt es dort: "Ich habe das Gefühl, eine neue Persona schaffen zu wollen. Vielleicht noch gar nicht mich. Aber mit der bärtigen Frau habe ich seit dem Song-Contest-Sieg im Prinzip alles erreicht. Ich brauche sie nicht mehr. (...) Ich muss sie töten", so Neuwirth.

Conchita war und ist ja immer eine künstlerische Ausdrucksform des Österreichers Neuwirth, das hat er nie anders gesagt. "Ich bin auf der Suche, ja. Ich hinterfrage mich dieser Tage mehr denn je. Ich suche das, was ich richtig gut kann. Ich kann von allem ein bisschen, das ist mein Problem. Ich suche mich. Und Tom rebelliert." Eine Frau jedenfalls habe er nie sein wollen. "Ich liebe Männer, wie gesagt - aber als Mann. Wenn ich als Conchita von Männern angemacht werde, regt sich bei mir gar nichts. Als Drag fühle ich mich komplett asexuell."

Selbstneuerfindung zur Selbstrettung

Conchita Wurst singt auf der großen ESC-Bühne. © NDR/Rolf Klatt Fotograf: Rolf Klatt

Conchita in Abendrobe 2014 in Kopenhagen: Sie gewann den ESC für Österreich.

Man darf anfügen: Das war eine absehbare Entwicklung. Tom Neuwirth ist ein wunderbarer Künstler, der eben aus Lenas "Satellite" eine gültige Version performen kann und sich das Lied sozusagen zu eigen macht. Conchita ist die erfolgreichste und präsenteste ESC-Siegerin seit Abba. Nicht im Hinblick auf die Plattenverkäufe, sondern mit Blick auf die Zahl der Follower in den sozialen Medien, Gastauftritte in Talkshows - eben als Figur, die in der Öffentlichkeit Interesse weckt. Das weiß Neuwirth längst, er kann seine Figur langsam in den Ruhestand schicken. Wenn auch nicht sofort: Ein neues Album soll noch unter dem Namen Conchita erscheinen. Es wird also ein langsames Sterben, aber ein notwendiges, um dem Künstler die Chance zu geben, sich neu zu erfinden.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 09.02.2017 | 20:15 Uhr