Kommentar

Stand: 08.11.17 10:08 Uhr

"Alle einsteigen!" in Lissabon?

Nach der Tagung der Reference Group, der Lenkungsgruppe des ESC, mit den portugiesischen Gastgebern des 63. ESC im Mai in Lissabon war klar: 42 Länder werden am Event teilnehmen. Sechs von ihnen sind gleich für das Finale gesetzt, die sogenannten Big-Five-Länder Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien und Deutschland sowie als Sieger des vorigen Jahres Portugal. Die anderen 36 Kandidaten müssen sich in zwei Semifinals für das Grand Final qualifizieren. Alles mithin wie immer. Nur Mazedonien, seit 1998 in fast jedem Jahr mit von der Partie und zuletzt 2012 in Baku im Finale, fehlt im Vergleich zum vorigen Jahr. Insofern hat das Motto des nächstjährigen ESC eine leichte Unschärfe: "All aboard", so verstehe ich es, heißt auf deutsch "Alle einsteigen" - aber das gilt eben nicht für Länder, die ihre Umlagegebühren in die Kassen der European Broadcasting Union (EBU) sehr lange nicht bezahlt haben. Mazedoniens öffentlich-rechtlicher Sender, chronisch klamm im Budget, ist in dieser Hinsicht säumig geworden: Nun kann dieses Land seine Ansprüche an den ESC wenigstens ein Jahr lang auf Eis legen.

Chronische Geldknappheit für internationale Vernetzung

Die exjugoslawischen und nichtprivaten TV-Sender haben ja allesamt Schwierigkeiten, einerseits die TV-Gebühren einzutreiben, andererseits eben Übertragungsrechte von der EBU zu kaufen und zu bezahlen. Rumänien musste deshalb auch schon ein Jahr aussetzen. Für Mazedonien heißt das: keine über die EBU bezogenen Nachrichtenbilder, und auch kein Eurovision Song Contest. Neben Bosnien und Herzegowina ist Mazedonien das zweite Land aus dem früheren Jugoslawien, das sich vom Eurovisionsfestival zurückziehen muss. Bis Weihnachten können Länder noch ihre Teilnahme stornieren, ohne größere Strafgebühren bezahlen zu müssen. Sogar Mazedonien könnte dann noch in allerletzter Minute aufgenommen werden: Es muss, was momentan ganz unwahrscheinlich ist, nur die EBU-Gebühren bezahlen.

Russland wieder dabei

Die russische ESC-Kandidatin Julia Samoylova © Ivan Knyazev / knyazevivan.com

Julia Samoylova durfte 2017 nicht zum ESC nach Kiew. Damals kündigte Russland an, dass sie die Kandidatin für 2018 sein wird.

Dafür, keine Überraschung, ist Russland wieder dabei. Voriges Jahr, wir erinnern das ungern, wurde die russische Sängerin Julia Samoylova nicht in die Ukraine gelassen, weil sie nach der Besetzung der zur Ukraine gehörenden Schwarzmeerhalbinsel Krim durch Russland dort auftrat. Das aber führte - weil sie über Russland eingereist war - von Seiten der Ukraine zu einem Einreiseverbot. Jedenfalls: Portugal als Gastgeberland ist frei von politischem Hadern und Zwistigkeiten. Man darf gespannt sein auf den Act aus Russland. Eigentlich wurde Julia Samoylova ja versprochen, wenn nicht in Kiew, so immerhin in Lissabon auftreten zu dürfen. Eine offizielle Bestätigung gibt es aber noch nicht. Insofern: "Alle einsteigen" gilt als freundlicher Appell für 42 Länder, und nicht für jene, die auf den ESC verzichten müssen oder wollen, wie die Türkei, mit der niemand mehr rechnet, solange dieses Land von Präsident Erdogan und seinen Freunden regiert wird.

Noch kein Termin für Ticketverkauf

Der Kartenvorverkauf für die Events in der Altice Arena, der größten Halle in Portugal, hat noch nicht begonnen: Aber auch das kennen ESC-Fans, die live dabei sein wollen, schon. Es wird, soviel darf spekuliert werden, geordneter verlaufen als Anfang des Jahres für die kleine Messehalle in Kiew. Mit 12.000 Plätzen (maximal 20.000) ist sie auch groß genug, um alle Kartenwünsche befriedigen zu können.

Die Auslosung der Halbfinals findet, auch dies ist keine Abweichung von der eurovisionären Vorbereitungsroutine, Mitte bis Ende Januar statt. Mit anderen Worten: Ein ESC, der im Vorfeld keine politischen Spannungen bringt, ist gar nicht so übel, oder?

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 18.11.2017 | 19:05 Uhr