Kommentar

Stand: 13.11.17 13:34 Uhr

ESC-Code mehr als die Summe vieler Einzelteile

Thomas Schreiber beim Finale auf der Bühne  bei  "Unser Song 2017" für den Eurovision Song Contest. © Brainpool / Willi Weber Fotograf: Willi Weber

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber und sein Team entschlüsseln den ESC-Code.

Ein "Code" sollte geknackt werden - nicht einer wie beim verschwörungstheoretisch orientierten Schriftsteller Dan Brown, so Thomas Schreiber, seit 2009 ESC-Verantwortlicher der ARD. Aber eine Art Formel, mit der gründlichst herausgefunden werden sollte, welcher Act aus welchen Gründen gewinnen konnte beziehungsweise vorne lag. Und der soll nun entschlüsselt werden. Besser ist zu sagen: Man hat es geschafft. Mit diesen Erkenntnissen nach Auswertungen von ESC-Big-Data im Hintergrund, soll der nächste deutsche ESC-Kandidat gesucht werden.

Vorentscheidverfahren gab es viele

Das für das nächste Jahr entwickelte Konzept für den deutschen Act für Lissabon wirkt freilich nur auf den ersten Blick kompliziert. Jedenfalls gemessen an früheren Verfahren. Mal wurde eine Künstlerin gesetzt und ihr Lieder für eine Solovorentscheidung geschrieben (Katja Ebstein 1971, Lena 2011). Dann wieder, das häufigste Modell, konkurrierten Sänger und Sängerinnen miteinander, von den Plattenfirmen bestimmt. Die Lieder brachten sie mit oder wurden ihnen von den jeweiligen Labels der Musikindustrie verordnet. Es hat Castings gegeben, das in Deutschland berühmteste war das des Jahres 2010, als Lena wie aus der Versenkung alles erfüllte, was sich der NDR und Stefan Raab von Pro7/Brainpool versprachen: "Ein Star für Oslo".

Datenanalyse der ESC-Votings

Was in dieser ESC-Saison anders wird, ist das wissenschaftliche Futter, das dem Verfahren unterlegt wird, und zwar ein mathematisch grundiertes. Der NDR kooperiert mit digame mobil, seit 2004 für die Ermittlung des internationalen ESC-Televotings zuständig, sowie mit Simon-Kucher & Partners, einer Strategie-Beratungsfirma mit Sitz in Bonn. Kurz gesagt: digame mobil hat sich die vergangenen Jahre in Sachen Televoting angeguckt, die Zahlen sind in diesem Unternehmen ja vorrätig: Wer hat durch wen und aus welchem Land Punkte erhalten? Welche Titel kamen gut bis sehr gut, welche nicht so sehr an?

Einer näheren Analyse wurden auch die Backup-Jurys unterzogen. Einige Jahre hatten Jurys, anders als in den ersten Jahrzehnten des ESC, kaum etwas zu melden: Sie wurden gebildet, um Unzulänglichkeiten in den Telefonnetzen oder bei Katastrophen (2000 eine Explosion in einer Feuerwerksfabrik in den Niederlanden) auszugleichen. Heraus kam neben vielem anderen auch ein erstaunlicher Befund: Roger Cicero landete bei seinem Auftritt 2007 in Helsinki auf dem 19. Platz - besser stuften ihn die Televoter nicht ein. Bei der (Backup-) Jurywertung hätte er gewonnen: Die Fachleute aus der Musikbranche, wenn man so will, liebten seine Musik und seine Performance.

Was zählt, ist das Besondere!

Aber eben nicht das Publikum in der Eurovisionszone. Gewonnen hat die Serbin Marija Šerifović, hinter ihr Verka Serduchka aus der Ukraine, beides spektakuläre Performances mit großem musikalischen Gehalt. Andere Sieger, die das Team um Thomas Schreiber beeindruckten, waren Conchita und Loreen. Die Televoter, hieß es, hätten ein Gespür für das Besondere.

Was jetzt, so trugen es die ESC-Verantwortlichen in den ESC-Roadshows in München, Frankfurt am Main und Berlin vor, folgt, ist ein akribisches Suchen nach ESC-Potential. Als Helfer und Helferinnen werden sogenannte Europa-Fans ermittelt, Menschen, die beim deutschen Televoting nah am späteren Gesamtendergebnis stimmten - sowie ehemalige ESC-Juroren (nicht nur aus Deutschland). Sie prüfen die Kandidaten per Kurz-Video-Schnipsel, sie gucken sich die Runde für Runde kleiner werdende Schar der Aspiranten an, und am Ende stehen im deutschen ESC-Vorentscheid fünf Acts mit entsprechenden für sie speziell ausgesuchten Liedern. Das klingt wahnsinnig aufwendig, und das ist es auch. Ich kann mich an kein nationales Verfahren erinnern, das so intensiv ins Werk gesetzt wurde, selbst das schwedische Melodifestival funktioniert wesentlich schlanker und übersichtlicher. Viele Details des deutschen Prozederes sind noch nicht öffentlich, aber sei's drum: Schreiber und die Seinen wissen, dass ein deutscher ESC-Act für Lissabon nicht wie handwerklich perfekte zugeschnittene Pop-Konfektion sein darf und sich eher zu orientieren hat an Liedern und Acts, die auf Anhieb einen starken Eindruck hinterlassen, im Guten oder auch im Kontroversen.

Eine Unwägbarkeit bleibt

Salvador Sobral auf der Bühne beim Finale © NDR / Rolf Klatt Fotograf: Rolf Klatt

Salvador Sobral schaffte es mit seiner Performance in Kiew, seinen Titel nicht nur zu singen, sondern zu einem ganz besonderen ESC-Moment zu machen.

Was bei allen Schritten zur deutschen Vorentscheidung oder im Hinblick auf Lissabon im Mai nicht oder nur begrenzt ermittelt werden kann, ist das, was man die Fähigkeit zum Momentum nennen könnte.  Momentum - das ist das persönliche Vermögen eines Künstlers oder einer Künstlerin, in den drei Minuten ihrer Performance über sich hinauszuwachsen, mehr zu sein, als nur Liedvortragende, sondern die Verkörperungen der Lieder selbst. Conchita, Loreen, Lena oder auch Salvador Sobral vermochten das: unbezwingbar zu wirken, mehr zu sein als nur die Summe aller Einzelteile einer Darbietung. Gegen Sobral wirkte der Italiener Francesco Gabbani, eigentlich haushoch favorisiert (auch durch mich), wie gelähmt, sein Lied "Occidentali's Karma" ein Zeugnis von Dutzendware.

Ein Momentum hervorzubringen und nicht auf der Bühne vor Angst zu "sterben" - auch Roman Lob schaffte das 2012 in Baku: ultrasympathisch und interessant herüberzukommen. Das allerdings ist in einem Casting nur schwer herauszufiltern: Wer hat das prinzipiell drauf, wer eher nicht? Aber so ist eben auch der ESC als Prinzip: nur mit allem in seinem Code knackbar. Überraschungen sind gut möglich. Möge der deutsche Kandidat, die Kandidatin genau das drauf haben!

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 18.11.2017 | 19:05 Uhr