Stand: 20.05.16 10:20 Uhr

Wolthers Welt

Ukraine: Heimat der Kosakenlieder

Der Unabhängigkeitsplatz in Kiew (Ukraine). © dpa Fotograf: Wolfgang Langenstrassen

Kiew ist die Hauptstadt der Ukraine.

Als größter Flächenstaat Europas - wenn man einmal von Russland absieht - ist die Ukraine nicht nur die Wiege des Kosakentums, sondern auch einer Jahrtausende alten Musikkultur. Bei Ausgrabungen in der Nähe der Stadt Tscherniwzi (Czernowitz) wurden 20.000 Jahre alte Knochenflöten und Musikinstrumente aus Mammutstoßzähnen entdeckt.

Gemeinsame Wurzeln

Gewinnerin Jamala aus der Ukraine hält den ESC-Pokal in die Höhe. © dpa - Bildfunk Fotograf: Britta Pedersen

ESC-Siegerin Jamala ist Nachfahrin der Tataren, die seit dem 15. Jahrhundert auf der Krim siedelten.

Obwohl die Ukraine erst seit 1991 ein souveräner Staat ist, lässt sich die Entwicklung einer eigenständigen ukrainischen Kultur bis ins frühe Mittelalter zurückverfolgen. Dabei streiten sich die Geschichtsschreiber, ob die sogenannte Kiewer Rus - ein ostslawisches Großreich, das seit dem Ende des 9. Jahrhunderts bestand - Vorläufer der Ukraine ist oder nicht doch die Keimzelle des heutigen Russland. Sicher ist, dass sich die Kiewer Rus Zeit ihres Bestehens gegen einfallende asiatische Nomadenstämme zur Wehr setzen musste - darunter auch die Tataren, die sich später auf der Krim niederließen - und schließlich im 13. Jahrhundert zerfiel. Weite Gebiete der ehemaligen Kiewer Rus gelangten unter den Einfluss von Polen-Litauen, das zur Absicherung der Außengrenzen im Süden freie Wehrbauern ansiedelte, die Kosaken.

Kosakenlieder

Die zahlreichen Kosakenlieder, in denen die Taten der Kosaken gerühmt werden, zeugen von der Bedeutung dieser Freischärler für das ukrainische Selbstverständnis. Sie wurden zumeist von fahrenden, oft blinden Musikanten geschrieben und vorgetragen, den Kobzary. Ihre langen lyrischen Balladen, die Dumy spielten sie auf der Bandura, einem zitherähnlichen Instrument, das wie eine Harfe gezupft wird. Dabei bedienten sie sich der sogenannten "ukrainischen Moll-Skala", die auch in der Klezmer-Musik Verwendung findet. Von den Kosaken stammt auch der Kasatschok, ein artistischer Tanz, bei dem aus der Hocke gesprungen und abwechselnd das linke und das rechte Bein gestreckt werden.

Volkstradition

Ruslana vor der Ukrainischen Flagge. (Bildmontage) © Fahne: Fotolia, Quelle Künstler: picture-alliance / Sven Simon Fotograf: Fahne: Juergen Priewe, Fotograf Künstler: Sven Simon

2004 gewann Ruslana mit "Wild Dances" den ESC für die Ukraine.

Die ukrainische Volksmusik zeichnet sich durch ihre Heterophonie aus. Dabei wird die Melodie von mehreren Stimmen gleichzeitig ausgeführt aber von jeder Stimme unterschiedlich verziert, was ihr eine leicht orientalische Anmutung verleiht. Das traditionelle Musiktrio, die Troyista muzyka, das bei Festen und Prozessionen aufspielt, besteht aus Cymbaly, einer Art Hackbrett, Sopilka, eine Schnabelflöte, und Geige. Song-Contest-Fans bestens bekannt dürfte die Trembita sein, das ukrainische Alphorn, das bei den "Wild Dances" von Ruslana zum Einsatz kam. Es wird bei den Huzulen gespielt, einem Volksstamm in den ukrainischen Karpaten, und dient der Kommunikation von Berg zu Berg.

Moderne Zeiten

Im 20. Jahrhundert wurde die Ukraine Schauplatz millionenfachen nationalsozialistischen und stalinistischen Völkermords, was sich natürlich auch auf die musikalische Entwicklung auswirkte. Viele Kobzary wurden Opfer der stalinistischen Säuberungen, da die Bandura als Symbol ursprünglicher ukrainischer Kultur unerwünscht war. Aber auch die Vernichtung von Juden, Sinti und Roma zerstörte musikalische Traditionen, die die ukrainische Musik über viele Jahrhunderte befruchtet hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verliefen die Entwicklungen in der Sozialistischen Sowjetrepublik Ukraine dann weitgehend parallel zu Russland.

Abgrenzung vom großen Bruder

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Eine eigenständige ukrainische Pop- und Rockmusik entwickelte sich erst ab den späten 1980er-Jahren. Eine wichtige Rolle als Talentschmiede spielte dabei das alle zwei Jahre stattfindende Tscherwona-Ruta-Festival, das 1989 erstmals ausgerichtet wurde und Künstler in verschiedenen Genres auszeichnet. Hier sammelten Stars wie Ani Lorak oder Ruslana Bühnenerfahrung. Mittlerweile bietet die heimische Musikszene Rock, Estrada und Popsa in vielfältigen Variationen und natürlich in ukrainischer Sprache an. Die kulturelle Nähe zu Russland bedingte lange Zeit eine Orientierung der Künstler nach Moskau, um von den Absatzmärkten des großen Nachbarn zu profitieren, doch seit dem Konflikt in der Ostukraine und der russischen Annektierung der Krim ist damit nun Schluss: Von ukrainischen Künstlern wird erwartet, dass sie sich von Russland fernhalten.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr