Stand: 18.05.17 11:00 Uhr

Jurys und Publikum ticken unterschiedlich

Der ESC-Gewinner Salvador Sobral © eurovision.tv Fotograf: Andres Putting

Der Portugiese Salvador Sobral hat den ESC 2017 mit 758 Punkten gewonnen.

"Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten …" Ganz so einfach ist es beim Eurovision Song Contest nicht, denn die Punktevergabe birgt eine ganze Menge Diskussions- und zuweilen auch Zündstoff. Zunächst einmal Entwarnung: Trotz sagenhafter 758 Punkte für Salvador Sobral bleibt der norwegische Sieger Alexander Rybak Punkterekordhalter. Wie das kommt? "Fairytale" erhielt beim ESC 2009 in Moskau 78,66 Prozent der erreichbaren Höchstpunktzahl, "Amar pelos dois" kommt mit dem neuen Punktesystem 2017 nur auf 77,03 Prozent und landet damit auf Platz 3 hinter "Heroes" von Måns Zelmerlöw, der 2015 in Wien 77,99 Prozent der erreichbaren Höchstpunktzahl erhielt.

Neue Rekorde

Der Bulgare Kristian Kostov bei seinem Auftritt im ESC-Finale von Kiew. © dpa Bildfunk Fotograf: Julian Stratenschulte

Der 17-jährige Kristian Kostov gewann mit mehr als 35 Prozentpunkten Vorsprung das zweite Semi.

Das bedeutet allerdings nicht, dass 2017 keine Rekorde aufgestellt wurden. Seit Wiedereinführung der Jurys ist "Amar pelos dois" der Titel, der mit Abstand am deutlichsten die Jurywertung gewonnen hat: 77,64 Prozent der Jurypunkte gingen nach Portugal. Dafür holte Kristian Kostovs Beitrag "Beautiful Mess" im 2. Halbfinale den Rekord als derjenige Beitrag, der mit dem größten Vorsprung in der ESC-Geschichte gewonnen hat: Mit 35,38 Prozentpunkten vor dem zweitplatzierten Song "Origo" des Ungarn Joci Pápai übertrumpft er sogar den legendären Vorsprung, den Alexander Rybak im Finale 2009 auf den zweitplatzierten Titel "Is it True" herausholte (34,35 Prozentpunkte). Den Rekord am unteren Ende der Skala verpassten Valentina Monetta und Jimmie Wilson aus San Marino dagegen nur knapp: "Spirit of the Night" landet in der ewigen Liste der Songs, die mit dem größten Abstand Letzter geworden sind, mit einem Rückstand von 11,39 Prozentpunkten auf Platz 2. Platz 1 belegt seit 1984 die Österreicherin Anita mit dem Titel "Einfach weg" und einem Rückstand von 15,91 Prozentpunkten.

Jury-Punkte retten Österreich

Apropos Österreich: Nathan Trents Beitrag "Running on Air" erhielt seine Punkte ausschließlich durch die Jury, beim Publikum erreichte er nicht einen Punkt. Über alle abstimmenden Länder hinweg betrachtet gibt es eine Kluft zwischen Jury- und Publikums-Voting. Im Schnitt bewerteten die Juroren das österreichische Energiebündel 17 Ränge höher als die Zuschauer. Dafür wurden die Beiträge aus Rumänien und Kroatien um jeweils 14 Ränge schlechter bewertet als im Televoting. Vor allem die Jury aus Mazedonien konnte mit dem kroatischen Beitrag "My Friend" nichts anfangen und wertete ihn um 23 Ränge schlechter als die mazedonischen Fernsehzuschauer. Österreich konnte bislang am deutlichsten von der Wiedereinführung der Jurys profitieren: Neben Nathan Trent wurden auch Nadine Beiler im Jahr 2011 in Düsseldorf und The Makemakes beim ESC 2015 in Wien von den Jurys nach oben gepunktet - aufgrund des damaligen Punktesystems allerdings ohne größere Auswirkungen auf das Endergebnis.

Promo-Touren lohnen sich

Vor dem ESC war Levina in vielen Ländern unterwegs, um sich und ihren Song dort vorzustellen. Dennoch erhielt "Perfect Life" nur drei Jurypunkte aus Irland und drei Zuschauerpunkte aus der Schweiz, wo Levina gar nicht aufgetreten ist. War der ganze Promotion-Aufwand also umsonst? Nein, denn wer genauer auf die Rankings der einzelnen Länder schaut, stellt fest, dass der deutsche Beitrag in Armenien und Georgien, wo Levina im Fernsehen zu Gast war, auf Rang 14 der Televoter lag - und damit deutlich über dem Durchschnittsrang 20,79. Bei den Jurys verfehlte "Perfect Life" die Punkteränge in Schweden und Großbritannien nur knapp: Für die unglückliche Elfte gab es dort leider keine Punkte, weil nur die ersten 10 in die Wertung kommen. Die Mehrheit der Zuschauer stufte Deutschland allerdings auf einen Platz jenseits der 20, sodass das Endergebnis nicht besser ausgesehen hätte, wenn - wie von Peter Urban vorgeschlagen - alle Beiträge mit Punkten von 1 bis 26 bewertet worden wären. Auch bei einem solchen Modus wäre Deutschland 25. geworden, hätte sich nach der Jurywertung allerdings kurzzeitig den 22. Platz mit Griechenland geteilt. Mit einem Durchschnittsranking von 19,31 liegt "Perfect Life" übrigens vor Jamie-Lees Song "Ghost" (20,68) aus dem Jahr 2016 aber deutlich hinter "Black Smoke"(17,09), mit dem Ann Sophie 2015 für Deutschland antrat.

Unterschiede zwischen Jurys und Zuschauern

Auch wenn Salvador Sobral sowohl bei den Jurys als auch bei den Zuschauern die Nase vorn hatte, werten Jurys und Zuschauer sehr unterschiedlich. Die größten Unterschiede waren - wie schon im Vorjahr - bei der tschechischen Jury zu beobachten, wo die Abweichung im Schnitt 8,22 Ränge betrug. Dagegen lagen die Juroren aus Zypern recht nah am Geschmack der Zuschauer mit einer Abweichung von durchschnittlich nur 3,63 Rängen. Insgesamt war der Unterschied zwischen Jurywertung und Zuschauerwertung mit einer durchschnittlichen Abweichung von 5,92 Rängen geringer als im Vorjahr: 2016 lag die Abweichung noch bei 6,63 Rängen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr