Kommentar

Stand: 20.10.17 16:45 Uhr

Der Kosovo beim Eurovision Song Contest?

Die Flagge des Kosovo © picture alliance / J.W.Alker

Die Farben des Kosovo werden 2018 keinen Einzug in die ESC-Flaggenparade bekommen.

Seit Langem, genauer seit seiner Unabhängigkeitserklärung im Jahre 2008, strebt der Kosovo eine Mitgliedschaft in der European Broadcasting Union (EBU) an, um am Eurovision Song Contest teilnehmen zu können. Warum, fragt nun der Kaufmann, sollte die Regierung eines durch Krieg, Verschuldung, Abwanderung der Jugend und wirtschaftlichen Misserfolg derart gebeutelten Landes freiwillig mehrere Tausend Euro für die ESC-Teilnahme zusammensparen wollen? Die Antwort darauf scheint so einfach wie beunruhigend.

Mitmischen auf internationaler Ebene

Ähnlich wie andere kleine Länder des Westbalkans, beispielsweise Albanien, Mazedonien (FYR) oder Montenegro, bemüht sich der Kosovo international um Aufmerksamkeit. Wie auch die Olympischen Spiele, an denen der Kosovo 2016 das erste Mal teilgenommen hat, bietet der ESC kleinen Staaten die Möglichkeit, auf internationaler Ebene mitzumischen. Was also spricht gegen eine Teilnahme des Kosovo? Nach den EBU-Statuten dürfen nur Länder am ESC teilnehmen, deren Rundfunkanstalt Mitglied in der EBU beziehungsweise mit dieser assoziiertist. Weder das eine noch das andere tritt auf den Kosovo zu, denn für beides verlangt die EBU eine Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen, beziehungsweise deren Suborgan der Internationalen Telekommunikationsunion, oder im Europarat - beides hat der Kosovo nicht. Und er wird sie wohl auch so schnell nicht bekommen, da Russland auf UN- wie Europaebene blockiert. Russland ist der historische Verbündete Serbiens, also genau jenen Landes, von dem sich der Kosovo abgespalten sehen möchte. Es ist wie in der Grundschule: Der Feind meines Freundes ist auch mein Feind.

Interessant sind dann jene Meldungen über eine nächstjährige Teilnahme des Kosovo beim Grand Prix, die der kosovarische Staatssender RTK (Radio Televizioni i Kosovës) fast jährlich verlauten lässt. So auch in diesem Jahr: Am 5. September hat RTK verkündet, man werde 2018 beim ESC in Lissabon dabei sein, da Gastgeber Portugal den Kosovo anerkenne und dies nach den EBU-Statuten eine Teilnahme ermögliche. Wer nun ein wenig in jenen Statuten herumblättert, der findet recht schnell heraus, dass die Frage nach der Teilnahme eines Landes von der Anerkennung durch das Gastgeberland schlicht nicht berührt wird. Der Staatssender RTK verbreitet also zu Neudeutsch Fake News.

Frage der Unabhängigkeit von Serbien

Mentor Shala, Generaldirektor öffentlich-rechtlicher Sender RTK im Kosovo © EBU

Mentor Shala, der Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Senders RTK im Kosovo, zeigte sich enttäuscht über die ESC-Absage der European Broadcasting Union.

Problematisch ist, dass sich jedes Jahr wieder die Freunde der ESC-Erweiterung auf jene Neuigkeiten aus dem Kosovo stürzen und ganze Sätze aus Wikipedia wörtlich wiedergeben, die dann wiederum die Website von RTK als Quelle haben. Nicht umsonst ist an den meisten Lehreinrichtungen hierzulande Wikipedia als Quellenangabe in etwa so gerne gesehen wie Google-Bilder. Ist doch alles nicht so wild? Für die Regierung des Kosovo ist die Teilnahme am ESC eine Frage der Loslösung von Serbien und tangiert damit ihre Existenzberechtigung. Diese ausgesprochen politische Dimension einer ESC-Teilnahme des Kosovo verdeutlicht die Aussage des Generaldirektors von RTK, Mentor Shala, gegenüber der Website esctoday.com bezüglich der diesjährigen erneuten Absage durch die EBU: "It's not at all fair and there ist no reason to block a country to attend a song festival like the ESC. We are very sorry that a nonpolitical organization like the EBU is politically acting in the case of Kosovo." Zu deutsch: "Wir bedauern, dass eine nichtpolitische Organisation wie die EBU im Fall des Kosovo politisch agiert und eine Teilnahme blockiert." Doch wie wir wissen: Entgegen dieses unsäglichen Statements basiert die Entscheidung der EBU, den Kosovo wiedermals nicht zum ESC zuzulassen, auf den eigenen Regularien und ist nicht politisch begründet. Der kosovarische Staatssender scheint dies nicht erkennen zu wollen.

Die EBU und mit ihr alle Fans der Idee einer ESC-Teilnahme des Kosovo sollten sich für die Zukunft also fragen, ob sie mit einem Sender kooperieren oder diesen gar in ihre eigenen Reihen aufnehmen möchten, der Fake News über sie verbreitet, der ihnen vorwirft, eine politische Agenda zu verfolgen und der - auch im Hinblick auf die Integrität der Fachjury - offensichtlich politisch in keinster Weise unabhängig ist von der Regierung, die ihn finanziert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 18.11.2017 | 19:05 Uhr