Stand: 26.10.17 16:56 Uhr

Conchita: "Ich hatte mich verloren"

Porträt von Künstlerin Conchita Wurst © conchitawurst.com / Jansenberger Fotografie

Hat nach einer Therapie zu sich selbst gefunden: ESC-Star Conchita.

Nicht Tom Neuwirth wartet darauf, Rede und Antwort zu stehen, es ist natürlich Conchita, die zum Interview empfängt. In einem Berliner Hotel am Bahnhof Zoo zieht die vielbeschäftigte Künstlerin für eurovision.de-Autor Jan Feddersen eine Art Zwischenbilanz - nach Jahren der Dauerpräsenz in den internationalen Medien: Wie erging es ihr nach dem ESC-Sieg 2014? Wie ist es politisch um ihre Heimat Österreich bestellt? Ist es bald Zeit, die Perücken hinter sich zu lassen?

Bist du jetzt eigentlich, wenn wir miteinander sprechen, Conchita oder Tom?

Conchita: Ich glaube, ich war noch nie wirklich Conchita (kurze Pause, dann Lachen). In Wahrheit habe ich mir so viele Regeln auferlegt, um genau dem Konzept von Conchita zu entsprechen. Ich bin Kompromisse eingegangen, die ich nicht mehr eingehen würde.

Ein Beispiel, bitte?

Conchita: Das erste Album: Diese Songs habe ich "on the road" abgesegnet oder eben nicht. Und die Stücke eingesungen, wenn es gepasst hat. Nicht falsch verstehen: Da sind echt gute Songs drauf. Einige davon wären sicher ein Hit geworden, hätte ich sie nicht gesungen. Unterm Strich ist das eigentlich nicht mein Album.

Alles Lüge?

Conchita: Nein, auf keinen Fall. Aber wahrscheinlich dachte ich mir damals, ich muss noch perfekter sein als alle anderen. Ich habe eh schon Perücke und Bart und werde schnell mal nicht ernst genommen. Deswegen muss ich noch mehr auf das Gaspedal treten und tun, was man von mir erwartet. Das macht einen aber nicht glücklich.

"Rise Like A Phoenix" war doch aber nicht fragwürdig?

Conchita: Nein, ich singe es ja bis heute, vermutlich bisher eine Million Mal. Es ist nicht so, dass es mich von Anfang an, wenn die ersten Töne einsetzen, immer catcht. Aber irgendwann hat es mich einfach immer. Es auszuwählen, war so eine Bauchentscheidung. Aber nach dem Sieg in Kopenhagen habe ich mich ein Stück verloren, weil ich es auch zugelassen habe.

Was hättest du denn gerne anders gemacht?

Conchita: Gar nichts!

Klingt paradox. Ein Jahr nach dem Eurovisionssieg, als der ORF Gastgeber des ESC in Wien war, hattest du alles ziemlich satt?

Conchita: Ich weiß nicht, ob ich mir das damals schon eingestanden hätte. Da war ich auch noch in einem Fluss von Terminen. Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken. Rückblickend kann ich dir nicht sagen, ob mir das Spaß gemacht hat oder nicht, weil ich nichts gefühlt habe.

Du hast funktioniert wie ein großes Rädchen in einer großen Maschine?

Conchita: Genau. Wenn du in Sydney in der Oper stehst und Standing Ovations weder siehst noch hörst, sondern nur darüber nachdenkst, was die nächste Moderation ist, dann ist das nicht so toll.

Wann hast du dir schließlich gesagt: So geht es nicht weiter?

Conchita: Als ich mir nach Monaten eingestanden habe, dass es nicht normal ist, wenn man in der Frühe aufsteht und grundlos unglücklich ist. Ich hatte eine Phase, in der ich nur dachte: Was ist los mit mir? Ich habe am Flughafen gesessen und nur auf meine Hände gestarrt. Wenn das Scheinwerferlicht an war, war ich da (schnipst). Da dachte ich, du schaffst das alleine nicht, such dir Hilfe. Das habe ich getan und bin in Therapie gegangen. Ich bin froh, dass das so viel bewegt hat in mir.

Die entscheidende Erkenntnis bei der Therapie war?

Dass ich mich immer auch ein bisschen für mich geschämt und mir gedacht habe, ich müsse bescheiden sein. Viele haben dieses Leben nicht, das ich führe. Ich hab als Kind schon gewusst, dass ich auf die Bühne muss. Das ist das einzige, was ich kann.

Du trittst im November unter anderem in Berlin und Hamburg auf. Was unterscheidet diese Performances von solchen, die wir aus der Zeit nach Kopenhagen kennen?

Ich werde es genießen - auch dass ich eine eigene Band bekommen habe. Ich kannte das nicht, dass Auftritte auch Teamwork sind. Dass man sich persönlich kennt und dass es dann unheimlich viel Spaß macht.

Wie war es vorher? Playback?

Playback oder Bands, die ich vorher nicht kannte, mit denen ich nur für einen Abend gespielt habe. Orchester-Formationen, die ich einen Tag vorher kennengelernt habe. Jetzt gehe ich in Proben auch ganz anders rein. Ich stelle mich vor, sage, wie ich mich fühle. Die Freude am Prozess gehört für mich nun dazu.

Du wirst bei den Konzerten aber schon noch "Rise Like A Phoenix" singen?

Natürlich! Dieses Lied werde ich immer singen. Wie könnte ich denn nicht.

Wusstest du vor den ESC-Auftritten in Kopenhagen, dass du dieses Lied stimmlich schaffen würdest?

Ja. In meiner Welt schon (lacht), in meiner Welt war das ganz klar. Shirley Bassey mit ihrem James-Bond-Song ist doch immer mein Vorbild gewesen.

In Österreich haben wir eine politische Situation, die sich nicht sehr libertär ausnimmt. Eine schwarz-blaue Koalition wird wahrscheinlich gebildet werden. Stimmt es eigentlich, dass dir die österreichischen Nationalen übelnehmen, dass du und nicht Andreas Gabalier den ESC gewonnen hat?

Ich bin davon überzeugt (lacht sehr laut)! Und das erfüllt mich ja noch mehr mit Freude. Ich finde es sehr amüsant, dass Menschen, die mich nicht mögen, mit mir leben müssen bis in alle Ewigkeit.

Hattest du damals von Konservativen und Nationalen Glückwünsche bekommen?

Nein. Herr Strache (Spitzenpolitiker der rechtspopulistischen FPÖ, Anm d. Red.) sagte nur: Ich gratuliere dem Künstler Tom Neuwirth zum Sieg.

Viele Künstler scheuen ja politische Bekenntnisse. Sie glauben, dass sie damit ihre Kundschaft verprellen.

Meine Kundschaft kann ich nicht verprellen, weil ich so eindeutig in eine Richtung gehe. Ich würde nicht eine ultrakonservative Partei wählen. Das wäre ja auch dumm. Würde Andreas Gabalier dieses Image vertreten "Ich wähle die Grünen" wäre das ja auch absurd.

Ist es denkbar, dass du ganz ohne Perücke auftrittst?

Ich weiß es nicht. Es wäre gelogen zu sagen, es würde mich nicht reizen. Ich genieße es aber immer noch sehr, nicht erkannt zu werden. Ich weiß noch nicht, wie ich das lösen werde.

Und ist ein Album in Planung?

Ja, schon lange.

Wie heißt es?

Ich weiß es nicht. Mein Arbeitstitel ist "Me, Myself and I" (lacht).

Könntest du dir eine Performance vorstellen, bei der du auf der Bühne deine Perücke vom Kopf nimmst?

Das haben schon so viele getan. Jede Drag-Revue endet mit "I Am What I Am". Diesen Gag kann man in den heutigen Zeiten mit all den Handykameras nur einmal machen - und dann ist es das gewesen. Ich glaube, wenn es eine Demaskierung oder ein Ende gibt, dann ist es die Kaiserin, die in ein Grab fällt. So in etwa.

Andererseits wirst du ja noch viele Jahre leben?

Absolut. Ich kann mir auch Dinge vorstellen, die nicht zwangsläufig auf einer Bühne stattfinden, die keine Perücke fordern. Es gibt vieles, was ich machen wollen würde. Das ist sicher ein ganz angenehmer Platz, hinter der Kamera zum Beispiel. 

Jetzt bist du noch vor der Kamera?

Das genieße ich ja auch. Ich liebe es, wenn die Fotografen mich anschreien, in welche Richtung ich sehen soll. Es wird sicher Neues geben von mir. Ich habe noch keinen endgültigen Rhythmus entdeckt.

Tom Neuwirth darf ein bisschen durch die Tür, aber noch nicht endgültig?

Genau. Weil ich noch nicht weiß, ob ich durch die Tür gehen will. Vielleicht gucke ich nur raus.

Das Interview führte Jan Feddersen, Autor bei Eurovision.de.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 18.11.2017 | 19:05 Uhr