Ruslana: "Die Ukraine gehört zur Eurovisionsfamilie"

Ruslana vertritt die Ukraine 2004 beim Grand Prix und belegt den 1. Platz © picture-alliance / dpa/dpaweb Fotograf: Ulrich Perrey

Mit "Wild Dances" legte Ruslana beim ESC 2004 eine energiegeladene Performance hin.

Ruslana gehört seit ihrem Sieg 2004 in Istanbul zu den ganz großen ESC-Stars. Die Ukrainerin ist nicht nur Musikerin, sondern auch politische Aktivistin und war beim Kampf für Demokratie auf dem Maidan in Kiew ganz vorn mit dabei. Jetzt war Ruslana in Luxemburg auf einer Gala des luxemburgischen ESC-Fanclubs zu Gast. Paul Hrosul, Präsident des ukrainischen ESC-Fanclubs, nutzte die Gelegenheit, am Rande der Veranstaltung mit der Ukrainerin über den ESC zu sprechen. Hrosul lebt in Bonn, spricht also fließend Deutsch, und hat das auf Ukrainisch geführte Interview für uns übersetzt.

Ruslana, haben Sie es jemals bedauert, am ESC teilgenommen zu haben?

Ruslana: Wenn ja, wird es keiner je erfahren. Vor elf Jahren in Istanbul gab es starke Momente von Müdigkeit, aber ich glaube, das ist normal für Menschen, die überlastet sind. In Wahrheit habe ich aber nie darüber nachgedacht.

Dabei sah es so kraftvoll aus, wie Sie Ihren Song "Wild Dances" präsentierten - und gar nicht müde.

Ruslana: Man muss sehr schwer kämpfen, um zu gewinnen. Aber wir sind nicht angetreten, um zu gewinnen, sondern um unsere Musik zu Gehör zu bringen, überall in Europa. Manche haben vorher gemeint, wir sollten etwas singen, was garantiert in die Charts kommt. Wir haben jedoch gesagt: nein! Wir wollen so bleiben, wie wir sind. Bloß nicht lügen. Die Energie aus den Bergen der Karpaten, da kommen die "Wild Dances" her, die wollten wir zeigen.

Hat der ESC Sie verändert?

Ruslana: Mich bestimmt auch, klar, aber vor allem hat es die Musiker in meinem Land verändert. Sie haben durch mich gesehen, dass Europa ihnen neue Perspektiven bietet, dass man ihnen zuhört. Es war jedenfalls ein Durchbruch für unsere Musik. Die Türen waren plötzlich offen.

Würden Sie noch einmal bei einem ESC antreten?

Ruslana: Ich habe viel darüber nachgedacht. Ja, mir fehlt wirklich dieser "drive", diese Eurovisionsatmosphäre. Wenn das Schicksal es will, würde ich es nochmal machen. Wenn ich das Gefühl bekomme, dass ich wieder einen Anstoß für ukrainische Musik und die Ukraine selbst sein könnte, würde ich es tun.

Voriges Jahr erklärte der ukrainische Sender NTKU, erstmals seit 2003, nicht beim ESC mitzumachen. Waren Sie mit dieser Entscheidung einverstanden?

Ruslana: Es war eine falsche Entscheidung, die die Politiker trafen. Immer, wenn die Politiker etwas über Kultur und Musik entscheiden, geht etwas schief. Sie haben nicht mit einfachen Menschen darüber gesprochen und nachgefragt, die haben einfach gesagt, dass der Sender die Entscheidung aus finanziellen Gründen getroffen hat. Aber der ESC ist kein Projekt wie ein Film, den man stoppt - und dann später weiterdreht. Man hätte den ESC mit Hilfe von Sponsoren bezahlen können.

Von Ihnen war aber kein Protest zu hören.

Ruslana: Ich war in der Zeit sehr müde, deshalb hat man hierzu von mir nichts gehört. Ich war in Donezk und habe den Menschen dort vor Ort geholfen. Aber ich will, dass sich die Europäer auf die Ukraine beim ESC verlassen können - nicht nur, weil das Lied gut ist, sondern weil die Ukraine zur Eurovisionsfamilie gehört.

Wie sehen Ihre persönlichen Pläne aus? Ist ein neues Album geplant?

Ruslana: Es gibt zwei Arten von Musikern: Die einen haben für das Kind schon einen Namen, ehe es geboren wurde und sprechen darüber - und die anderen kaufen noch keine Klamotten für das Kind, das ja noch gar nicht zur Welt gekommen ist. Ich gehöre zur zweiten Art. So schütze ich mein Kind, damit es in Ruhe ans Licht treten kann. Aber ja, wir arbeiten an einem Projekt, es wird alles zusammenbringen, was wir auf dem Maidan erlebt haben - mit viel Kultur der Karpaten.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 15.05.2004 | 21:00 Uhr

Stand: 06.11.15 17:27 Uhr

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