Iveta Mukuchyan: "Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort"

Die Sängerin Iveta Mukuchyan mit Hut an der Alster in Hamburg © NDR/Nicole Janke Fotograf: Nicole Janke

Iveta Mukuchyan nimmt in Hamburg gerade ihr erstes Album auf.

Fröhlich grüßt Iveta Mukuchyan in lupenreinem Deutsch mit Hamburger Dialekt. Die Sängerin tritt beim ESC 2016 für Armenien an, lebt aber in Hamburg. Zusammen mit ihren Eltern ist sie mit sechs Jahren aus Armenien in die Hansestadt gezogen und fühlt sich dort pudelwohl. Nach dem Abitur zog sie für ein paar Jahre in die armenische Hauptstadt Jerewan und studierte dort Jazzgesang. Seither ist sie ein Star in dem kleinen Kaukasus-Staat und pendelt zwischen Deutschland und Armenien hin und her. Im Interview erzählt die Sängerin unter anderem, warum sie ihre Karriere vor allem ihren Eltern zu verdanken hat.

Warst du überrascht über deine Nominierung für den ESC?

Iveta Mukuchyan: Nein, denn das Interesse vonseiten der Auswahlkommission besteht schon länger. Jedes Jahr erhalten die Verantwortlichen Anrufe: "Könnt ihr bitte Iveta schicken." Und dieses Jahr kam dann der Anruf bei mir, dass ich ausgewählt bin. Das hat mich super gefreut.

Welche Rolle spielt der ESC in Armenien?

Mukuchyan: Eine sehr große Rolle. Armenien gehört nicht zu Europa und der ESC ist eine Möglichkeit, das Land zu präsentieren und Richtung Europa zu schauen. Alle Armenier gucken das, auch in den USA! Dort leben sehr viele Armenier. Der ESC gehört zu den großen Jahresevents, man verabredet sich und schaut ihn mit vielen Leuten. Er wird auch auf riesengroßen Leinwänden in der Stadt gezeigt.

Was bedeutet es dir, dass du jetzt dabei bist?

Mukuchyan: Sehr viel, weil Millionen von Menschen verschiedener Nationen und Kulturen zur selben Zeit dieselbe Performance sehen. Als Künstlerin ist es eine Plattform, die man extrem gut für sich nutzen kann und den Leuten zeigen kann, wer man ist. Gleichzeitig ist es eine sehr große Verantwortung, sein Land zu vertreten.

Wer ist dein ESC-Hero?

Mukuchyan: Das ist Loreen mit "Euphoria". Für mich gab es kein stärkeres Konzept. Wenn jemand anderes den Song gesungen hätte, hätte er nicht gewonnen, glaube ich. Das hat einfach alles gepasst.

Für deine Teilnahme in Stockholm habt ihr dazu aufgerufen, Songs einzusenden. Kommt da was?

Mukuchyan: Ganz viel. Ich komme gar nicht hinterher. Es kommt ganz viel aus Schweden, aber auch aus vielen anderen Ländern. Wenn wir einen tollen Song finden - perfekt! Aber das hält mich nicht davon ab, auch weiterhin selbst zu schreiben und mit Produzenten zu kooperieren. Wir haben auch Leute beauftragt, namhafte Songwriter. Am 13. November entscheiden wir alle zusammen, welcher Song es wird.

In welche Richtung soll der Song gehen?

Mukuchyan: Es wird ein englischer Song werden, Mid-tempo bis Up-tempo, also keine Ballade. Wir glauben, dass die Leute eine positive Performance sehen wollen. Nichts Dunkles oder Schwarzes, sei es vom Styling her, von der Performance, vom Song oder Text her. Es kann auch sein, dass wir falsch liegen, aber daran wollen wir uns orientieren, zum Beispiel an Polina Gagarina mit ihrem "A Million Voices". Da lächelt man ja in den Bildschirm rein, wenn man das sieht.

Kennst du die bisherigen armenischen ESC-Teilnehmer persönlich?

Mukuchyan: Wir kennen uns alle und arbeiten zusammen. Armenien ist sehr klein, da kennt jeder jeden. Aram Mp3 ist auch privat ein Freund von mir. Wir machen viel Songwriting zusammen. Lilit Navasardyan, die seinen ESC-Song geschrieben hat, ist eine sehr gute Freundin von mir. Sie schreibt auch gerade für mich.

Welche musikalischen Vorbilder hast du?

Mukuchyan: Ich bin ein Motown-Kind, mag aber auch Röhren wie Janis Joplin und Tina Turner. Tina Turner ist ein Idol für mich. Immer wenn ich ein Tief hatte und nicht mehr weitermachen wollte mit der Musik, hat meine Mutter gesagt: "Guck dir Tina Turner an, wie viel die durchgemacht hat und die singt immer noch!" Lauryn Hill, Erykah Badu, das sind meine musikalischen Mütter.

Bist du aus einer musikalischen Familie?

Mukuchyan: Ich komme leider aus einer komplett unmusikalischen Familie. Mein Vater war Ingenieur in Armenien, meine Mutter ist Dolmetscherin. Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, einfach irgendwelche Songs zu schreiben und sie dann mit einem Gitarristen oder Percussionspieler performt. Aber ich hab mich nie getraut, alles auf eine Karte zu setzen und Sängerin zu werden. Deswegen hab ich nach dem Schulabschluss angefangen Design zu studieren. Aber meine Eltern sind immer nach Hause gekommen und haben gesagt: "Du kannst doch nicht jeden Tag an der Nähmaschine sitzen, du gehörst auf die Bühne." Und dann haben sie mich überredet, dass ich nach Armenien ziehe und dort am Konservatorium studiere, auch weil es dort viel günstiger ist. Und ich dachte, ich höre mal, was meine Eltern sagen. Wenn schon die eigenen Eltern empfehlen, alles hinzuschmeißen für die Musik ... Dann habe ich es durchgezogen.

Du gehörst zu den Stars in Armenien. Wie kam es dazu?

Die Sängerin Iveta Mukuchyan mit Hut an der Alster in Hamburg © NDR/Nicole Janke Fotograf: Nicole Janke

Die Sängerin liebt Hamburg und Fischbrötchen.

Mukuchyan: Meine Eltern haben mich bei "Hay Superstar" angemeldet, das ist vergleichbar mit "Deutschland sucht den Superstar". Am ersten Tag meines Studiums, am 1. September 2009, war auch das Casting. Am Ende bin ich Fünfte geworden. Die Leute kennen mich von dort. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich war die Europäerin, die Europa hinter sich gelassen hat und zurückgekehrt ist zu ihren Wurzeln. Ich bin von Tag eins vor den Augen der Leute gewachsen. Erst habe ich Rock gemacht, dann Dubstep, und alles wurde von den Leuten super angenommen. Die Armenier sind der Grund, warum ich beschlossen habe, das wirklich durchzuziehen und zu probieren, eine gute Sängerin zu sein.

Was vermisst du, wenn du in Armenien bist, am meisten aus Hamburg oder Deutschland?

Mukuchyan: Es gibt so viel. Ich vermisse das deutsche Essen, Klöße, Franzbrötchen, Fischbrötchen, früh morgens am Hafen rumzulaufen … In der Schule habe ich oft geschwänzt und bin zum Hafen gegangen und mit dem Schiff durch die Gegend gefahren. Das vermisse ich alles total, wenn ich nicht hier bin.

Was ist dein Ziel beim ESC in Stockholm?

Mukuchyan: Eine  unvergessliche Performance zu geben. Ich möchte den Leuten ein kleines Stück von meiner inneren Welt schenken. Das ist viel wichtiger als zu gewinnen.

Visierst du einen bestimmten Platz an?

Mukuchyan: Wenn es nach mir ginge, würde ich super gerne in den Top Ten landen, aber wenn es nach den Armeniern geht: unbedingt Top Drei. Der vierte Platz war bisher der beste, deswegen muss ich jetzt mindestens den dritten machen (lacht).

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr

Stand: 05.11.15 13:30 Uhr