Kommentar

Stand: 14.11.17 17:27 Uhr

Geballte Fan-Kompetenz beim ESC-Vorentscheid

von Jürgen Werwinski
Eurovision.de-Teamchef Jürgen Werwinski in Kiew. © NDR Fotograf: Volker Renner

Jürgen Werwinski ist als Teamchef von eurovision.de seit vielen Jahren immer ganz nah dran am ESC-Geschehen.

Im letzten Jahr hieß es noch "back to the roots". Aber warum soll ein Konzept, das vor acht Jahren funktioniert hat, auch heute noch zum Erfolg führen? Thomas Schreiber hat auf der Roadshow zum ESC-Vorentscheid noch mal eindrücklich ausgeführt, welch ein Glücksfall die Bewerbung von Lena 2009 war. Sie wollte sich eigentlich nicht bewerben, sondern nur mit ihrer Freundin Karten für TV Total haben. Ihre Bewerbung war also ein Zufall - wie ein Lottogewinn. Doch auf Glück will man nun bei der Besetzung des deutschen Vorentscheids nicht mehr hoffen. Was jetzt zählt, ist die gezielte Suche nach einem Act für den Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon, der begeistert. Jemand, der aus der Masse heraussticht - gerne auch mit Ecken und Kanten. Jemand, der lieber zehn Leute vom Hocker haut, als von hundert lieblos beklatscht wird. Um diese Person zu finden, werden erstmals die Fans von Anfang an mit einbezogen. Für mich ist das ein echter Neuanfang.

Experten analysieren Schlüssel zum Erfolg

Endlich wird Hoffnung durch Expertise ersetzt. Das Unternehmen digame mobile, das seit Jahren für das internationale Televoting beim ESC verantwortlich zeichnet, hat zusammen mit Mathematikern der Firma Simon-Kucher & Partners das Abstimmungsverhalten der letzten Jahre untersucht. Die überraschende Erkenntnis: Vorwiegend Fans, jung und oft homosexuell, stimmen ab. Von der breiten Mehrheit der Fernsehzuschauer greifen im Finale nur ein bis zwei Prozent zum Telefon oder Smartphone. Und: Die deutschen Televoter haben insgesamt exzellente Ergebnisse, sie stimmen fast immer richtig ab.

Fans wichtigste Partner für die Auswahl

Der folgerichtige Schluss daraus: Es wird die Crème de la Crème der Televoter der letzten Jahre aus Deutschland gesucht, um den deutschen Kandidaten für den ESC 2018 zu finden. Viele Fans haben sich beworben. In einem umfangreichen, mehrstufigen, wissenschaftlichen Auswahlprozess wählen die Experten aus allen Teilnehmern der Befragungsreihe 100 aus. Nicht der Geschmack von wenigen Mitarbeitern im NDR Team, von Produzenten und Labels soll die Vorauswahl der Kandidaten entscheiden. Die Kompetenz der Fans wurde erkannt. Sie sind der wichtigste Partner beim deutschen Vorentscheid.

Keine Kompromisse mehr

Die Experten haben eindrücklich nachgewiesen, dass ein Beitrag, der von allen gemocht wird, leicht auf dem letzten Platz landen kann, denn von 26 Ländern bekommen nur 10 Acts Stimmen. Selbst wenn Deutschland bei allen Ländern auf dem elften Platz landet, ist das Ergebnis null Punkte. Nun, das ist nicht neu, aber endlich hat man daraus gelernt. Wenn nur 10 Prozent der Televoter einen Act mega finden, wird er erfolgreich sein, auch wenn 90 Prozent ihn total ablehnen. Dies soll auch das Votum des Europa-Panels bestimmen. Polarisierung schadet nicht mehr länger. Wie bei der ESC-Abstimmung, werden erste Plätze bei der Bewertung vom Europa-Panel deutlich höher bewertet als das Mittelmaß. Bisher wurden aus mehreren Tausend Vorentscheid-Bewerbern und -Empfehlungen 500 interessante Kandidaten vorselektiert. Das wurde schon immer in kleinen Teams im Konsens gemacht. Doch beim Konsens bleibt eben oft das Außergewöhnliche auf der Strecke. Wenn jetzt aber einer aus dem Team für einen Bewerber brennt, ist er weiter, auch wenn die anderen sich den Kandidaten nicht vorstellen können. Nur so kann es außergewöhnliche Persönlichkeiten im Vorentscheid geben.

Fan-Vertreter haben es in der Hand

Die Mitglieder des Europa-Panels werden aus 100 vorausgewählten Acts 20 aussuchen. Endlich lassen die Verantwortlichen los. ESC-Kenner aus der Fan-Mitte werden die Vorauswahl mithilfe der Sichtung von Videos entscheiden. Diese 20 Kandidaten werden dann von einer internationalen Jury, bestehend aus Mitgliedern der ESC-Jurys der letzten Jahre, gemeinsam mit dem Europa-Panel bewertet und die - so heißt es derzeit - fünf Teilnehmer des deutschen Vorentscheids dann ausgewählt.

Songs nach Maß

Doch Ausstrahlung, Sympathie und Stimme sind nichts wert ohne einen vernünftigen Song. Thomas Schreiber bricht hier mit den Musiklabels, die in der Vergangenheit vorrangig die Präsenz ihrer Künstler in der ARD sehen wollten. Der Erfolg beim ESC war dabei eher von nachrangigem Interesse. Erst wenn die Kandidaten im Dezember feststehen, sollen Komponisten und Texter jedem einzelnen maßgeschneiderte Songs verpassen. Auch das gab es in der Form noch nicht und ist ein richtiger Schritt in Richtung Vorentscheid-Neustart. In diesem Sinne: Lasst die Spiele beginnen, bei denen die Fans mittendrin sind und nicht nur als Zuschauer auf den Arenabänken sitzen!

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 18.11.2017 | 19:05 Uhr