Kopfschütteln und Respekt für Kümmerts ESC-Absage

von Jochen Lambernd

Das hat es beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest noch nie gegeben: Der nach mehreren Auftrittsrunden und Votings von den Zuschauern bestimmte Sieger verzichtet auf seinen Titel und lässt die Zweitplatzierte nach Wien fahren. Andreas Kümmert zeigte sich nach der Bekanntgabe des Ergebnisses am Donnerstagabend sichtlich mitgenommen: "Es ist momentan so: Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen", sagte der zerknirscht wirkende Sänger. "Ich geb' meinen Titel an Ann Sophie." Kümmert hatte das Publikum begeistert. Im Finale der Show entschieden sich 78,7 Prozent der Anrufer für ihn, wie der NDR am Freitag mitteilte. 21,3 Prozent stimmten für Ann Sophie.

Andreas Kümmert im Gespräch mit Barbara Schöneberger auf der Bühne beim deutschen ESC-Vorentscheid. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Andreas Kümmert erklärt seinen Rücktritt

Eurovision Song Contest -

"Ich gebe meinen Titel an Ann Sophie": Der Vorentscheid-Sieger Andreas Kümmert hat die Wahl der Televoter nicht angenommen. Seine Begründung in voller Länge.

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Der 24-jährigen Hamburgerin mit der gewaltigen Stimme blieb zunächst der leuchtend rot geschminkte Mund offen stehen. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. In der Halle mischten sich Buh-Rufe mit Jubelschreien. Auch Moderatorin Barbara Schöneberger war völlig überrascht, sammelte sich aber schnell und ließ die neue Siegerin Ann Sophie mit ihrem Song "Black Smoke" noch einmal auftreten. Sie sei eine "gute und würdige Vertreterin Deutschlands zum 60. Geburtstag des Eurovision Song Contests", sagte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber.

Nachrückverfahren besprochen

Wie in den Vorjahren hatte das Sendungsteam auch dieses Mal viele mögliche Szenarien wie Unfälle oder Erkrankungen durchgespielt. Falls ein Kandidat ausfallen sollte, war ein Nachrückverfahren besprochen worden. Moderatorin Barbara Schöneberger hatte somit "eine Entscheidungsgrundlage und -freiheit", wie der NDR mitteilte. Sie habe "in der Situation das einzig Richtige getan, denn Ann Sophie hat die Stimmen vieler Anrufer erhalten, sonst wäre sie nicht bis ins Finale durchmarschiert".

Zu viel des Guten?

Der "Voice Of Germany"-Gewinner Kümmert - geschwächt von Fieber - hatte sich bei seinen schlicht gehaltenen Auftritten sehr konzentriert und ruhig gezeigt. Für seine emotionalen Songs erhielt der 28-Jährige viel Applaus. Schon diese klare Unterstützung konnte der schüchtern wirkende Kümmert offenbar kaum fassen.

Die Reaktionen aus dem ESC-Umfeld:

  • Ann Sophie:

    "Wenn sein Herz ihm das gesagt hat, dann ist das absolut das Richtige, was Andreas Kümmert getan hat. Ich freue mich natürlich riesig, dass ich jetzt nach Wien darf! Das ist ein Traum, der für mich wahr wird. Ich hoffe, Deutschland ist damit zufrieden, dass ich da jetzt hin darf. Ich habe großen Respekt vor Andreas und seiner Entscheidung und bin ihm auch dankbar.“ Und weiter: "Er sollte sich keine Vorwürfe machen, nur weil er sich selbst treu geblieben ist. Ich finde, man sollte es ihm nicht übelnehmen." Sie fordert die Journalisten auf, "Andreas in Ruhe zu lasssen".

  • Barbara Schöneberger:

    "Das ist ein Coitus interruptus der schlimmsten Sorte", sagt die Moderatorin noch auf der Bühne. Sie macht aber nach der Show klar, sie habe Andreas Kümmert abgenommen, dass er nicht tief in die ESC-Maschinerie eintauchen wolle. "Der hat Angst." Später sagt sie: "Ich hatte das Gefühl, er möchte es nicht."

  • ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber:

    "Andreas Kümmert hat sich die Seele aus dem Leib gesungen, und das Publikum hat ihn dafür geliebt. Er wollte unbedingt beim Vorentscheid dabei sein und hat in der Show gemerkt, dass er es nicht kann. Das ist schade - für die Zuschauer, für die Anrufer und für ihn. Es ist wie beim Sport: Wenn ein Olympiasieger seine Goldmedaille zurückgibt, gibt es einen neuen Träger der Medaille."

  • Sigi Schuller von der Plattenfirma Universal:

    "Die Lampe ist zu groß, die da angeht." Und: "Er (Andreas Kümmert) hat alles gegeben und irgendwann festgestellt, dass er es einfach nicht packt."

  • Jarno Siim (Sprecher der veranstaltenden European Broadcasting Union):

    "Wir haben keine Vorgaben, wie die Nationen ihre Künstler für das Finale auswählen. Für uns gilt derjenige als Kandidat, der im Mai zum Head of Delegations Meeting in Wien erscheint." Der Rückzug Kümmerts gefährde Deutschlands Teilnahme nicht, "auch wenn es meinen Informationen nach bisher einzigartig ist". (Welt Online)

  • Joy Fleming (ESC-Teilnehmerin von 1975)

    "Ich denke, dass der junge Mann ganz toll gesungen hat. Ich wäre stolz gewesen, wenn er für Deutschland angetreten wäre. Vielleicht kam er mit den ganzen gestylten Leuten, die da rumlaufen, nicht klar. Das war wohl etwas zu viel für ihn."

  • Max Mutzke (ESC-Teilnehmer von 2004):

    "Das ist eine krasse Entscheidung. Ich kann sie nachvollziehen, weil der Druck hinter den Kulissen enorm groß ist." Gleichzeitig sei es schwierig, weil eine Absage immer auch das Publikum enttäusche. "Ich hätte damals nicht absagen können, weil ich einfach zu neugierig war."

  • Georg Uecker (ESC-Experte und "Lindenstraßen"-Schauspieler):

    "Er wird persönliche Gründe haben, die wir nicht kennen, über die wir nur spekulieren können." Kümmerts Entscheidung "nötigt einem (...) einen gewissen Respekt ab".

  • Jürgen Lippert (Bürgermeister von Gemünden, Kümmerts Heimatort):

    "Es ist schade für Andreas und es ist schade für Gemünden. Ich hatte schon zu meiner Frau gesagt: 'Wir fahren nach Wien.' So weit kommt es nun doch nicht." Kümmerts Entscheidung sei für ihn aber nicht ganz unerwartet gekommen. "Er ist immer wieder für eine Überraschung gut. Er ist einfach so. Und so überraschend, wie seine Entscheidung war - irgendwie passt es trotzdem."

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Stand: 06.03.15 14:15 Uhr