Stand: 17.05.16 10:36 Uhr

ESC-Reaktionen: Jubel, Trauer und Zorn

Siegesrausch und Katerstimmung: Während die Ukraine jubelt, trägt ESC-Deutschland Trauer. Wie bewerten Teilnehmer, Verantwortliche, Politiker, die Medien und die Fans den Finalabend des 61. Eurovision Song Contest in Stockholm?

Jamala aus der Ukraine hält den ESC-Pokal und eine Flagge in die Höhe. © dpa - Bildfunk Fotograf: Maja Suslin

"Menschen berühren, wenn man über etwas Wahres singt": Jamala glaubte an die emotionale Kraft ihres Beitrags.

Siegerin Jamala aus der Ukraine meint, der Schlüssel zum Erfolg habe im Text ihres Songs gelegen: "Ich wusste, dass es die Menschen berühren kann, wenn man über etwas Wahres singt", sagte die Sängerin kurz nach der Show. "Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass man einfach nur an das glauben muss, was man tut." Das Lied "1944" der Krim-Tatarin befasst sich mit der Vertreibung ihrer Minderheit durch die Sowjets vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs - ein Schicksal, das auch Jamalas Urgroßmutter erleiden musste.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bejubelte Jamalas Triumph auf Twitter: "Ein unglaublicher Auftritt und Sieg! Alle Ukrainer danken Dir von ganzen Herzen, Jamala." Vitali Klitschko, der frühere Boxweltmeister und jetzige Bürgermeister Kiews, sieht dem Großevent entgegen: "Kiew wird zum zweiten Mal den ESC empfangen, und wir werden alles tun, um den Wettbewerb auf höchstem Niveau durchzuführen."

Russischer Politiker will ESC 2017 boykottieren

Seit Russland die Halbinsel Krim 2014 annektierte, sind die Beziehungen der beiden Länder auf einem Tiefpunkt. Im russischen Fernsehsender Rossija wurde Jamalas Sieg zwar erwähnt, der Bezug auf die Krimtataren jedoch verschwiegen. Mehrere russische Politiker verurteilten das Abstimmungsergebnis als politisch gefärbt. Der Senator Franz Klinzewitsch brachte im Gespräch mit russischen Nachrichtenagenturen einen Boykott des Wettbewerbs im kommenden Jahr ins Spiel. Der Parlamentsabgeordnete Konstantin Kossatschjow sprach mit Blick auf den Voting-Ausgang von einem "Sieg des Kalten Krieges" des Westens gegen Russland.

ESC-Direktor Sand glaubt an sicheres Event in Ukraine

Noch immer sterben in der Ostukraine Menschen bei Kampfhandlungen zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten. ESC-Direktor Jon Ola Sand zeigte sich in der Nacht zu Sonntag überzeugt, dass der ESC 2017 trotzdem steigen kann. An die ESC-Gewinnerin gerichtet sagte er: "Ich bin mir sicher, dass du und die Menschen in der Ukraine uns willkommen heißen und sicherstellen werden, dass wir alle sicher sind."

Eine Presseschau zum Finalabend

  • Hamburger Abendblatt: "Ein Gewinner des Abends war Europa. Die nationalen Eitelkeiten im Vorfeld gingen unter in der spektakulären Show, die in Schweden auf die Beine gestellt und von Comedian Petra Mede und ESC-Vorjahressieger Måns Zelmerlöw moderiert wurde."

  • Hannoversche Allgemeine Zeitung: "Das ist wohl das Ende der Legende vom unpolitischen Eurovision Song Contest: Mit einer düsteren Ballade über die Deportation der Krimtartaren durch die russische Geheimpolizei im Jahre 1944 hat die ukrainische Sängerin Jamala den Eurovision Song Contest 2016 gewonnen [...] Das ESC-Finale in Stockholm war eine Leistungsshow der internationalen Beleuchtungstechnik. Nie zuvor hat es derart geblitzt, geglitzert und gefunkelt. Was für ein Glück, dass zumindest das Moderatorenpaar [...] das aalglatte Entertainment mit einem Schuss Anarchie durchbrach."

  • Deutschlandfunk: "Dass ein melancholischer Song wie "1944" den ESC gewinnt, ist für das kitschiges Popfest ungewöhnlich. Jamalas Darbietung stach gerade deshalb heraus, weil die meisten Finalisten von Liebe und Begierde sangen, während die Ukrainerin ein ganzes anderes und deutlich tiefgehenderes Thema wählte."

  • Spiegel Online: "[...] eine versöhnliche Botschaft steckt ja trotzdem in den detaillierten Abstimmungsergebnissen des Wettbewerbs von Stockholm: Die ukrainischen TV-Zuschauer gaben dem russischen Beitrag die Höchstpunktzahl, zwölf Punkte. Und auch das russische Fernsehpublikum belohnte, anders als die Jury, den Song der Ukraine - mit zehn Punkten."

  • N24: "Die spannendste Stimmenauswertung seit Jahren. Und doch siegt die Ukraine mit Kalkül. Und Deutschland? Schafft erneut einen Totalausfall. Sogar Österreichs Beitrag war offenbar verständlicher. [...] Hat Europa politisch gewählt? Die Ukraine gekürt und zugleich Russland wegen der Krim-Annektierung abgestraft? Schwer zu sagen. Der Zuschauerzuspruch für Russland war ja da. Eher hat sich Jamala gut verkauft, für ihre Geschichte viel Aufmerksamkeit im Vorfeld bekommen."

  • Stern: "Sängerin Jamie-Lee Kriewitz ist kein Vorwurf zu machen. Die 18-Jährige war in Form, legte stimmlich einen guten Auftritt hin. Doch Europa hat das Lied einfach nicht verstanden. Das Gesamtpaket stimmte nicht: Eine Schülerin im Pippi-Langstrumpf-Look, die Manga und K-Pop liebt und in ihrer Freizeit gerne schläft, singt eine langwierige Ballade in einem Zauberwald voller Geister. Damit wussten offenbar viele nichts anzufangen. Und auch wenn die Diskussion sofort neu in Gang kommt: Mit Merkel oder ihrer Politik, die abgestraft wird, hat das alles nur wenig zu tun."


  • Süddeutsche Zeitung: "Von der Idee, ein Liederwettbewerb zu sein, hat [der ESC] sich schon lange entfernt. Von Jahr zu Jahr schon stand der dürre Gehalt der Songs in immer krasserem Verhältnis zur optischen Opulenz. Inzwischen scheint nun die Scheidung durch zu sein. Man hat sich offenbar endgültig verabschiedet von einstigen musikalischen Ansprüchen."

  • Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Der Grand Prix bringt inzwischen alljährlich mehrere moderne und dem Zeitgeschmack entsprechende Lieder hervor, wie gerade in diesem Jahr der schwedische Beitrag von Frans beweist. Dass Schweden eigentlich gleich sogar acht Mal im Finale vertreten war, zeigt nur, wie stark Musiker und Komponisten vor allem aus Stockholm den internationalen Markt beeinflussen, denn auch an den Finalbeiträgen aus Aserbaidschan, Bulgarien, Georgien, Litauen, Malta, der Tschechischen Republik und Zypern haben Schweden zumindest mitgeschrieben."

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Jamie-Lee: "Ich hatte eine unglaublich geile Zeit"

Jamie-Lee im Greenroom. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Jamie-Lee muss ein bitteres Votum verdauen. Aber sie blickt optimistisch in die Zukunft.

Am unteren Ende der Punktetabelle steht Deutschlands Jamie-Lee. Die ursprünglich von der deutschen Delegation angesetzte Aftershow-Pressekonferenz wurde abgesagt - mit Rücksicht auf die 18-jährige Kandidatin, die nach der Schlappe ein wenig Ruhe gebrauchen konnte. Auf Facebook dankte sie allen ihren Fans für die Unterstützung. "Ich hatte eine unglaublich geile Zeit und freue mich unheimlich für den Gewinner." In den kommenden Tagen müsse sie stark sein, aber es werde schon werden. "Ich persönlich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung und ich weiß, dass alle meine Fans hinter mir stehen werden. Nächstes Jahr wird Deutschland einen besseren Platz belegen, da bin ich mir sicher."

Schreiber: Jamie-Lee war sympathisch und souverän

Thomas Schreiber, ARD Koordinator Unterhaltung © NDR Fotograf: Marcus Krüger

Thomas Schreiber: Jamie-Lee hat gesanglich überzeugt.

ARD Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber gratulierte Siegerin Jamala: "Das war eine großartige und bewegende Performance!" Jamie-Lee beschrieb er als "eine besondere, liebenswerte junge Frau und eine wunderbare Sängerin", ihren Auftritt als "1A". Jamie-Lee habe vor allem das junge Publikum angesprochen. "International und beim Publikum in allen Altersschichten ist es offenbar eher auf Unverständnis gestoßen, dass ein Manga-Mädchen aus Deutschland antritt. Zum ganzen fairen Bild gehört aber auch, dass Jamie-Lee unser gesamtes Team sehr beeindruckt hat - so wie sie die große Bühne für sich eroberte, wie sie gesanglich überzeugt und wie sie mit der Presse und dem ganzen Druck vor Ort umgegangen ist: sympathisch und souverän."

Smudo: "Alle sind fassungslos"

Jamie-Lees Entdecker und die "The Voice"-Coaches Smudo und Michi Beck haben keine Erklärung für die miese Platzierung. "Alle sind fassungslos und ich bin es auch. Man sieht es auch auf Jamies Facebook-Profil, das voll ist mit positivem Feedback", sagte Smudo im Interview mit "Focus Online". "Aber rein musikalisch kann ich das überhaupt nicht nachvollziehen. Von der musikalischen und technischen Seite hätte Jamie es nicht besser machen können. Die Sympathien waren da. Nur in der Punktvergabe hat es nicht gereicht." Er kenne den ESC-Zirkus nicht so gut, deshalb habe er auch keine Erklärung dafür. "Es ist schon klar, dass viele Gründe eine Rolle spielen."

Ralph Siegel: "Ein Castingmädchen, das leicht überfordert war"

Komponist und ESC-Urgestein Ralph Siegel erklärt das schlechte Abschneiden Deutschlands damit, dass Jamie-Lee aus seiner Sicht nicht die geignete ESC-Kandidatin war. "Sie hat ihr Bestes gegeben, doch ihr Bestes war leider nicht gut genug, um im hart umkämpften ESC zu bestehen", sagte er "Focus Online". Sie sei lieb und nett gewesen, aber das reiche eben international gesehen nicht aus, um in die Spitze gewählt zu werden. Ein weiteres Problem war laut Siegel der starke Einfluss von Fanklubs auf das Publikumsvoting beim deutschen Vorentscheid. "So fiel die Wahl auf ein Castingmädchen, das einfach leicht überfordert war." Außerdem sei der Titel "Ghost" zwar nett, aber nicht stark genug gewesen.

Ein Schock für Kommentator und Coach

NDR 2 Moderator Peter Urban © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Kommentator Peter Urban: "Das schlechte Ergebnis hat mich umgehauen."

ESC-Kommentator Peter Urban steht angesichts der deutschen Pleite vor einem Rätsel: "Wir haben sie mit 45 Prozent gewählt und es war ganz toll, was sie heute gemacht hat, und warum wir dann trotzdem so wenig Punkte kriegen - nun frag' mich das bitte nicht!", sagte das ESC-Urgestein im Gespräch mit Barbara Schöneberger. Jamie-Lees Mentor Bürger Lars Dietrich zeigte sich überrascht über das schlechte Ergebnis. "Sie war sehr gut. Alle sind voll des Lobes gewesen. Umso mehr hat mich das jetzt umgehauen."

Oma ist stolz auf die 18-Jährige

Was sagen die Menschen in Bennigsen bei Hannover, der Heimat Jamie-Lees, zu ihrem Auftritt? "Die Performance war klasse, Jamie-Lee war authentisch", sagte der Musiker Spax, der dort ein Public Viewing moderierte. Freunde, Verwandte und viele Fans verfolgten den ESC auf einer Großbildleinwand. "Das war super gut, ich muss sie bewundern, dass sie das so hingekriegt hat. Sie ist ja erst 18 Jahre alt, und sie hat keine musikalische Ausbildung", sagte Jamie-Lees Großmutter nach dem Auftritt. Auch Ilka Schwerdtfeger, zweite Leiterin des Chors, in dem Jamie-Lee singt, zeigte sich sehr zufrieden: "Sie war klasse, als sie auf der Bühne stand, war sie da und hatte einfach Spaß am Singen." Dass es dennoch nicht gereicht hat, ist für die meisten schwer nachvollziehbar.

Keine Chance für Frust in Hamburg

Bei der ESC-Party auf dem Hamburger Spielbudenplatz nahm es manch einer offenbar gelassener: "Keiner meiner Freunde hat sie höher eingeschätzt als auf dem 15. Platz", sagte eine Besucherin. Auch viele andere Fans nahmen den letzten Platz mit einem Achselzucken zur Kenntnis - nach der Punktevergabe ging es zur Live-Musik auf der Kiezbühne einfach tanzend weiter.

Twitterkommentare von den Medien und Fans

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Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr

Weitere Informationen

Platzierungen im Finale

1. Ukraine: Jamala - "1944"
2. Australien: Dami Im - "Sound Of Silence"
3. Russland: Sergey Lazarev - "You Are The Only One"
4. Bulgarien: Poli Genova - "If Love Was A Crime"
5. Schweden: Frans - If I Were Sorry"
6. Frankreich: Amir - "J'ai cherché"
7. Armenien: Iveta Mukuchyan - "Love Wave"
8. Polen: Michał Szpak - "Colour Of Your Life"
9. Litauen: Donny Montell - "I've Been Waiting For This Night"
10. Belgien: Laura Tesoro - "What's The Pressure"
11. Niederlande: Douwe Bob - "Slow Down"
12. Malta: Ira Losco - "Walk On Water"
13. Österreich: Zoë - "Loin d'ici"
14. Israel: Hovi Star - "Made Of Stars"
15. Lettland: Justs - "Heartbeat"
16. Italien: Francesca Michielin - "No Degree Of Separation"
17. Aserbaidschan: Samra Rahimli - "Miracle"
18. Serbien: Sanja Vučič - "Goodbye (Shelter)"
19. Ungarn: Freddie - "Pioneer"
20. Georgien: Young Georgian Lolitaz - "Midnight Gold"
21. Zypern: Minus One - "Alter Ego"
22. Spanien: Barei - "Say Yay!"
23. Kroatien: Nina Kraljić - "Lighthouse"
24. Großbritannien: Joe and Jake - "You're Not Alone"
25. Tschechische Republik: Gabriela Gunčíková - "I Stand"
26. Deutschland: Jamie-Lee - "Ghost"