Stand: 13.03.17 11:45 Uhr

Russland schickt Julia Samoylova nach Kiew

Die russische ESC-Kandidatin Julia Samoylova auf der Bühne © eurovision.tv

2014 sang Julia Samoylova zur Eröffnung der Paralympischen Winterspiele in Sotschi

Julia Samoylova soll Russland mit dem Titel "Flame Is Burning" beim 62. Eurovision Song Contest in Kiew vertreten. Dies teilte der halbstaatliche russische TV-Sender Perwy Kanal am Sonntagabend in Moskau mit. Doch nur wenige Stunden später steht diese Entscheidung bereits auf der Kippe und der Sängerin droht ein Auftrittsverbot. Denn am Montag leitete der ukrainische Geheimdienst eine Überprüfung der 27-Jährigen ein, wie die Pressesprecherin Jelena Gitlanskaja auf Facebook schrieb.

Entscheidend ist eine Reiseroute auf die Krim

Konkret geht es um einen früheren Auftritt der im Rollstuhl sitzenden Sängerin im Juni 2015 in der Stadt Kertsch auf der ukrainischen Halbinsel Krim. Nachdem diese 2014 von Russland annektiert wurde, ist es seitens der Ukraine verboten, über Russland auf die Krim zu reisen. Verstöße gegen dieses Verbot werden mit einer mehrjährigen Einreisesperre geahndet. Sollte Julia Samoylova damals nicht über das ukrainische Festland angereist sein, könnte dies ein Teilnahmeverbot beim ESC zur Folge haben. Kiew hat angekündigt, für den Wettbewerb keine Ausnahme zu machen. "Ich bin überzeugt, dass eben ein solches Einreiseverbot in nächster Zeit vom Geheimdienst der Ukraine verhängt werden muss und wird", schrieb der präsidentennahe Politologe Taras Beresowez bei Facebook. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte hingegen in Moskau, dass die Nominierung von Julia Samoylova "keine politische Provokation" sei. Die Wahl habe nichts mit dem Auftritt Samoilowas auf der Krim zu tun. "Jeder (Russe, Anm. d. Red.) war schon irgendwann mal auf der Krim, es gibt wohl kaum jemanden, der noch nicht dort war", sagte Peskow.

Wird eine gehandicapte Künstlerin instrumentalisiert?

Samoilowa leidet an einer seltenen Erkrankung des Rückenmarks und sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl. Manch ein Kritiker mutmaßt daher, dass Russland mit der Teilnahme einer gehandicapten Sängerin seine Chance beim ESC erhöhen wolle. "Ich werde das Gefühl nicht los, dass das Mädchen zu politischen Zwecken verwendet wird", schrieb der bekannte Blogger Ilja Warlamow. Ziel sei es, um jeden Preis "die Ukrainer zu schlagen".

Eine Kandidatin mit Wettbewerbs-Routine

Die nur wenige Stunden vor Bekanntwerden der Untersuchungen verkündete Entscheidung Russlands für die 27-jährige Künstlerin war von dem Vorsitzenden der russischen ESC-Delegation, Yuri Aksyuta, hingegen wie folgt begründet worden: "Julia ist anders als andere Sängerinnen. Sie ist eine charmante junge Frau und eine routinierte Wettbewerbs-Teilnehmerin." Julia Samoylova, die am 7. April 1989 im russischen Ukhta geboren wurde, ist sowohl Sängerin als auch Komponistin sowie Songschreiberin und hat sowohl innerhalb Russlands als auch international bereits verschiedene Musik-Wettbewerbe gewonnen. 2013 war sie Finalistin der russischen Ausgabe von "The X Factor". 2014 sang sie bei der Eröffnung der Paralympischen Winterspiele in Sotschi den Titel "Together". Ihr ESC-Beitrag "Flame Is Burning" entstand in Koproduktion mit dem Komponisten Leonid Gutkin, der bereits über einschlägige ESC-Erfahrung verfügt. So war er 2013 für Dina Garipova und 2015 für Polina Gagarina im ESC-Einsatz.

Teilnahme Russlands war lange Zeit nicht sicher

Zuerst hatte es aufgrund der angespannten politischen Lage Spekulationen über Russlands Teilnahme am diesjährigen ESC gegeben. In der Ostukraine kommt es immer wieder zu militärischen Handlungen. Da Russland die dortigen Separatisten unterstützt, stehen sich beide Länder feindlich gegenüber. Einige russische Künstler wurden seitens des ukrainischen Geheimdienstes mit Auftrittsverboten belegt.

Sollte die Untersuchung nicht zu einer Sperre führen, tritt Samoylova am 11. Mai im zweiten Halbfinale an, um den Einzug ins Finale zu schaffen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Eurovision Song Contest | 11.05.2017 | 21:00 Uhr