Wenn Politik ESC-Träume platzen lässt

43 Länder haben ihre Teilnahme am 62. Eurovision Song Contest zugesagt, darunter auch Portugal und Rumänien, die beim Wettbewerb in Stockholm schmerzlich vermisst wurden. Damit wiederholt sich der bisherige Teilnehmerrekord von 43 Ländern aus den Jahren 2008 in Belgrad und 2011 in Düsseldorf auch 2017 in Kiew. In einigen Blogs wird derweil auf weitere Länder spekuliert, die dank einer Regeländerung der European Broadcasting Union (EBU) potenziell teilnahmeberechtigt wären. So sollen künftig neben Australien auch andere assoziierte Mitglieder der EBU von der Reference Group, dem Entscheidungsgremium für den ESC, eingeladen werden können. Ganz oben auf der Liste der möglichen Debütanten steht Kasachstan.

ESC-Traum kann kurzfristig platzen

Der rumänische Sänger Ovidiu Anton in Lederjacke © TVR / Ioana Chiriță

Der Rumäne Ovidiu Anton erfuhr erst kurz vor dem ESC in Stockholm, dass sein Land vom Wettbewerb ausgeschlossen wurde.

Doch so schön ein neuer Rekord mit 44 oder sogar 45 Teilnehmern auch wäre: Bis Mai kann noch eine Menge dazwischenkommen. In diesem Jahr mussten wir erleben, wie der ESC-Traum des rumänischen Teilnehmers Ovidiu Anton wie eine Seifenblase zerplatzte, als die EBU den Sender TVR wegen nicht beglichener Forderungen kurzerhand vom Wettbewerb ausschloss - und die Teilnehmerzahl von 43 auf 42 nach unten korrigiert werden musste. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu unerwarteten Nichtteilnahmen aus den unterschiedlichsten Gründen, was nicht nur für die Künstler, sondern auch für die Fans enttäuschend war.

Politische Verwicklungen als Rückzugsgründe

Besonders häufig sind es politische Gründe, die zu einem Rückzug vom Wettbewerb führten. So wurde der Song "We Don’t Wanna Put In" von Georgien nicht zum ESC 2009 in Moskau zugelassen, weil der Text zu offensichtlich als Kritik an der Politik Russlands gemeint war. Doch statt eine von der EBU geforderte Textänderung vorzunehmen, verzichtete der georgische Sender GPB lieber ganz auf die Teilnahme. Damit war für Stephane & 3G der ESC-Traum ausgeträumt. Politische Gründe verhinderten 2005 in Kiew auch das ESC-Debüt des Libanon: Obwohl Aline Lahoud mit dem Titel "Quand tout s’enfuit" bereits als Teilnehmerin feststand, zog das libanesische Fernsehen seine Teilnahme im März zurück, weil ein Gesetz dem Sender untersagte, Werbung für Israel zu machen. Während der Abstimmung hätte die Telefonnummer für den israelischen Beitrag nicht eingeblendet werden dürfen - was einen klaren Regelverstoß bedeutet hätte.

Absagen auf den letzten Drücker

Ähnlich erging es Maria Rita Epik und der Gruppe 21. Peron, die 1979 die nationale türkische Vorentscheidung mit dem Titel "Seviyorum" gewonnen hatten und in Jerusalem mit Startnummer 11 ins Rennen gehen sollten. Doch die Türkei zog ihre Teilnahme auf politischen Druck der Arabischen Liga, einer internationalen Organisation arabischer Staaten, kurzfristig zurück - so kurzfristig, dass das Scoreboard in der Halle eine offensichtliche Leerzeile aufwies. Auch die Nichtteilnahme Zyperns beim ESC 1988 in Dublin kam ziemlich unvermittelt: Der Titel "Thimame" von Yiannis Demetriou findet sich sogar auf einem ESC-Sampler der norwegischen Plattenfirma Continental Records, doch weder Song noch Künstler waren beim Wettbewerb vertreten: Dem zyprischen Sender war zu spät aufgefallen, dass der Titel schon 1984 bei der nationalen Vorentscheidung auf dem dritten Platz gelandet war.

Ähnlichkeiten und höhere Gewalt

Den griechischen Nachbarn erging es bereits 1982 in Harrogate nicht viel besser: Zwar hält sich hartnäckig das Gerücht, Kultusministerin Melina Mercouri hätte den Titel "Sarandapende kopelies" von Themis Adamantidis höchstpersönlich aus dem Wettbewerb zurückgezogen, weil er ihrer Auffassung nach nicht qualitätvoll genug gewesen sei, doch offenbar wurde der Song deshalb zurückgezogen, weil er allzu sehr an ein bekanntes griechisches Volkslied erinnerte. Besonders bitter muss 1974 in Brighton die Nichtteilnahme für die Französin Dani gewesen sein. Ihr Beitrag "La vie à 25 ans" zählte zu den großen Favoriten auf einen Sieg, doch vier Tage vor dem ESC-Finale verstarb Staatspräsident Georges Pompidou. Aufgrund der am Finalsamstag stattfindenden Trauerfeierlichkeiten sagte Frankreich seine Teilnahme ab und Dani musste unverrichteter Dinge wieder abreisen. Tragisch!

Für den Eurovision Song Contest in Kiew im kommenden Jahr ist also das letzte Wort in Sachen Teilnehmerrekord noch nicht gesprochen.

Stand: 02.11.16 09:30 Uhr