Baku ruft!

von Christina Nagel, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Anfang der Woche war es soweit: Der letzte Teil der Trägerkonstruktion für das 2.400 Tonnen schwere Dach wurde eingesetzt. Der Rohbau der Kristall-Halle, Austragungsort des Eurovision Song Contests 2012, steht. Idyllisch gelegen, am Ufer des Kaspischen Meeres, mit Blick auf die Bucht von Baku, im Schatten der gigantischen, 35 mal 70 Meter großen Staatsflagge, die dem Platz ihren Namen gab.

Der Flaggenplatz in Baku.  In der Nähe des Flaggenplatzes, einer Landzunge in Baku, entsteht die Kristall-Halle. Die aserbaidschanischen Bauherren und auch der deutsche Generalunternehmer sind zuversichtlich, dass die neue architektonische Attraktion Bakus im April fertig wird. Alles laufe nach Plan.

Das Image des Landes soll aufpoliert werden

Dem Organisationskomitee, dem zufällig die Frau des Präsidenten vorsteht, war nichts gut genug: keine bestehende Halle und kein Stadion. Es geht schließlich um nichts weniger, als Aserbaidschans Image in der Welt aufzupolieren. Zu Unrecht werde das Land im Südkaukasus von Europa auf Öl, Gas und Menschenrechtsverletzungen reduziert, beklagt der Vorsitzende des Komitees für internationale Beziehungen, Samad Seyidov. "Es gibt Gesetzesverletzungen in Aserbaidschan, aber auch in Armenien und in Georgien. Aber nur die in Aserbaidschan werden untersucht, analysiert und anschließend per Resolution abgestraft. Den anderen Staaten passiert nichts", beklagt Seyidov.

Dass es sich keineswegs nur um vereinzelte Menschenrechtsverletzungen handelt, machen aktuelle Studien von Amnesty International und Reporter ohne Grenzen deutlich. Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit seien unter dem autoritär regierenden Präsidenten Alijew immer weiter eingeschränkt worden, lautet ihr Fazit.

Auch die Opposition weist Boykott-Forderungen zurück

Wer das Regime kritisiere, riskiere seinen Job, seine Freiheit und seine Freunde, betont auch der Oppositionelle Ilgar Mammadow. "Die Regierung verbreitet Angst. Sie sagen den Leuten: Haltet den Mund! Sonst landet ihr im Gefängnis und nur noch die Menschenrechtler dieser Welt werden euch verteidigen, aber das interessiert uns nicht", so Mammadow.

Forderungen aus dem Westen, den Eurovision Song Contest deshalb zu boykottieren, hält der junge Politiker trotzdem für falsch. Es sei kein Zufall, dass zuletzt politische Gefangene begnadigt und freigelassen worden seien. Unter ihnen auch der Journalist Fatullajew.

Der Song Contest sorge dafür, dass sich das Land positiv darstellen wolle. Kurzfristige Erleichterungen seien immer noch besser als gar keine, meint Mammadow ganz pragmatisch. Außerdem würde durch einen Boykott auch das Volk gestraft, dass sich seit Monaten auf das große Fest in Baku freue.

Kosten in Höhe von einer Milliarde Euro?

In der Tat ist der Song Contest in Aserbaidschan seit dem Sieg von Nikki und Ell in Düsseldorf noch populärer geworden. Mit großer Begeisterung wird zurzeit der Ausscheidungsmarathon für den eigenen Beitrag im Fernsehen verfolgt. Das Ziel sei klar, meint die junge Sängerin Safura, die 2010 in Oslo gegen Lena antrat: "Ganz Europa, alle Länder sollen über unseren Beitrag, über unseren Auftritt sprechen", so Safura.

Von den anfänglich 72 Kandidaten haben sich sechs bereits für das Halbfinale qualifiziert. Darunter Marjam Kerimowa, die mit wilder Lockenmähne und viel Lokalkolorit zu wilden Tänzen aufruft.

Hotelneubau in Baku  Baku bereitet sich auf den ESC vor. Überall in der Stadt, wie hier am Hafen, entstehen neue Hotels. Die aserbaidschanische Regierung soll sich die große Party in Baku angeblich knapp eine Milliarde Euro kosten lassen. Neue Hotels sollen noch entstehen, die Straße zum Austragungsort, zur  Kristall-Halle, verbreitert und verschönert werden.

Selbst das Wetter für den Finaltag ist bereits bestellt. Angesehene Luftfahrt-Meteorologen sagen klares, sonniges Wetter mit leichtem Südwind voraus. Bei angenehmen 21 bis 23 Grad.

Weitere Informationen

Logo der Menschenrechts-Aktion "Sing for Democracy".

Interview

Ell/Nikki für Aserbaidschan in der Generalprobe des Eurovision Song Contests 2011 in der Düsseldorf-Arena © NDR Fotograf: Rolf Klatt