"Unsere Einladung gilt für ganz Europa"

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"Unsere Einladung gilt für ganz Europa"

von Silvia Stöber

Nur mit Mühe konnte das Duo Ell / Nikki am späten Abend des 14. Mai 2011 seinen Song "Running Scared" noch ein zweites Mal auf die Bühne bringen: Kurz zuvor hatten die Aserbaidschaner den Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf gewonnen und die Freude war sichtlich überwältigend.

Ell/Nikki gewinnen den Eurovision Song Contest für Aserbaidschan © NDR

Ell & Nikki im Glück: Freudentaumel auf der Bühne in Düsseldorf.

Inzwischen sind die Sieger wieder in ihrer Heimat - und wir haben sie besucht: Im eurovision.de-Interview in Baku sprachen sie über ihre Zukunftspläne, aber auch über die Situation der Homosexuellen in ihrem Land und die Chancen, die der ESC 2012 Aserbaidschan bietet.

eurovision.de: Euer Sieg liegt jetzt bereits etwas zurück. Ist die Freude noch immer groß?

Nikki: Ja, wir sind verrückt danach.

Ell: Manchmal können wir es kaum glauben. Manchmal, wenn ich allein bin, denke ich an all das, was gerade passiert ist. Ich kann es noch immer kaum verstehen. Ich bin der glücklichste Mensch.

eurovision.de: Habt Ihr mitbekommen, wie die Leute hier in Aserbaidschan am Abend Eures Sieges auf den Straßen gefeiert haben?

Aserbaidschaner feiern ihrer Hauptstadt Baku den ESC-Sieg von Ell / Nikki.

Aserbaidschaner feiern in Baku den ESC-Sieg.

Ell: Oh ja, wir haben die Bilder gesehen. Wir haben schon damit gerechnet, dass sich die Leute freuen würden. Aber das haben wir nicht erwartet. Großartig!

Nikki: Die Leute haben bis morgens auf den Straßen gefeiert ...

Ell: ... und all die Flaggen und die Autos auf den Straßen! Es ist der größte Schatz, den wir haben: dass unsere Leute uns mögen.

"Alle Leute werden auf den Straßen sein"

eurovision.de: Erwartet Ihr nächstes Jahr wieder so eine Stimmung?

Ell: Es wird noch viel größer. Alle Leute werden auf den Straßen sein. Es wird die größte Feier aller Zeiten für unser Land.

eurovision.de: Wird der Song Contest in Aserbaidschan etwas im Land ändern, besonders für junge Leute?

Nikki: Ich denke, es wird ein sehr großes Fest. Die Leute sind immer noch begeistert und jeder freut sich auf das Ereignis.

"Viele Homosexuelle haben uns unterstützt"

eurovision.de: Ihr wisst, dass unter den ESC-Fans viele Homosexuelle sind. Glaubt Ihr, sie werden hier eine angenehme Zeit verbringen können?

Ell: Wir lieben sie!

Nikki: Sie werden hier definitiv keine Probleme haben. Wir sind ein sehr tolerantes Land. Es gibt keinerlei Probleme mit Religionen, anderen Orientierungen oder solchen Dingen. Und es gab viele Homosexuelle, die uns unterstützt haben.

Ell / Nikki für Aserbaidschan © NDR Fotograf: Rolf Klatt

"Es gab viele Homosexuelle, die uns unterstützt haben", sagen Ell & Nikki.

Ell: In den Euro-Bars in Düsseldorf gab es so viele Homosexuelle, die sind so glücklich. Und wir haben uns so wohl gefühlt.

eurovision.de: Gibt es hier in Baku nicht auch Bars, wo sich Homosexuelle treffen?

Ell: Ich bin nicht so sehr interessiert daran. Ja, aber es wird wohl welche geben.

Nikki: Es ist überhaupt kein Problem für Homosexuelle. Sie werden es lieben!

"Musik hat nichts mit Nationalität zu tun"

eurovision.de: Es kommt vor, dass Touristen hier Regierungsgebäude nicht fotografieren dürfen. Polizisten verbieten ihnen das. Glaubt Ihr, das wird nächstes Jahr auch so sein?

Nikki: Nein, ich denke, das wird kein Problem, besonders nächstes Jahr nicht.

Ell: Ich verspreche, das wird alles großartig.

Nikki: Er verspricht es. (lacht)

eurovision.de: Euer Heimatland Aserbaidschan befindet sich in einem anhaltenden Konflikt mit der Nachbarrepublik Armenien. Würdet Ihr gern die armenischen Sänger hier in Baku auftreten sehen?

Ell: Wir laden alle Sänger ein, von überall her. Musik hat nichts mit Nationalität zu tun. Der Contest ist ein Ereignis, bei dem alle Kulturen und Nationen zusammenkommen. Wir möchten sie alle hier sehen, unsere Einladung gilt für ganz Europa.

eurovision.de: Werdet Ihr denn in die Vorbereitung des Eurovision Song Contest in Baku einbezogen?

Ell/Nikki für Aserbaidschan in der Generalprobe des Eurovision Song Contests 2011 in der Düsseldorf-Arena © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Ell & Nikki sprechen eine Einladung an alle aus - auch an die Armenier.

Nikki: Wir werden die Eröffnung machen. Wir werden unser Bestes geben.

eurovision.de: Wenn nächstes Jahr die Besucher nach Baku kommen, was würdet Ihr ihnen empfehlen zu tun?

Nikki: Am besten ist es, sich die Altstadt anzuschauen und den Boulevard gleich in der Nähe und direkt am Meer. Und sie sollten unsere Nationalgerichte probieren ...

Ell: ... und Tee, jede Menge Tee. Es gibt viele interessante Plätze. Wenn Ihr wollt, machen wir eine Art Exkursion für die deutschen Freunde, wir können deutsch sprechen.

Pop, Mugham und Meichana

eurovision.de: Es gibt eine besondere Musik in Aserbaidschan: Mugham.

Ell: Ja, das ist eine ethnisch-nationale Musik. Es ist schwer zu erklären. Man muss es sich anhören, um all die Farben der Musik zu hören und die Gefühle und die kleinen Dinge darin.

eurovision.de: Und was ist Meichana?

Nikki: Das ist wie Rap-Musik.

Ell: Aber traditioneller: Die alten Leute auf dem Land sitzen abends zusammen und singen.

Nikki: Das ist wie ein gesungenes Gespräch, wie es die Rapper tun, wie Eminem, 50 Cent und all die anderen.

Ell: Ja, das ist unser Rap, aserbaidschanischer Rap.

eurovision.de: Hat Euch diese Art von Musik beeinflusst?

Ell: Wir haben es nicht probiert. Für uns ist es aber auch schwer, zu rappen. Das ist nicht so sehr unsere Sache.

Nikki: Man braucht dafür eine besondere Stimme.

"Eine große Eurovision-Familie"

eurovision.de: Was habt Ihr denn jetzt als nächstes vor?

Nikki: Wir machen ein Album. Wir werden zusammen singen, aber auch unsere Solokarrieren starten. Wir haben jede Menge Pläne in diese Richtung. Ich liebe es zu singen und ich möchte Schauspielerin werden.

Ell und Nikki beim Empfang des Bürgermeisters in Düsseldorf anlässlich des Eurovision Song Contests © NDR Fotograf: Andrej Isakovic

Bald ein singender Botschafter? Ell studiert internationale Beziehungen.

Ell: Ich versuche, das Singen und mein Studium in internationalen Beziehungen zu kombinieren. Das Studium hilft mir sehr, auch etwas über die Kulturen der Welt und speziell in Europa zu lernen.

eurovision.de: Würdet Ihr es wie Lena machen und noch einmal am Song Contest teilnehmen?

Nikki: Wenn sie uns noch einmal auswählen, dann auf jeden Fall. Es wäre ein Vergnügen für uns. Die vielen Momente, die wir erlebt haben, sind einfach so großartig und unvergesslich. Es ist wie ein Festival, und man findet viele neue Freunde.

Ell: Es ist eine große Eurovision-Familie. Ich möchte gern wieder dabei sein und das noch für eine lange Zeit fortsetzen - für Monate oder Jahre. Es ist so ein gutes Gefühl, wenn all diese Länder zusammenkommen.

Stand: 10.06.11 18:00 Uhr

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