ESC-Vorentscheide: Zwischen Ironie und Trash

von Dr. Irving Wolther

Alena Lanskaja vertritt Weißrussland beim ESC 2012. © BTRC Die weißrussische Kandidatin Alena Lanskaja will mit einer getragenen Ballade punkten. Da hatte sich das weißrussische Fernsehen nun schon dazu durchgerungen, wieder eine aufwendige Vorentscheidung im "Eurofest"-Format durchzuführen, doch warum die Finalshow nach der ersten Runde im Dezember ausgerechnet an einem Dienstag um 17 Uhr Ortszeit stattfinden musste, bleibt ein programmplanerisches Rätsel. Der Saal tobte dennoch, wobei der eigentliche Wettbewerb neben den vielen ESC-Gaststars von Lys Assia über Sakis Rouvas bis Philip Kirkorow fast in Vergessenheit geriet. Als Siegerin der kombinierten Wertungen von Fachjury und Zuschauern ging Alena Lanskaja mit der getragenen Ballade "All My Life" von Leonid Schirin und Juri Vaschuk hervor. Die Wertung der Jurys wurde übrigens nicht separat verkündet - so wollten die Verantwortlichen offenbar öffentliche Meinungsdifferenzen vermeiden.

Dancefloor aus der Ukraine

Gaitana auf der Bühne. © picture alliance Fotograf: Viktor Shevchenko Für die Ukraine geht Gaitana an den Start, eine Sängerin mit kongolesischen Wurzeln. Auch in der Ukraine wurde ein wenig zuschauerfreundlicher Ausstrahlungstermin für die nationale Vorentscheidung gewählt: Samstagmittag, 12.30 Uhr. Da der Sender NTU auf ein internationales Fanpublikum zielt, wollte er die Show wohl nicht der TV-Konkurrenz aus Lettland, Kroatien und Italien aussetzen. Im Unterschied zu Weißrussland bot der Wettbewerb eine unterhaltsame Palette unterschiedlichster Stilrichtungen, die letztlich aber alle osteuropäischen Mainstream repräsentierten. Keineswegs überraschend gewann mit Gaitana der einzige afrikanischstämmige Star des Landes das Ticket nach Baku. Die Sängerin mit kongolesischen Wurzeln schrieb gemeinsam mit dem französischen KIWI Project eine funkige Dancfloor-Hymne, die die Halle in Baku zum Kochen bringen dürfte: "Be My Guest" klingt doch schon fast wie eine Einladung nach Kiew 2013, oder?

Ironie oder schrulliges aus Lettland?

Nach dem kläglichen Scheitern der Chartstürmer Musiqq in Düsseldorf stand zu befürchten, dass sich das lettische Publikum in diesem Jahr mit einer Lachnummer am europäischen Publikum zu rächen versucht: Die vielen skurrilen Beiträge in der diesjährigen Eirodziesma erinnerten an deutsche Grand-Prix-Zustände der frühen 80er Jahre. Niveau versprühte einzig der bezaubernde Chansonvortrag von ESC-Siegerin Marie N in der Wertungspause. Entsprechend tief gespalten war die Fachjury, die letztlich auch nicht den Ausschlag für den Sieg von "Beautiful Song" gab, einer liebenswerten Eurovisions-Parodie in Shanty-Manier von Ivars Makstnieks und Rolands Udris, mit der die Sängerin Anmary sicherlich zur Fanfavoritin avancieren wird. Große Teile Europas dürfte die Ironie dagegen mal wieder nicht mitbekommen und sich über den schrulligen Auftritt mokieren.

Pflichtübung in Italien

Nina  Zilli  Sie ist die Kandidaten für Italien beim ESC 2012: Nina Zilli. Viele Fans dürften dank Livestream in diesem Jahr erstmalig die Gelegenheit gehabt haben, sich mit der epischen Breite eines San-Remo-Festivals vertraut zu machen. Moderator Gianni Morandi, der 1970 für Italien mit "Occhi di ragazza" antrat, führte routiniert und im Vergleich zu vielen seiner Vorgänger ohne Peinlichkeit durch die Mutter aller Musikwettbewerbe, die nach Jahren der Berlusconi-Bevormundung wieder ihren ironischen Biss zurückerobern muss. Wer sich allerdings eine glamouröse Präsentation des italienischen ESC-Beitrags erhofft hatte, wurde bitter enttäuscht: Die Verkündigung von Nina Zilli hatte den Charme einer der zahllosen Werbepausen, die das Festival zur Nervenprobe machen. Ob die Künstlerin, die auch optisch ihrem musikalischen Vorbild Amy Winehouse ähnelt, in Baku ihre San-Remo-Ballade "Per sempre" singen wird, ließ das italienische Fernsehen offen.

Grauer Himmel über Kroatien

Der kroatische Vorentscheid, das DORA-Festival, war in diesem Jahr kein wirkliches Festival. Nina Badrić war im Januar als kroatische Teilnehmerin bestimmt worden und nutzte die einstündige Sendung, um dem Publikum die Zeit bis zum San-Remo-Festival, das auch in Kroatien mit großem Interesse verfolgt wird, mit einigen ihrer Hits zu verkürzen. Unterstützt wurde sie dabei von allerlei Stars aus den ex-jugoslawischen Nachbarstaaten, unter anderem den diesjährigen ESC-Teilnehmern Kaliopi und Maya Sar. Dennoch verstrich die von viel Gesinge und Getanze erfüllte Wartezeit bis zur Verkündung des kroatischen Beitrags zäh wie Sirup. Auch "Nebo" - zu Deutsch Himmel - ihr Song für Baku, mochte trotz Wolkenkulisse und viel Windmaschine nicht recht zünden.

Auf die harte Tour in Georgien

Wer aus Georgien attraktive Interpretinnen mit dramatischen Balladen und akrobatischen Choreografien erwartete, wurde schon im vergangenen Jahr eines Besseren belehrt. Diesmal war zugunsten weiblicher Progressive-Rock-Formationen und insgesamt deutlich härterer Klänge ganz auf tranige Einzelinterpretinnen verzichtet worden, was wohl auch am mangelnden Interesse der etablierten Stars gelegen haben mag. Der laute Nachwuchs machte die typische Großraumdisco-Produktion erfrischend glaubwürdig und spiegelte - vielleicht mit Ausnahme des Pausenprogramms - mehr jugendlichen Zeitgeist wider als so manches durchgestylte Casting-Format. Dass ausgerechnet die georgische Trash-Legende Anri Jokhadze mit der hochpeinlichen Pseudo-Macho-Nummer "I'm A Joker" das Rennen machte, gehört wohl zu den tragischsten Momenten dieser ESC-Saison.

Teilnehmer

Logo Eurovision Song Contest Baku 2012 ©  EBU/Ictimai TV

Weitere Informationen

Der norwegische ESC-Kandidat Tooji

Weitere Informationen

Die Jury für unser Star für Baku: Alina Süggeler, Thomas D und Stefan Raab  Fotograf: Willi Weber