"Vorwurf des Plagiats erscheint absurd"

Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler am Musikwissenschaftlichen Institut der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz  Dr. Thorsten Hindrichs ist sich sicher: "Glorious" ist keine Kopie von "Euphoria"... Thorsten Hindrichs, 43, ist Musikwissenschaftler am Musikwissenschaftlichen Institut der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und verantwortlich für das Forschungsprojekt "Musik und Jugendkultur". Im Interview mit Journalist Jan Feddersen gibt er zu, dass er verstehen kann, dass sich bei "Glorious" einige an "Euphoria" erinnert fühlen - er sieht aber auch Unterschiede.

Herr Dr. Hindrichs, Ihre Kollegen der Kieler Uni meinen, in "Glorious" bis zum Plagiat reichende Ähnlichkeiten zu "Euphoria" entdeckt zu haben. Teilen Sie diesen Befund?

Thorsten Hindrichs: Zunächst einmal: Cascadas "Glorious" ist mit Sicherheit kein Plagiat von "Euphoria", sondern eine handwerklich sehr, sehr gut gemachte "Stilkopie". Was die Kieler Sprachwissenschaftlerin vorgelegt hat, ist - soweit ich das aus den wenigen Angaben in der "Bild am Sonntag" schließen kann - eine rein auf phonetischen Aspekten basierende Analyse der beiden Songs. Die geht zwar von durchaus messbaren Parametern wie beispielsweise Intensität der Beats, Prosodie (Verhältnis von Wort und Musik, Anmerkung der Redaktion) und Länge oder Kürze bestimmter Passagen aus. Doch wie zielführend ein solcher Versuchsaufbau mit Blick auf Musik ist, daran habe ich erhebliche Zweifel.

Was meinen Sie als Musikwissenschaftler, der sowohl im musikalischen Stoff des 16. Jahrhunderts wie der heutigen Zeit firm ist: Sind beide Lieder, läge man sie übereinander, wenigstens nahezu gleich?

Hindrichs: Beide Songs sind in der Tat aus musikwissenschaftlicher Sicht sehr ähnlich, insbesondere im Hinblick auf den formalen Aufbau, den sehr ähnlichen Umgang mit Dynamik sowie die in beiden Songs eher schlicht gehaltene harmonische und melodische Faktur (Machart, Anm. d. Red.). Ähnliche Befunde lassen sich aber zweifelsohne auch für Tausende anderer Popsongs feststellen. Was im konkreten Fall zusätzlich deutlich ins Ohr fällt, ist die sehr ähnliche Instrumentierung beider Songs. In beiden Fällen wird mit ausgesprochen klassischen Euro-Dance-Elementen gearbeitet. Umgekehrt finden sich in beiden Songs jedoch auch äußerst markante Aspekte der Unterschiedlichkeit, die den Vorwurf des Plagiats mehr als absurd erscheinen lassen.

Beispielsweise?

Cascada auf der Bühne zum deutschen Vorentscheid "Unser Song für Malmö". © NDR Fotograf: Rolf Klatt Geht es nach ihm, darf Cascada also auch in Malmö wieder auf die Bühne. Hindrichs: Die harmonische Struktur von "Euphoria" scheint mir deutlich ausgefeilter - natürlich im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten. Es geht ja um einen Popsong von dreieinhalb Minuten Länge bzw. Kürze. Beim ESC-Gewinnerlied des Vorjahres liegen Strophe und Refrain jeweils andere Tonart zugrunde. Bei Cascada hingegen ist schon zu Beginn die Grundtonart gegeben - und bleibt ihr während des gesamten Liedes treu. Und auch die beim ersten Hören vielleicht ohrenfälligste Ähnlichkeit zu Beginn des Refrains ("[Eu-]phooo-ri-a" bzw. "Glooo-ri-ous") ist bei genauerer Analyse dann eben doch nur eine Ähnlichkeit, denn die beiden "ri" bewegen sich melodisch in komplett gegensätzliche Richtungen. Auch der Rest dieser musikalischen Phrase ist dann eben nicht mehr gleich.

War es denn seitens der Kieler Analystin überhaupt ein tauglicher Versuchsaufbau?

Hindrichs: Die Frage nach musikalischen Aspekten kann ich in der Kieler Expertise offen gestanden überhaupt nicht finden, hier lassen sich allenfalls akustische Ähnlichkeiten erkennen. Wäre die Analyse tatsächlich mit eher traditionellen, konservativen Methoden erfolgt, hätte es gar nicht zu einem Plagiatsvorwurf kommen dürfen.

Weshalb denn nicht?

Hindrichs: Aus "traditioneller" musikwissenschaftlicher Warte hätte man vielmehr von Anfang an auf solch "konservative" Parameter wie Melodik, Harmonik oder Form geachtet, Parameter also, die ja durchaus auch "messbar" sind, die aber vor allem auch auf die Frage nach musikalischen Sinneinheiten ausgerichtet sind. Wenn man sich dann genau diese eben musikalisch sinnvollen Parameter vornimmt, kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass "Glorious" ohne Zweifel kein Plagiat ist, sondern, wie gesagt, nur eine sehr, sehr gut gemachte Stilkopie.

Ist es nicht so, dass für Rezipienten, die Klassik gewohnt sind und mit Dancekultur nichts zu schaffen haben, alle Dancemusik gleich klingt?

Hindrichs: Wenn, dann sagt das lediglich etwas über die Hörer und nichts über die jeweilige Musik aus.

Aktuelle Kommentare
Kaycee schrieb am 27. Februar 2013 um 22:55 Uhr:

Also ich kann nur eines sagen: Den Schweden zumindest wird das gar nicht auffallen (ich verfolge Melodifestivalen seit ein paar Jahren), weil sich bei denen selbst jedes Lied gleich anhört (auch in... [mehr]

Malmö schrieb am 25. Februar 2013 um 15:03 Uhr:

Ihr solltet mal alle zufrieden sein mit cascada,klar es hört sich ähnlich an aber hätten die deutschen nicht son trubel darum gemacht wäre cascada doch eine gute entscheidung.Doch nun weiß ganz europa... [mehr]

Sadhi schrieb am 24. Februar 2013 um 00:41 Uhr:

Also Leute Die Diskussion ob Plagiat oder nicht nimmt kein Ende.. Und erstaunlich wie lange darüber gesprochen wird und wie verschieden hier die Meinungen sind. Klar macht macht man sich mehr... [mehr]

Marion schrieb am 23. Februar 2013 um 14:31 Uhr:

unfassbar

LaBrassBanda eine mutige Entscheidung ????? eher super peinlich und ganz hinten einzuordnen, Der Mainstreamkäse kann wenigstens singen !!!!!!!!!!!!! Gut das die Jury nicht die gleiche Meinung wie... [mehr]

Gralf schrieb am 22. Februar 2013 um 20:07 Uhr:

Das kann nur ein Bayer geschrieben haben, der sein Land als eigene Nation und somit bayerisch als eigene Sprache ansieht. Anders kann ich mir nicht erklären, einerseits LaBrassBanda zu loben und... [mehr]

Interview

Cascada gewinnen "Unser Star für Malmö" in Hannover. © dpa Bildfunk Fotograf: Julian Stratenschulte

Vorentscheid

Cascada auf der Bühne zum deutschen Vorentscheid „Unser Song für Malmö“ © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Jury

Musikerin Mary Roos. © Manfred Esser / da music Fotograf: Manfred Esser / da music

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