Stand: 05.03.15 23:25 Uhr

Kümmert gewinnt - Ann Sophie fährt nach Wien

Kümmerts Aufstieg

Andreas Kümmert auf der Bühne beim deutschen ESC-Vorentscheid. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

"Voice of Germany"-Gewinner Andreas Kümmert präsentiert sich trotz Erkältung stimmlich brilliant.

Langweilig wird es auch nicht, als der Mann die Bühne betritt, den Deutschland später zum ESC-Finale 2015 schicken will: "Voice Of Germany"-Gewinner Andreas Kümmert tritt mit einer großen Fanbase seine nächste Wettbewerbschallenge an. Klar ist: Kümmert hat viel später geprobt als die anderen Künstler - er sei krank, hieß es an den beiden Probentagen vor der Show. Während der Show verkündet Janin Reinhardt, Kümmert habe 40 Grad Fieber. Umso erstaunlicher ist es, dass seine rauchige Stimme bei "Home Is In My Hands" an keiner Stelle erkennen lässt, ob sie vom Band läuft oder ob der Song live gesungen ist. Ein Qualitätsmerkmal, das nur wenigen Sängern zugesprochen werden kann. Kümmert hält es schlicht, aus großen Bühnenrequisiten und schicken Kostümen scheint er sich nichts zu machen. Abgesehen von seiner schüchternen Art und seiner nicht so großen Bühnenpräsenz, durch die Kümmert allerdings gleichzeitig eine gewisse Ruhe ausstrahlt, performt er einen sehr emotionalen Song. Vor allem auf den Seitenrängen gibt es Standing Ovations, nach seinem Auftritt langen Applaus. Er selbst kann es nicht fassen, schüttelt den Kopf, nickt dem Publikum schüchtern zu.

Deutschland halbiert Teilnehmerfeld

Nach einem sehr kurzweiligen ersten Durchlauf sind die Zuschauer zum ersten Mal gefragt. "Anrufen!" lautet das Motto - denn nur vier der acht Acts kommen in die zweite Runde und dürfen ihren zweiten Song performen. Um die Wartezeit bis zum Ergebnis zu verkürzen, erklärt Clubkonzert-Pate Mark Forster auf musikalische Art und Weise noch mal, worum es an diesem Abend geht: "Flash mich!" Er startet (leider, leider) außer Konkurrenz.

Anschließend der erlösende Signalton, Aufatmen inmitten der Anspannung: Die Leitungen sind geschlossen. Janin Reinhardt fühlt den Künstlern im nicht grünen Green Room auf den Zahn, bevor in der jetzt ganz stillen Halle auf den rautenförmigen LED-Wänden nach und nach vier Teilnehmerbilder erscheinen: Alexa Feser, Ann Sophie, Laing, Andreas Kümmert haben es geschafft - sie dürfen in der zweiten Runde einen zweiten Song vorstellen und haben weiterhin die Chance, für Deutschland in Wien anzutreten. Die vier anderen Acts, unter anderem die großen Favoriten von Fahrenhaidt, sind aus dem Rennen und dürfen den zweiten Song, für den sie so lange geprobt haben, nicht mehr performen. Im Backstage-Bereich schlurfen Künstler mit traurigen Gesichtern durch die langen Gänge.

Neue Runde, neues Glück

Ann Sophie auf der Bühne beim deutschen ESC-Vorentscheid. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

"Black Smoke" ist der Song, mit dem Ann Sophie das Publikum begeistert - und später gewinnen soll.

Aber weiter im Text - es gibt noch viel zu tun, vor allem für das votende Publikum. Alexa Feser präsentiert als zweiten Song ihre persönliche Durchhalteparole "Das Gold Von Morgen", das ihrer Aussage nach persönlichste Lied im Repertoire. "Wenn dich das Leben wieder niederstreckt und du liegst mit dem Gesicht im Dreck", singt sie mit geschlossenen Augen, unterstützt durch ein Streichquintett. Feser wird von Ann Sophies leicht schmutzig angehauchtem "Black Smoke" abgelöst. In schwarz-weiß getauchte Kostüme und Visualisierungen unterstützen die Stimmung des souveränen Auftritts, bei dem Ann Sophie noch mutiger und gekonnter tanzt und über den Refrain improvisiert als in den Proben. Da steckt richtig Power drin!

Frauenpower und fiebrige Momente

Die zweite Runde ist eine fast reine Frauenrunde - es schließen sich die vier Mädels von Laing an. "Wechselt die Beleuchtung" soll die Irrungen und Wirrungen zeigen, dass sich Dinge in unterschiedlichem Licht anders präsentieren. Wieder haben sich die Mädels eine tolle Inszenierung einfallen lassen: Das schwarz-weiße Trickkleid erlebt an Nicola Rost sein Comeback, es wird mit schwarzen Silhouetten und Retro-Schreibtischlampen gespielt. Andreas Kümmert, der einzige Mann in der zweiten Runde, singt seine Pop-Ballade "Heart Of Stone". Die Nummer beginnt ruhig und gebrechlich, doch sobald der Beat einsetzt, wippt das Publikum dankbar mit. Auch Andreas Kümmert hat es im Vergleich zum ersten Song vom Hocker gerissen, er singt den Song stehend, wenn auch mit wenig Bewegung. Interessant: Er trägt das gleiche schlichte Outfit wie beim ersten Auftritt (und, nebenbei gesagt, wie bei der Generalprobe).

Aus Spannung wird Dramatik

Alle Teilnehmersongs, die noch im Rennen sind, sind gespielt. Doch die Spannung reißt nicht ab. Jetzt heißt es: Aus Acht mach Zwei. Eine neue Votingrunde startet - und Deutschland wählt erneut, zwischen welchen Songs gewählt wird. Die Wahl fällt auf eine fassungslos schreiende Ann Sophie und ihr "Black Smoke" und Andreas Kümmerts "Heart Of Stone".

Und dann ist der Rest Freude, Tränen, Jubel, Buh-Rufe - und vor allem Fassungslosigkeit. Andreas Kümmert wird als der Sieger des Vorentscheids bekanntgegeben. Er bedankt sich ein erstes Mal beim Publikum. Schweigen und Jubel. Und dann spricht er die Worte, die alle aus der Fassung bringen: "Ich muss dazu was sagen. Ich bin überwältigt von euch allen, von Deutschland. Aber ich bin im Moment nicht in der Verfassung, diesen Titel anzunehmen. Deswegen gebe ich ihn an Ann Sophie ab." Wieder Schweigen - und eine Barbara Schöneberger, wie man sie selten erlebt: sprachlos. Ein Schockmoment auch im Publikum, die Fans werfen sich die Hand vor den Mund.

Eine historische Wendung

Sängerin Ann Sophie und Sänger Andreas Kümmert umarmen sich auf der Bühne beim deutschen ESC-Vorentscheid. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Bewegende Momente beim Vorentscheid: Kümmert fährt nicht nach Wien, Ann Sophie rückt nach.

Schöneberger unternimmt einen Versuch, hinter die Fassade zu blicken. "Gibt es nichts, was dich überzeugen kann?" Kein Wort mehr von Kümmert, stattdessen die Erkenntnis: Ann Sophie fährt nach Wien - auch wenn sie es selbst noch nicht verstanden hat. Sie schaut verwirrt in die menschengefüllte Halle. "Fahre ich jetzt nach Wien?", fragt sie kleinlaut. Aus dem Publikum kommen Buh-Rufe für Kümmert, dann ein tosender Ermutigungsapplaus für Ann Sophie, die alles andere als glücklich wirkt. Sie singt den Gewinnertitel "Black Smoke". Das Publikum jubelt ihr ermutigend zu, bleibt aber ratlos zurück. Deutschland hat Kümmert gewählt, doch Ann Sophie fährt. Fest steht aber: Diese Newcomerin mit der gewaltigen Stimme hat sich vom Clubkonzert bis nach Wien gekämpft und hat unter acht Acts die zweitmeisten Stimmen eingesammelt. "Ich hatte ja schon erfahren, dass ich Zweite bin", sagt Ann Sophie später auf der Pressekonferenz. "Ich konnte es gar nicht fassen. So langsam setzt es sich und ich freue mich natürlich sehr nach Wien zu fahren - und dann auch noch mit meinem Lieblingssong." Und: "Wenn Andreas' Herz ihm das sagt, dann wird es das Richtige sein." Auch wenn sie noch Zeit braucht, es zu realisieren - aber den Sieg auf zweitem Wege hat sie sich verdient. Und so geht ein Abend zu Ende, wie ihn der deutsche ESC Vorentscheid in jeder Hinsicht noch nicht erlebt hat.

Das gab es noch nie! Wir sind gespannt auf Eure Kommentare!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 05.03.2015 | 20:15 Uhr