Jamala aus der Ukraine hält den ESC-Pokal und eine Flagge in die Höhe. © dpa - Bildfunk Fotograf: Maja Suslin

Jamala siegt mit Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte

von Michael Hess und Anja Kelber

Seit Ruslanas Siegertitel ("Wild Dances") beim Eurovision Song Contest 2004 in Istanbul setzen die Ukrainer mit der Beharrlichkeit eines tropfenden Wasserhahns auf Solosängerinnen. Die Damen sind nicht immer ganz echt - wir erinnern uns an Verka Serduchka, die schrille Kandidatin des Jahres 2007 - aber meist erfolgreich. Nur einmal, 2005 im heimischen Kiew, vertraten Männer das osteuropäische Land. Vor dem Hintergrund der "Orangenen Revolution" konnte sich das Duo Greenjolly mit einem politischen Protestlied im Vorentscheid durchsetzen. Am Ende jedoch standen ein Veto der European Broadcasting Union (EBU), einige geänderte Textpassagen und ein enttäuschender 20. Platz im Finale.

Jamala aus der Ukraine auf der ESC Bühne. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Gewinnersong: Jamala - "1944"

Eurovision Song Contest -

Sie hat es geschafft: Die Ukrainerin Jamala siegt beim Eurovision Song Contest 2016! Und hier könnt ihr noch mal den Gewinnersong aus diesem Jahr genießen.

2,49 bei 1408 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Das Schicksal der Krimtataren

Nun versuchte sich Jamala erneut an der Quadratur des ESC-Kreises: Sie wollte ein Lied präsentieren, das politisch, aber regelkonform, das prägnant, aber möglichst auch gefällig sein soll. Ein Lied wie "1944". Der Song entstand nicht von ungefähr. Jamala, die eigentlich Susana Jamaladinowa heißt, erblickte 1983 in Osch in der Kirgisischen SSR das Licht der Welt. Ihre Urgroßmutter wurde von Stalins Geheimpolizei gemeinsam mit Hunderttausenden anderen Tataren von der Halbinsel Krim nach Zentralasien verschleppt. Das war 1944. Jamala und ihre Eltern kehrten erst 50 Jahre später auf die Krim zurück. "Es geht um meine Familie und meine Wurzeln", meinte die Ukrainerin in einem Interview zu ihrem Song und distanziert sich vom Vorwurf, mit dem Lied aktuelle Politik machen zu wollen. Denn natürlich weiß auch sie, dass viele bei "1944" auch an Russlands Annexion der Krim im Jahr 2014 denken werden. Die EBU hatte den ukrainischen Beitrag deswegen im Vorfeld geprüft, jedoch entschieden, dass "der Titel und der Text keine politische Botschaft enthalten". Der Song sei regelkonform.

Und er überzeugte Publikum und Jury: Jamala hat den 61. Eurovision Song Contest gewonnen. "1944" ist eine überaus modern klingende Soul-/Electropop-Ballade, in der folkloristische und Dubstep-Elemente für die nötige unheilvolle Stimmung sorgen. Vielleicht war es genau diese Mischung aus Historismus und Moderne, der ihr in diesem Jahr den lang ersehnten Sieg beim ESC bescherte.

Gedenken oder Agit-Prop?

Jamala

Bürgerlicher Name: Susana Jamaladinowa
Geburtstag: 27.8.1983
Geburtsort: Osch
Land: Ukraine
Sternzeichen: Jungfrau
Kontakt:
Website
Facebook
Twitter

Auszeichnungen:

  • Sonderpreis des lettischen "New Wave"-Festivals in Jürmala, 2009

Der Song wird durchaus propagandistisch ausgeschlachtet. In einem der vielen Videos zu "1944" sieht man in Spielfilmszenen, wie Uniformierte in ein Dorf einfallen. Dazu erklingt Jamalas Stimme, mit schwerem Akzent singt sie "The Strangers are coming, they come to your house". Und was machen die Fremden im Lied? Sie töten. Alle. Und klar, die Bösen im Video tragen sowjetische Uniformen. Es gibt aber auch gute Soldaten. Die haben ukrainische Hoheitsabzeichen in Blau-Gelb. Hat's die 1944 schon gegeben? Ach, egal. Wo hört geschichtliches Gedenken auf, wo fängt Agit-Prop an? Jamala beantwortet die Frage auf ihre Weise: "Man kann Parallelen ziehen, aber ich möchte unter keinen Umständen, dass die Ereignisse heute so tragisch wie 1944 enden."

Moderne Ballade

Jamala, die bereits 2010 in einem ukrainischen Vorentscheid angetreten war, konnte sich mit "1944" in mehreren Castingshows und Vorentscheiden durchsetzen, das Finale entschied sie dank des Publikumsvotings knapp für sich. Der Song selbst, den sie zusammen mit Art Antonyan schrieb, ist der erste in der ESC-Geschichte, der stellenweise in Krimtatarisch gesungen wird.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 14.05.2016 | 21:00 Uhr

Stand: 18.05.16 10:20 Uhr