Stand: 12.05.17 09:56 Uhr

Mr. Grand Prix: Ralph Siegel

Sängerin Nicole nach ihrem Sieg in Harrogate mit Ralph Siegel (links) und einer nicht indentifizierten Person © dpa - Bildarchiv Fotograf: Frank Mächler

Der ersten Sieg für Deutschland mit "Ein bisschen Frieden" macht Komponist Ralph Siegel (li.) zum unvergessenen Grand-Prix-Helden.

Wo soll man bei Ralph Siegel anfangen? Ob als Verleger, Textdichter, Musiker, Komponist oder Produzent - der Mann hat seit den 1960er-Jahren bei so vielen Hits seine Finger im Spiel, dass allein deren Aufzählung eine ganze Seite füllen würde. Unsterblich macht sich der Schlagertycoon 1982 mit "Ein bisschen Frieden", dem Song, der den ersten Grand-Prix-Sieg für Deutschland einfährt. Das von Ralph Siegel komponierte, von Bernd Meinunger getextete und von Nicole gesungene Lied trifft beim ESC in Harrogate mit seiner einfachen Friedensbotschaft den Nerv der Jury. Mit einem sensationellen Vorsprung von 61 Punkten auf das Zweitplatzierte "Hora" aus Israel sahnt es den Spitzenplatz ab. Beim Finalauftritt sitzt der Komponist als Teil der Begleitband selbst am Klavier. Viele Millionen Zuschauer sind in den 18 Teilnehmer-Ländern an den TV-Bildschirmen bei der europäischen Geburtsstunde von Siegels größtem Hit dabei. Die Single verkauft sich mehr als fünf Millionen Mal.

Spross einer Musikerfamilie

Ralph Siegel ist seit seiner Geburt 1945 in München von Musik umgeben. Mutter Ingeborg Döderlein ist Operettensängerin, Vater Ralph Maria ist erfolgreicher Schlagertexter und Komponist mit eigenem Musikverlag. Schon als Fünfjähriger beginnt Ralph Junior Schlagzeug, Gitarre, Klavier und Akkordeon zu spielen, interessiert sich bald auch für Harmonielehre und Komposition und schreibt erste Lieder.

Seine Ausbildung ist ganz auf die spätere Übernahme der Ralph-Maria-Siegel-Musik-Verlage ausgerichtet. Mit 18 macht er ein Volontariat bei einem französischen Label in Paris, ein Jahr später geht er in die USA und lernt bei einem amerikanischen Musikverlag. In den Staaten landet er mit "It’s  A Long, Long Way To Georgia", gesungen von Don Gibson, auch seinen ersten großen Hit. Siegels Komposition landet auf Platz 8 der amerikanischen Country Charts.

Siegel beherrscht Schlagerszene

Der Schlagerkomponist Ralph Maria Siegel und Ilse Werner (1954).

Schon Siegel Senior arbeitete mit den großen der Branche, wie Ilse Werner, zusammen.

Zurück in Deutschland beginnt der Aufstieg zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Schlagerszene. 1972 stirbt sein Vater und Ralph Junior übernimmt die Geschäfte - mit gigantischem Erfolg. Fast alle Stars der Branche sind im Laufe der Jahrzehnte irgendwann durch die Siegel-Schmiede gegangen: Gunter Gabriel, Mary Roos, Peggy March, Heidi Brühl, Peter Kraus, Drafi Deutscher, Heino, Bata Illic, Michael Holm, Demis Roussos, Roy Black, Roberto Blanco, Jürgen Marcus, Angelika Milster, Andrea Berg und sogar die Glam-Rock-Briten The Sweet. "Fly Robin Fly" von Silver Convention stammt zwar nicht aus seiner Feder, beschert seinem 1973 gegründeten Label Jupiter-Records 1975 dennoch einen Nummer-eins-Song in den USA. Der WM-Hit 1982 "Olé España" mit Michael Schanze und der Fußballnationalmannschaft stammt ebenso aus Siegels Feder wie das Duett "Together We're Strong" von Mireille Mathieu & Patrick Duffy. Auch bei der Volksmusik mischt der Münchener heute mit und schreibt Lieder für Marianne und Michael, Stefan Mross und Florian Silbereisen. Mehr als 2.000 Siegel-Titel sind bei der Gema registriert. Siegels Output ist rekordverdächtig und wird 2007 mit dem Echo für das Lebenswerk geehrt.

1974 zum ersten Mal beim Grand Prix

Zu den ganz frühen Hits gehören "Fiesta Mexicana" von Rex Gildo und "Du kannst nicht immer 17 sein" von Chris Roberts. 1974 produziert Ralph Siegel Udo Jürgens Megahits "Griechischer Wein" und "Ein ehrenwertes Haus" und Peter Alexanders "Die kleine Kneipe in unserer Straße". Im selben Jahr macht Siegel auch zum ersten Mal beim Grand Prix mit. Ireen Sheer holt mit  seiner Komposition "Bye, Bye I Love You" den vierten Platz - allerdings für Luxemburg. Das ist der Startschuss für Siegels lebenslange ESC-Leidenschaft, die ihm den Spitznamen Mr. Grand Prix einbringt.

14 Mal für Deutschland

Lena Valaitis und Ralph Siegel freuen sich über den Sieg beim deutschen Vorentscheid 1981 © dpa

Lena Valaitis und Ralph Siegel freuen sich über den Sieg beim deutschen Vorentscheid 1981

Den Grand-Prix-Einstand für Deutschland gibt der Komponist 1976 mit "Sing Sang Song" für The Les Humphries Singers - kein rühmlicher Start. Das Lied landet auf dem drittletzten Platz. Doch schon 1980 schrammt Katja Ebstein mit der Siegel-Komposition "Theater" nur knapp am Sieg vorbei, genauso wie Lena Valaitis 1981 mit "Johnny Blue". 1982 dann der große Triumph mit "Ein bisschen Frieden". Noch dreimal gelingen Siegel-Schützlingen Platzierungen unter den Top drei: 1987 schaffen Wind mit "Lass die Sonne in dein Herz" den zweiten Platz. Das Trio Mekado landet 1994 mit "Wir geben ’ne Party" genauso auf dem dritten Rang wie die Multi-Kulti-Combo Sürpriz 1999 mit "Reise nach Jerusalem".

Weltkarriere mit Dschinghis Khan

Zu Siegels größten Coups gehören auch die Viertplatzierten von 1979: Dschinghis Khan. Seine abstruse Idee, eine zusammengewürfelte Sängertruppe in Reiterkostüme zu stecken und eine mongolische Saufgeschichte vortragen zu lassen, kommt nicht nur beim Grand Prix gut an. Im Anschluss an den ESC-Erfolg legen Dschinghis Khan eine Weltkarriere mit Hits in Australien, Russland, Japan und Israel hin. Insgesamt startet Ralph Siegel 14 Mal für Deutschland beim ESC-Finale. Gerne wäre er noch häufiger dabei gewesen, kann sich aber nicht öfter bei den Vorentscheiden durchsetzen.

Siegel-Überdruss beim ESC

Guildo Horn beim Eurovision Song Contest 1998 . Er belegt den 7. Platz.  Fotograf: Katja Lenz pool

Guildo Horn macht den ESC 1998 wieder populär. Mit ihm startet der Aufstieg von Stefan Raab im ESC-Geschäft.

1998 beginnt Ralph Siegels ESC-Thron zu wackeln. Im Jahr zuvor landete Bianca Shomburg mit seiner biederen Komposition "Zeit" nur auf Platz 18. Die Nation ist Siegel-müde und stürzt sich beim Vorentscheid 1998 auf den Gaga-Kandidaten Guildo Horn. Der singende Pädagoge holt mit der Alf-Igel-Komposition "Guildo hat euch lieb" den siebten Platz beim ESC-Finale in Birmingham. Hinter dem Komponisten-Synonym verbirgt sich TV-Entertainer Stefan Raab, der mit einem Seitenhieb auf Grand-Prix-Ikone Ralph Siegel frischen Wind in den deutschen Vorentscheid bringt. Zwar kann sich das ESC-Urgestein noch dreimal bei den Auswahlshows durchsetzen, doch 2004 ist seine Zeit bei den nationalen Qualifikationen abgelaufen. Seither kann sich keine Siegel-Komposition mehr für den deutschen Vorentscheid qualifizieren. Die großen Erfolge fährt in den Folgejahren Stefan Raab ein. 2010 krönt der seine ESC-Karriere als Entdecker und Produzent von Lena, die mit "Satellite" den ESC-Titel nach Deutschland holt. Trotzdem besteht Ralph Siegel darauf, der einzige deutsche Komponist zu sein, der den ESC je gewonnen hat. Schließlich sei "Satellite" von einem US-Komponisten und einer Dänin geschrieben. "Von Titelnachfolger kann also keine Rede sein", zitiert ihn 2010 "stern.de".

Rekordverdächtige 25. ESC-Teilnahme 2017 in Kiew

Die san-marinesischen ESC-Teilnehmer 2017 Valentina Monetta und Jimmie Wilson © San Marino RTV / Claude Langlois Fotograf: Claude Langlois

Valentina Monetta und Jimmie Wilson gingen mit dem Siegel-Song "Spirit Of The Night" in Kiew ins Rennen.

Da in Deutschland für den ESC-Veteranen nicht mehr viel läuft, startet er für die europäische Konkurrenz. Seit 2004 geht Ralph Siegel als Komponist für Malta, Montenegro, die Schweiz und mehrfach für San Marino ins Rennen. Dass er dabei manches Mal im Halbfinale stecken bleibt, entmutigt den ESC-"Verrückten" nicht. Doch auch in Deutschland bleibt der leidenschaftliche ESC-Fan am Ball: 2016 gelingt ihm dann auch ein erneuter Einzug in den deutschen Vorentscheid. Die Siegel-Komposition "Under The Sun We Are One" mit der 19-Jährigen Interpretin Laura Pinski tritt gegen neun Konkurrenz-Songs bei "Unser Lied für Stockholm" an - schafft es aber nicht ins Finale. 2017 hat er mit der sanmarinesischen Sängerin Valentina Monetta Anlauf auf den ESC genommen - es ist bereits ihre vierte Zusammenarbeit. Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Sänger Jimmie Wilson wollten sie nach mäßig erfolgreichen Versuchen in den Jahren 2012 bis 2014 nun zu dritt nach den Sternen greifen, scheitern aber im zweiten Halbfinale. Dennoch hat Ralph Siegel dieses Jahr einen Grund zum Feiern: Für ihn ist es nach 45 Jahren eine rekordverdächtige 25. Teilnahme am ESC.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 24.04.1982 | 21:00 Uhr