Ben Ivory: "Grenzen existieren nur im Kopf"

von Veronika Pohl

Ben Ivory steckt mitten in den Vorbereitungen für "Unser Song für Malmö". Im Interview spricht er über seinen Vorentscheid-Song "The Righteous Ones". Außerdem erzählte der Berliner, warum er sich nicht anpassen und ungern erwachsen werden will.

Ben, wie war das für dich, als du erfahren hast, dass du am Vorentscheid für den Eurovision Song Contest teilnimmst?

Ben Ivory: Als Lena gewonnen hat, habe ich das live gesehen und mitgefiebert. Das war wirklich toll, dass wir die Krone nach Hause getragen haben. Ich sehe es als große Chance, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, dort mitzumachen. Meine Musik ist zwar schon Mainstream und Pop, aber auch ein bisschen arty, spezieller. Ich glaube, damit kann ich noch mal eine ganz andere Zielgruppe ansprechen.

Wie hat dir der letzte Eurovision Song Contest gefallen?

Ivory: Loreen hat mich ganz schön beeindruckt. Es war so intensiv, mit so wenig Mitteln. Ich mag es zwar groß, bei Loreen fand ich aber gerade toll, dass es so reduziert war. Outfit, Windmaschine und Licht - das war sehr intim. Da war kein Bling Bling und kein Kitsch drumherum. Generell finde ich den ESC aber so eine tolle Plattform, weil man international eine riesen Show auf die Beine stellen kann. Für einen Newcomer ist das einerseits eine Herausforderung, andererseits die Möglichkeit, sich einem großen Publikum vorzustellen.

Nun hast du die Möglichkeit, dich uns vorzustellen. Wofür steht Ben Ivory - was für ein Künstler bist du?

Ivory: Ben Ivory ist für mich kein Singer-Songwriter-Projekt. Ich setze mich nicht mit der Akustikgitarre hin oder singe a cappella. Als ich groß geworden bin, habe ich in der deutschen Musiklandschaft die große Pose, die große Geste vermisst, eine Show zu bieten. Ohne etwas Falsches sagen zu wollen, aber ich finde das wirkt in Deutschland öfter etwas statisch im Vergleich zu dem, was in England oder Amerika stattfindet - die haben das ja wirklich mit der Muttermilch aufgesogen. Meine größte Motivation ist es also, etwas zu machen, was international ist und diesen Showcharakter hat. Zu Hause laufe ich zwar am liebsten in der Jogginghose und Adiletten rum (lacht). Aber wenn es um Ben Ivory geht, dann muss das in einem bestimmten Rahmen stattfinden. Darauf lege ich es an und hoffe, dass es möglichst viele andere Menschen auch toll finden werden. Es ist an der Zeit, dass etwas Großes kommt.

Neben der Show werden beim ESC auch die Outfits immer heiß diskutiert. In Berlin bist du in der Mode-Szene recht aktiv.

Ivory: Ja, mit Ken Kerner, einem Modedesigner und gutem Freund von mir, habe ich fünf Shows für die Mercedes Fashion Week zusammen inszeniert. Ich bin total modeaffin und es ist auch eines der Standbeine meines musikalischen Projekts. Ich finde Musik ist die eine Sache - das ist der absolute Fokus - aber in der Umsetzung gehören da noch ein paar mehr Ebenen dazu. Mode, Make-up, eine gewisse Dramaturgie und Inszenierung. Ich möchte die Leute ja auch irgendwie abholen und versuchen, in meine Welt zu bringen. Da gehört das alles ganz eng zusammen.

Wie ist deine Welt, von der du sprichst, denn so?

Ivory: Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen kitschig an. Aber als Kind habe ich immer die größte Angst davor gehabt, erwachsen zu werden und im realen Leben anzukommen, zu funktionieren wie eine Maschine. Und durch die Kunst, ob nun Musik, Malerei, Fotografie - ursprünglich habe ich mal Fotograf gelernt - versuche ich, mir das am Leben zu erhalten. Genau darum geht es auch in "The Righteous Ones", das ich beim ESC präsentieren werde: kreativ zu bleiben, nicht abzustumpfen. Grenzen existieren nur im Kopf. Ich will mich nicht in ein System pressen lassen und dann mit 50 oder 60 Jahren vielleicht feststellen, dass ich völlig abgestumpft bin und alles an mir vorbeigezogen ist. Ich lebe nur dieses eine Mal.

Dein Song "The Righteous Ones" klingt ein wenig, als hättest du auch negative Erfahrungen bei dem Versuch gemacht, deine eigene Vorstellung der Welt nach außen zu tragen.

Audiobeiträge

Ben Ivory mit einer Leuchtstangen-Installation © Warner Music Group Germany Holding GmbH Fotograf: Katja Kuhl

Ben Ivory: "The Righteous Ones"

Das ist der Song von Ben Ivory für "Unser Song für Malmö".

Ivory: Absolut, im Laufe der Jahre war es schwierig, sich durchzusetzen. Nach der Schule musst du dir ja überlegen: Studiere ich jetzt oder lerne ich einen Beruf? Spätestens da fängt es ja an, dass du in ein bestimmtes System eingeführt wirst. Sich die Freiheit zu erlauben und zu sagen: "Ich bleibe mir weiter treu", das stößt auf viel Widerstand und einige Leute denken sich "was für ein Spinner". Nicht unbedingt in der Familie, aber gesellschaftlich.

Wen genau sprichst du in deinem Song damit an?

Ivory: Es ist ein Appell an die, die sind wie ich. Die vielleicht durch diese Schwierigkeiten gehen und Angst haben ihrem Ziel treu zu bleiben, weil sie denken, sie müssten ab irgendeinem Punkt in irgendeinen Anzug oder irgendein Format passen. Zu sagen: "Nein, bleib dem treu und höre auf dich!". Nur dadurch können wir ja die Vielfalt erhalten. Ich glaube dadurch dreht sich am Ende des Tages die Welt schneller - wegen der Leute, die auch über den Tellerrand hinaus denken. Outside the box.

Wie versuchst du selbst, dich nicht von negativen Reaktionen beirren zu lassen?

Ivory: Mein Leitsatz ist immer: Es gibt nichts, was es nicht gibt. In der Natur ist alles vorhanden, im Kleinen wie im Großen. Wenn jemand meine Realität nicht versteht, dann wahrscheinlich nur, weil seine so weit davon weg ist. Dann versuche ich mich im Gegensatz in die Person hineinzuversetzen und den gleichen Fehler nicht auch zu machen.

Auf unserer Seite sammeln sich verschiedene Kommentare zu dir.

Ivory: Ja, habe ich schon gehört. Da gab es wohl eine leichte Diskussion (lacht).

Eine kritische Nachfrage war, ob der Song im "bunten ESC-Zirkus" untergeht. Ist der Song vielleicht zu düster, um sich durchzusetzen?

Ivory: Das kann schon sein, ich bin da kein Experte. Aber meine Vision ist ganz klar. Ich finde es ist ein großartiges Zeichen, dass es ein Act wie ich geschafft hat, gerade weil er nicht so massentauglich ist. Weil es eine Schicht unter dem oberflächlichen 'Wir-sind-alle-eine-Welt' liegt, denn das ist ja nicht die Wahrheit. Ich finde es toll und mutig vom ESC, dass ich dabei sein darf. Es ist wichtig, auch was Sperriges dabei zu haben, mal unangenehme Fragen zu stellen, Ecken zu haben. Wir leben in keiner glatten Welt. Ich glaube eher, dass das mal was Neues ist und daher ganz gut funktionieren kann. Ich denke, viele haben darauf gewartet - ich hätte es mir gewünscht in der Vergangenheit.

Aktuelle Kommentare
Tanja schrieb am 22. Januar 2013 um 23:53 Uhr:

Toller Künstler!!

Ich find Ben Ivory wahnsinnig sympathisch. Da steckt echt was dahinter, nicht nur schöne Fassade! Ich mag ihn und den Song, meine Stimme hat er! [mehr]

Porträt

Ben Ivory auf der Bühne zum deutschen Vorentscheid „Unser Song für Malmö“ © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Teilnehmer

Cascada, Emmelie de Forest und Ryan Dolan. (Bildmontage) © Rolf Klatt Fotograf: n