Marlène Charell: "Ich empfinde heute noch Lampenfieber"

von Patricia Batlle

Als erste Frau der Fernsehgeschichte moderierte die aus Niedersachsen stammende Künstlerin Marlène Charell live eine Fernsehsendung vor fast 500 Millionen Zuschauern - den fast vierstündigen Grand Prix aus München. Nicht nur das: Sie sang und tanzte zusätzlich. Im Gespräch mit eurovision.de erinnert sich die ehemalige Startänzerin des Lido an die aufregende Show von 1983.

eurovision.de: Sie reisen viel und sind als Kind bereits mit Ihrem Vater durch die Welt getourt. Ist Ihnen eine Art Nomadentum in die Wiege gelegt worden?

Charell: Das liegt mir gewissermaßen im Blut. Und leider werde ich überhaupt nicht sesshaft. Das ist etwas ganz Schreckliches. Ich hätte mir gewünscht, dass man mit dem Älterwerden ruhiger wird und man keinen Koffer mehr in der Hand braucht. Das funktioniert überhaupt nicht. Ich werde unruhig, wenn ich zu lange an einer Örtlichkeit bin. Aber Gott sei Dank geht es meinem Mann (Roger Pappini, Anm. d. Red.) genauso.

eurovision.de: Wer hat beim Grand Prix 1983 entschieden, wie viel sie in welcher Sprache moderieren sollen?

Charell: Es war keine Wahl, sondern eine Pflicht, den Song Contest in drei Sprachen zu moderieren. Und es gab es ja keine Prompter, wo man etwas ablesen konnte. Damals nannte man jemanden, der einen Zettel braucht, unprofessionell. Was völlig idiotisch ist. Man erhöht das Lampenfieber so sehr, wenn man alles auswendig lernen muss. Zu jedem Teilnehmerland gehörten mindestens drei Eigennamen: den Komponisten, den Orchesterchef und den Interpreten. 1983 waren es 20 Teilnehmerländer, da gab es viel auswendig zu lernen. Lampenfieber hatte ich sowieso: Das war eine fast vierstündige Übertragung. Meine erste Live-Sendung und meine erste Moderation überhaupt. Viele sagten: "Das kann sie nicht, das ist unmöglich, die singt und tanzt, aber sprechen kann sie nicht." Da war schon ein bisschen Druck. Ich empfinde heute noch Lampenfieber, wenn ich an diese Sendung denke.

 

Mein Grand Prix Moment

ESC 1983 in München: Moderatorin Marlène Charell. © BR Fotograf: Sessner

Marlène Charell: "Ich war schachmatt"

Die Entertainerin hatte 1983 Probleme mit einem drohendem Streik der kommentiertenden Kollegen.

eurovision.de: Und wer hat entschieden, dass Sie tanzen?

Charell: Die Idee mit dem Tanzen kam vom Sender selbst. Darüber waren alle natürlich begeistert. Das war übrigens der Punkt, weshalb ich dann bei dem italienischen Sender RAI engagiert wurde, weil die sahen: Das Mädel singt, das Mädel tanzt, sie kann sprechen und sieht auch nicht so schlecht aus. Die engagieren wir. Nach dieser Sendung begann meine internationale Karriere im Fernsehen. Auch in Spanien.

eurovision.de: Das Magazin Gong hat sie nach dem Abend sehr gelobt und titelte, "A star is born". Sie waren die erste Frau, die einen Abend vor 500 Millionen Zuschauern moderiert hat.

Charell: Gott sei Dank hatte mir das der Intendant in dem Moment nicht gesagt, sonst wäre ich wahrscheinlich nicht auf die Bühne gegangen.

eurovision.de: Wofür sind Sie später bei der RAI engagiert worden?

Charell: Wir haben mit einem Starmoderator eine Reihe mit 20 Sendungen gemacht. Das lief sehr erfolgreich. Ab dieser Zeit war ich regelmäßig in Italien.

eurovision.de: Im deutschen Fernsehen hatten Sie aber auch Sendungen?

Charell: Ja, natürlich. Ich habe den internationalen Artistenpreis moderiert und die Arena der Sensationen. Wir hatten viele italienische große Stars, die ich dann auch interviewen durfte, und französische Stars wie Charles Aznavour. Das waren gute Bekannte von mir und das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Danach kamen viele Sendungen dieser Art, das heißt, ich habe getanzt, gesungen und gesprochen. Wir hatten damals noch nicht so viel Konkurrenz von Interpreten, die alles machten.

Karitatives Engagement: Eine andere Art von Erfolg

eurovision.de: Sie haben sich später karitativ betätigt ...

Charell: Ich bin seit zwanzig Jahren Schirmherrin eines Kreuzfahrerclubs. Auf unseren Weltreisen erlebt man nicht nur schöne, sondern auch traurige Dinge. Wir haben uns daher mit dem SOS Kinderdorf zusammengetan und seit 2001 auf den Kreuzfahrten jährlich bis zu 70.000 Euro gesammelt. Die Spenden haben wir persönlich zu den Dörfern gebracht, Häuser gebaut und die Ausbildungen der SOS-Kindermütter übernommen. Wir haben erlebt, wie die Kinder die ersten Schulbücher und Schulkleidung übernehmen konnten und Brunnen gebaut. Das mache ich seit zehn Jahren. Das ist eine andere Art von Erfolg, aber auch ein schönes Gefühl.

eurovision.de: Haben Sie ein Lieblingsdorf oder Land, wo Sie gerne hinfahren?

Marlène Charell in Venezuela mit den Kindern des SOS-Kinderdorfes © SOS-Kinderdorf e.V. Arbeitet seit zehn Jahren mit dem Verein SOS-Kinderdorf zusammen: die Entertainerin Marlène Charell. Charell: Vielleicht Venezuela. Aber nur vielleicht. Wenn man so viele Plätze anläuft, wo für die Kinder Not herrscht, hat man keine Präferenz. Ich muss gestehen, dass es mir immer sehr schwergefallen ist, aus allen Dörfern, in die wir gefahren sind, wieder wegzufahren. Denn diese Kinder sind extrem wohlerzogen und sehr anhänglich. Wenn wir dort den Tag verbringen, nachdem wir etwas gebaut oder neu installiert haben, verbringen wir den ganzen Tag mit den Kindern. Und jedes Mal, wenn wir abfahren, gibt es viele Tränen und es dauert immer ein, zwei Jahre, bis wir uns wiedersehen.

Ein guter Moderator ist schlagfertig

eurovision.de: Zurück zur Musik: Was macht einen guten Moderator aus?

Charell: Schlagfertig sein, schnell zu sein, vorweg zu denken, was alles passieren könnte. Und sehr locker zu sein. Das war ich nicht, das gebe ich zu. Aber ich hatte Gründe dafür. Wenn ich mich erinnere an diese Zeit, wo ich noch relativ jung war und diese Gesamtform der Unterhaltung machte: Da machte ich mich verrückt. Ich brauche immer jemanden, der mir sagt, "mach es, du bist gut". Früher war es mein Papi und später mein Mann. Aber ich bin jemand, der nicht immer sehr überzeugt ist von sich. Ich bin sehr kritisch.

eurovision.de: Haben Sie die Kritik an Ihrer Moderation nach 1983 gelesen?

Charell: Ich muss Ihnen ganz ehrlich gestehen, die negativen habe ich weggeworfen. Weil ich leide wie ein Hund, weil ich es ja nicht wieder zurückdrehen kann.

eurovision.de: Was haben Sie empfunden, als Sie gehört haben, dass zum ersten Mal seit 28 Jahren der ESC in Deutschland stattfindet?

Charell: Super! Super! Ich habe mich riesig gefreut. Sensationell. Ich weiß zwar gerade nicht, wer moderiert...

eurovision.de: ... Judith Rakers, Anke Engelke und Stefan Raab.

Aha, es sind drei. Das ist etwas angenehmer. Wenn man alleine ist, ist die Belastung doch etwas stark. Und die Moderationen sind heute leichter, sie müssen nicht mehr so viel sprechen.

eurovision.de: Das bedeutet, Sie gucken noch den Song Contest?

Charell: Ich schaue eigentlich jeden an. Und ich bin sicher, die heutigen Moderatoren sind nervös und haben Lampenfieber. Wenn sie es nicht hätten, wäre das nicht gut.

eurovision.de: Hoffen Sie, dass Deutschland noch einmal gewinnt?

Charell: Ich glaube nicht, dass sich ein Land wünscht, das zweimal hintereinander veranstalten zu müssen. Aber natürlich möchte man Erfolg haben.

eurovision.de: Welches Lied der letzten Jahre hat Ihnen am besten gefallen?

Charell: Das kann ich spontan nicht sagen. Aber ich muss gestehen, dass ich keine gute Jury wäre. Ich habe oft daneben getippt. Das habe ich bis zum heutigen Tag nicht begriffen. Ist mein Geschmack so anders geartet? Wo ich doch mit Musik groß geworden bin und recht musikalisch denke. Aber mir gefiel die deutsche Kandidatin Lena sehr gut. Ich fand, sie war sehr locker, sehr süß, sehr lieb.

eurovision.de: Haben Sie mit Charles Aznavour ein Duett gesungen?

Charell: Ja, mehrfach. Er gehört zur Kategorie von Sängern, wo ich sage, der hat wirklich tolle Lieder geschrieben. Ich hoffe, dass dieses Anspruchsvolle etwas zurückkommt.

eurovision.de: Danke für dieses schöne Schlusswort und für das Gespräch. Alles Gute!

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Weitere Informationen

ESC 1983 in München: Moderatorin Marlene Charell vor der Punktetabelle. © BR Fotograf: Sessner

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Geschichte

Corinne Hermès 1983 beim Grand Prix. © EBU

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Klaus Woryna, Präsident des Vereins OGAE Germany © NDR Fotograf: Patricia Batlle

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