Stand: 06.02.17 13:00 Uhr

Feddersens Kommentar: Balladenalarm in Kiew

Jamala aus der Ukraine hält den ESC-Pokal und eine Flagge in die Höhe. © dpa - Bildfunk Foto: Maja Suslin

Dass Jamala 2016 mit einer schwermütigen Ballade den ESC gewann, war eher ungewöhnlich.

Die allermeisten Lieder stehen - ebenso wie ihre Interpretinnen und Interpreten - momentan zwar noch nicht fest. Dennoch scheint mir die Tendenz eindeutig: Balladen noch und noch. Dramatisch stimmende Drei-Minuten-Geschichten, die um Gehör bitten. Wer auf eher flottere Nummern steht, sollte sich nicht beklagen. Denn Jamala hat es 2016 in Stockholm vorgemacht: Man kann mit wuchtiger, eher schleppender Atmosphäre gewinnen - und zwar in diesem Fall auch vor einem Sänger wie Sergej Lazarev, der die Popnummer schlechthin darbot.

Balladen gewinnen insgesamt eher selten

Marija Serifovic vertritt 2007 Serbien beim Grand Prix © dpa Foto: Jörg Carstensen

Auch der Sieg der Serbin Marija Šerifović 2007 mit "Molitva" zählt zu den Ausnahmemomenten, in denen eine Ballade den ESC gewinnt.

Im langjährigen Vergleich muss man allerdings feststellen, dass Balladen eher selten gewinnen. Vor der Ukrainerin und ihrem "1944" in Stockholm 2016 gelang dies zuletzt 2007 in Helsinki der Serbin Marija Šerifović mit ihrem "Gebet" genannten Lied "Molitva". Sonst hatten eher schwungvolle Acts die Nasen vorn. Aber: Langsame Lieder, so denken viele Komponisten, wirken beim Publikum gefälliger. Und: Wenn alle Up-Tempo-Acts eher nicht beeindrucken, entscheiden sich Jurys und Publikum gern für jene, die wenigstens prima singen können. Interpreten singen gern eher weniger temporeiche Lieder, weil sie sich mit ihnen für das Geschäft nach dem ESC empfehlen können.

Der ESC 2017 verheißt Schwermut noch und noch

In diesem Jahr zählen Albaniens Lindita Halimi und ihr Titel "Botë" (deutsch: Welt) ebenso dazu wie die georgische Sängerin Tako Gachechiladze, die ihren Beitrag englisch "Keep The Faith" (Bewahre den Glauben) nennt. Letzteres ist ein offen politisch gesinntes Lied, das an die Nervösen in Europa appelliert, nur nicht die Fassung zu verlieren. Lucie Jones, die Sängerin des Vereinigten Königreichs, hat es weniger mit Politischem, eher mit dem klassischen Popthema Liebe: "Never Give Up On You" (Gib dich niemals auf) lebt wie die Lieder aus Tirana und Tiflis von der Stimme der Sängerin. Das gilt auch für die mir bislang liebste Ballade, die des finnischen Duos Norma John, die etwas von einem "Blackbird" (Amsel) erzählt: Sie erinnert ein wenig an die Niederländerin Anouk und ihr "Birds", das ihr 2013 in Malmö einen vorderen Platz einbrachte.

Von der Schar der getragenen Stücke hebt sich deutlich Weißrusslands Beitrag von Naviband ab: "Historyja majho žyccia" lässt sich zwar zunächst für des Weißrussischen nicht mächtige Leute nicht unfallfrei aussprechen. Aber die zu Deutsch "Geschichte meines Lebens" eines jungen Mannes und einer jungen Frau nimmt auf Anhieb ein. Stimmen plus gitarrenlastiger Klang sind fröhlich gesinnt: Das lässt aufatmen. So von wegen: Endlich mal ein Lied, das mich nicht mit den Problemen der Welt (oder von mir fremden Personen) behelligen will.

Charlotte Perrelli schied mit langsamem Titel aus

Im Hinblick auf die deutsche Vorentscheidung am 9. Februar in Köln ließe sich nun sagen: Es wird eines der beiden ausgewählten Stücke gewinnen, klar, aber dies bitte in einem Arrangement, das nicht zu einer gedrückten Atmosphäre beiträgt. Und last but not least: In Schweden ist am Wochenende die vormalige ESC-Siegerin Charlotte Perrelli (1999 in Jerusalem mit "Take Me To Your Heaven") schon in der (ersten) Vorrunde ausgeschieden. Sehr schade, aber ihr langsames Lied verfing dort nicht.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr