Auch ESC-Sieger JJ will Wettbewerb ohne Israel
Im Vorfeld des ESC 2025 hatten ehemalige Teilnehmer sowie Sender aus Spanien und Island den Ausschluss Israels vom Wettbewerb gefordert. Dem hat sich der diesjährige Gewinner JJ nun angeschlossen.
Rund 70 ehemalige Eurovision-Teilnehmer forderten in einem Brief an die Europäische Rundfunkunion (EBU) den Ausschluss Israels vom Wettbewerb, darunter auch ESC-Gewinner Salvador Sobral. Darin werfen sie dem israelischen Sender Kan vor, "an Israels Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen mitschuldig" zu sein. In dem Brief an die EBU erklären die Künstler: "Indem die EBU weiterhin die Repräsentation des israelischen Staates zur Schau stellt, normalisiert und beschönigt sie dessen Verbrechen."
Östereichischer Gewinner JJ will ESC ohne Israel
Der Countertenor JJ hat am vergangenen Samstag das ESC-Finale gewonnen. Wie das spanische Online-Magazin "El País" berichtet, schließt auch er sich den Forderungen nach einem Ausschluss Israels an:
Es ist sehr enttäuschend, dass Israel noch am Wettbewerb teilnimmt. Ich würde mir wünschen, dass der Eurovision Song Contest nächstes Jahr in Wien stattfindet, ohne Israel. Aber der Ball liegt nun bei der EBU. Wir Künstler können uns nur dazu äußern.
Auch Vorjahressieger Nemo schloss sich im Vorfeld es Wettbewerbs der Kritik an: "Ich stehe nicht dahinter, dass Israel teilnimmt", zitierte das Online-Portal "Huffpost UK" Nemo. "Ich unterstütze Aufrufe, Israel vom ESC auszuschließen. Israels Vorgehen verstößt grundlegend gegen die Werte, die Eurovision hochzuhalten vorgibt - Frieden, Einheit und Achtung der Menschenrechte", so Nemo in einer weiteren Stellungnahme.
"Schweigen ist keine Option"
Die Künstler forderten in ihrem Brief unter anderem, die "Komplizenschaft der EBU mit dem israelischen Völkermord" müsse ein Ende haben. In der Kritik steht Israels anhaltendes aggressives Vorgehen im Kampf gegen den Terror. Der rechtsextreme israelische Politiker Bezalel Smotrich hatte unlängst eine vollständige Zerstörung des Gazastreifens und die Vertreibung der Einwohner angedroht, berichtete die Nachrichtenagentur dpa. Außerdem greift das Land immer wieder Ziele im Jemen, im Libanon und in Syrien an. Seit November 2024 gibt es einen Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Israels Premier Netanjahu. Der Vorwurf: Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Ende April eröffnete der Internationale Gerichtshof in Den Haag außerdem ein Verfahren zu Israels Verpflichtungen gegenüber den Vereinten Nationen im Zusammenhang mit der völkerrechtswidrigen Besetzung palästinensischer Gebiete.
Spaniens Sender RTVE forderte Debatte um Ausschluss Israels
Bereits im April meldete der spanische Sender RTVE Bedenken wegen Israels Teilnahme beim diesjährigen ESC an. Die Rundfunkanstalt forderte "eine Debatte über die Teilnahme des israelischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens Kan an dem Wettbewerb." Island und Slowenien hatten sich dieser Forderung angeschlossen. Die EBU nahm den Einwand zur Kenntnis.
Ebenfalls im April äußerten 26 Mitglieder des Europäischen Parlaments Bedenken an einer Teilnahme Israels. In ihrer Antwort betonte die EBU, dass der Eurovision Song Contest ein kulturelles Ereignis zwischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und nicht zwischen Regierungen sei. Der israelische Sender Kan sei Vollmitglied der EBU und nehme seit 1973 am Wettbewerb teil.
Wir verstehen die Sorgen und tief verwurzelten Ansichten rund um den aktuellen Konflikt im Nahen Osten. Die EBU ist nicht immun gegen globale Ereignisse, aber gemeinsam mit unseren Mitgliedern ist es unsere Aufgabe, sicherzustellen, dass der Wettbewerb - im Kern - ein universelles Ereignis bleibt, das durch Musik Verbindungen, Vielfalt und Inklusion fördert. Es ist nicht unsere Aufgabe, Konflikte miteinander zu vergleichen. Im Rahmen ihrer Mission, eine nachhaltige Zukunft für öffentlich-rechtliche Medien zu sichern, unterstützt die EBU das israelische Mitglied Kan gegen die Gefahr einer Privatisierung oder Schließung durch die israelische Regierung. Die EBU steht weiterhin im Einklang mit anderen internationalen Organisationen, die ihre inklusive Haltung gegenüber israelischen Teilnehmern an großen Wettbewerben ebenfalls beibehalten haben. Martin Green, Direktor des Eurovision Song Contest
ESC wichtiges Feld für israelisches Engagement
Allerdings sieht Israel - anders als die EBU - in dem Contest längst nicht mehr nur ein kulturelles Ereignis. Eran Cicurel, Redakteur bei Kan, räumte in der Jerusalem Post ein, dass der Eurovision Song Contest "schon lange mehr als nur ein Musikereignis ist; er ist ein wichtiges Feld für israelisches Engagement." Dem Sender droht eine mögliche Privatisierung durch die israelische Regierung - die Schließung wäre ein Geschenk an die Boykott-Bewegung, so Cicurel weiter.
Ausschreitungen in Basel
Weniger Politik beim ESC: Eigentlich sollte 2025 alles anders werden als im Vorjahr. Damals gab es in Malmö Buhrufe und Morddrohungen gegen die israelische Teilnehmerin Eden Golan sowie pro-palästinische Symbolik. In diesem Jahr erlebte die ESC-Community eine Art Déjà-vu. Angelehnt an das ESC-Logo, waren auf Basels Straßen handgemalte Herzen zu sehen, gefüllt mit den Farben der palästinensischen Flagge. Rote Blutspritzer umrahmten das Motiv. Wie das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) berichtet, kam es am Abend des ESC-Finales zu einer nicht genehmigten Demonstration auf dem Barfüsserplatz, direkt neben dem "Eurovision Square". Im Verlauf des Demonstrationszuges Richtung Kleinbasel, dem rechtsrheinischen Teil der Stadt, verhinderte die Polizei das Vordringen in Richtung Messe, wo unter anderem das offizielle Public-Viewing stattfand.
Israel warnte vor Reisen zum Eurovision Song Contest
Im Zuge der angekündigten, möglicherweise gewaltsamen, Proteste warnte Israels Nationaler Sicherheitsrat Juden und Israelis den Eurovision Song Contest zu besuchen. Er riet zu Zurückhaltung und vermehrter Wachsamkeit. Außerdem empfahl er Israelis beim Besuch in Basel keine jüdischen oder israelische Symbole zu zeigen, und den Aufenthaltsort nicht in sozialen Medien preiszugeben.