Stand: 02.06.17 09:05 Uhr

Konsequenzen für Russland und die Ukraine angekündigt

Dr. Frank-Dieter Freiling, Chairman der ESC Reference Group, bei den Emmy Awards 2012 in Köln. © dpa Fotograf: Horst Galuschka

Der Vorsitzende der ESC-Reference Group, Frank-Dieter Freiling, kündigt Bestrafungen für die Sender der Ukraine und Russlands an.

2017 war in mancherlei Hinsicht ein schwieriges Jahr für den Eurovision Song Contest. Zuerst kam die Ukraine bei den Planungen für den 62. ESC ins Straucheln, immer wieder wurden Termine verschoben, der Chef des ausrichtenden Senders trat zurück, später dann das zentrale Organisationsteam. Zuletzt bekam der Wettbewerb durch das Einreiseverbot der ukrainischen Behörden für die russische Teilnehmerin, das zum Rückzug Russlands führte, einen hochpolitischen Beigeschmack. Wir haben mit Frank-Dieter Freiling, dem Vorsitzenden der Reference Group des ESC, über mögliche Konsequenzen für die beiden Länder und die künftige Mitwirkung der European Broadcasting Union (EBU) bei den Planungen der Events gesprochen.

Herr Freiling, Sie als Vorsitzender der Reference Group des ESC: Wie war für Sie der ESC in Kiew?

Frank-Dieter Freiling: Es war eine gute Show. Und dass der Portugiese Salvador Sobral gewonnen hat, konnte auch allen gefallen, weil er sowohl die Jurys als auch die Televoter auf seiner Seite hatte. Aber die Shows selbst waren weniger artikuliert in europäischer oder gesellschaftspolitischer Hinsicht als in den Jahren zuvor, etwa in Stockholm oder Wien. Dennoch oder gerade: In den Quoten war dieser 62. ESC in den allermeisten Ländern wieder ein sehr guter Erfolg.

Verblüffend scheint uns: Die Ukraine wollte den Sieg beim ESC, zumal mit einem Lied wie "1944" mit der Sängerin Jamala, unbedingt - als Zeichen, zu Europa zu gehören. Aber in den Shows war nichts von dieser Botschaft zu sehen.

Freiling: Man sah das in der Stadt Kiew mehr als in den Shows selbst, ja. In den Moderationen durch die drei jungen Männer war davon nicht allzu viel zu merken.

Woran lag es, dass dieser ESC in dieser Hinsicht merkwürdig blass blieb? Hatte das etwas mit politischer Ratlosigkeit der ukrainischen Organisatoren zu tun, mit dem Konflikt mit Russland?

Leiterin des NTU-Produktionsteams Victoria Romanova © NTU

Schon im Februar waren sowohl Victoria Romanova, als auch Oleksandr Kharebin als Produzenten des ESC in Kiew zurückgetreten. Ihre Arbeit sei blockiert worden, hieß es in ihrer Begründung.

Freiling: Die Gründe sind schwer zu benennen, wahrscheinlich war es eine Mixtur aus allem: Die Organisation war rasch in starkem Zeitverzug. In sehr kurzer Zeit musste seit Anfang des Jahres sehr viel gestemmt werden, was zunächst nur mit den technischen Voraussetzungen einer Show zu tun hatte. So fehlte es an Zeit, um größeres kreatives Potential zu entwickeln.

Hätte die Reference Group, also die Lenkungsgruppe des ESC, nicht viel früher die Zügel in die Hand nehmen müssen?

Freiling: Das professionelle Ergebnis der Shows sehe ich nicht in Frage gestellt - zumal es ja Kooperationen mit nichtukrainischen TV-Produzenten in vielen Bereichen und wie in allen Jahren ja gab. Wir als European Broadcasting Union (EBU) haben ja unüblicher Weise viel ermöglicht und ermöglichen müssen, bis hin zur Absicherung von Vertragsabschlüssen mit ausländischen Partnern.

Als starkes Moment, um den just vergangenen ESC vom Image her zu beschädigen, gab es den Rückzug Russlands. Hätte die Ukraine nicht großzügiger handeln sollen, um der Sängerin Julia Samoylova eine Einreise nach Kiew zu ermöglichen?

Freiling: Es gab einen Propagandakrieg von beiden Seiten - und die ukrainische Seite, vor allem die Regierung und ihre Sicherheitsbehörden, hat sich in eine mediale Falle von russischer Seite manövrieren lassen. Am Ende musste der ukrainische Sender sich entscheiden: gegen die eigene Bevölkerung oder gegen die internationalen Partner. In der ukrainischen Bevölkerung war die Nichtvergabe eines Visums an die russische Kandidatin ja auch populär.

Die EBU, also auch die Reference Group des ESC, konnte nicht daran rütteln?

Freiling: Das haben wir getan - und wir haben auch Sanktionen angedroht. Aber der gastgebende Sender hatte am Ende keine Möglichkeit, an den politischen Institutionen - Präsident und Sicherheitsbehörden - vorbei sich durchzusetzen.

Aber stand nicht in den Verträgen, die die EBU auch mit den ukrainischen ESC-Verantwortlichen schon bald nach Jamalas Sieg in Stockholm geschlossen haben, dass alle Delegationen freies Geleit bekommen müssen?

Freiling: Na klar, das stand in den Verträgen, so ist es ja immer - Künstler, Journalisten, Fans müssen einreisen dürften. Aber die Gesetze der Ukraine standen am Ende dagegen.

UMFRAGE

Mögliche Antworten

Sollte die EBU gegen Russland und die Ukraine Sanktionen verhängen?

Sie sprachen schon vor dem ESC in Kiew davon, dass beide Länder beziehungsweise die ESC-Sender der Ukraine und Russlands bestraft werden …

Freiling: … wir bestrafen nicht Sender, sondern deren Fehlverhalten. Und das wird auch hier der Fall sein.

Wie auch immer: Die ESC-Verantwortlichen kündigen gern Strafen wegen Fehlverhaltens an, aber dann folgt so gut wie nichts. Es gab Fälle in Spanien, es gab und gibt den politischen Konflikt Armenien und Aserbaidschan

Freiling: … und es wurden jeweils teils sehr hohe Geldbußen auferlegt. Beim ukrainischen ESC-Gastgeber liegt ein eindeutiger Bruch der Verträge vor und das werden wir auf der nächsten Sitzung der Reference Group am 12. Juni diskutieren.

Müssen die Ukraine und Russland damit rechnen, dem ESC fernzubleiben?

Freiling: Alles, was das Ergebnis der Beratungen ist, kann ich Ihnen nach unserer Sitzung erzählen, aber diese Vorfälle werden nicht folgenlos bleiben.

Die Ukraine ist zwar ein riesiges Land, aber sie schien kaum in der Lage, konfliktfrei einen ESC zu organisieren. Müsste die EBU sich künftig nicht stärker in die Vorbereitungen eines Eurovisionsfestivals einmischen?

Freiling: Zunächst war es eine außergewöhnliche Situation, dass der ukrainische Gastgebersender ein staatlicher war. Gewöhnlich haben wir es, jenseits der offiziellen Gesten etwa bei der Eröffnung eines ESC, nicht mit Staaten, sondern mit Sendern zu tun. Das war in der Ukraine anders, und das ist dem ESC nicht gut bekommen. Aber Sie haben recht, ja, das wird eine Folge dieses ESC sein: Dass die EBU stärker bei der Vorbereitung eines ESC mitwirken wird.

Davon abgesehen: Ist es nicht für kleine Länder, etwa Moldau oder auch San Marino, beinah prinzipiell unmöglich, dieses teure und anspruchsvolle TV-Projekt des ESC auszurichten?

Freiling: Nein, alle Sender erklären ja mit ihrer Anmeldung zu einem ESC, im Falle eines Sieges dieses Festival auch auszurichten. Das ist das heilige Prinzip, um es mal so zu formulieren.

Und daran wird sich auch nichts ändern?

Freiling: Auf keinen Fall. Es wird nicht so sein, dass nur die großen, showerfahrenen Länder den ESC ausrichten dürfen. Doch für alle Fälle wird auch hier gelten: Die EBU wird sich stärker als bislang üblich in die Vorbereitungen hineinbegeben.

Im nächsten Jahr wird der ESC in Lissabon sein …

Der ESC-Gewinner Salvador Sobral © eurovision.tv Fotograf: Andres Putting

Nach dem Sieg des Portugiesen Salvador Sobral halten viele Lissabon für den nächsten ESC-Austragungsort. Entschieden ist dies jedoch noch nicht.

Freiling: … in Portugal. Ob er in Lissabon sein wird, muss offen bleiben. Wir als Reference Group setzen ja immer darauf, dass es - wie es ja auch in der Ukraine war - ein Auswahlverfahren in den Ländern gibt. Lissabon ist gut möglich, aber wir regen immer an, dass sich mehrere Städte bewerben, damit diese Städte auch aus eigenen Mitteln viel dazu beitragen, dem ESC in ihrer Stadt, in ihrem Land zum Erfolg zu verhelfen.

Nächstes Jahr wieder mit Russland?

Freiling: Russland gehört ebenso zum Eurovision Song Contest wie die Ukraine, so wie Armenien und Aserbaidschan. Der ESC lebt nicht von Ausschlüssen von EBU-Mitgliedern, sondern von der Möglichkeit, dass alle teilnehmen können.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | Eurovision Song Contest | 24.06.2017 | 19:05 Uhr