Auf dem Prüfstand: Ethik und Transparenz bei der EBU

von Jan Feddersen und Jürgen Werwinski
Jon Ola Sand, Executive Supervisor der EBU und Nachfolger von Svante Stockselius © EBU Fotograf: Pieter Van den Berghe

Seit 2011 bei der EBU für den Eurovision Song Contest verantwortlich: der Norweger Jon Ola Sand.

Der ESC hat sich seit einigen Jahren erheblich professionalisiert. Merchandising, Selbstpromotion über bloße Programmhinweise im TV, in Zeitungen und Zeitschriften hinaus, die Eventisierung schlechthin: Das legendäre europäische Popfestival hat dadurch einen Rang im europäischen TV-Terminkalender wie nie zuvor.

Der Aufwand, den die EBU für Online und für alle Aufgaben um die Show herum treiben muss, wurde in den vergangenen Jahren entsprechend immer größer. Es gelang dem Norweger Jan Ola Sand mit seinem Wechsel zur EBU im Jahr 2011, den Niederländer Sietse Bakker für die Aufgabe des Eventkoordinators zu gewinnen.

Sand produzierte den ESC des Jahres 2010 in Oslo erfolgreich und wurde im November 2011 zum Kopf des ESC in der European Broadcasting Union (der Eurovision, also dem Netzwerk der öffentlich-rechtlichen Sender Europas) bestellt.

Unbequeme Fragen an Jon Ola Sand

Wir trafen Jon Ola Sand zum Gespräch in seinem Büro in Genf, dem Sitz der EBU. Bereits im August hatten wir ihm einen umfangreichen Fragenkatalog zur organisatorischen und finanziellen Praxis der EBU im Hinblick auf den ESC geschickt. Fragen, die sich um die Spielregeln von Beauftragungen, die Transparenz der Verträge und Interessenkollisionen handelnder Personen drehten. Und wir wollten wissen, wo das Geld landet, das mit den ESC-Videos auf YouTube erzielt wird - und wie viel es genau ist. Darüber hinaus wollten wir erfahren, wie es erklärbar ist, dass der Projektsupervisor, unter anderem zuständig für Koordination und die Logistik des Events, kein festangestellter Mitarbeiter der EBU ist, sondern über die Firma Wow!works mit Sitz in Amsterdam seine EBU-Tätigkeiten ausübt.

Sietse Bakker - Eventkoordinator mit eigener Firma

Jan Ola Sand sagte zunächst: "I came to my job as Executive Director of the ESC, after Svante and others from his team had gone - we did not have any of the knowledge you need to make the Eurovision Song Contest happen. Sietse Bakker is the one who had and still has the broad knowledge of our project." ("Ich bekam meinen Job als Geschäftsführer des ESC, nachdem Svante und die anderen seines Teams schon weg waren - wir hatten keinerlei Ahnung davon, wie man den Eurovision Song Contest organisiert. Sietse Bakker war und ist immer noch derjenige, der das umfassende Wissen über unser Projekt hat.")

In der Tat eignete sich der Niederländer mit seiner Amsterdamer Firma vorzüglich für diese Aufgabe, war er doch als Gründer von esctoday.com, das Portal ist bis heute einer der einflussreichsten englischsprachigen Infodienste zum ESC. Bereits seit Jahren ist er mit dem ESC bestens vertraut und bot sich so als ausgewiesener Newmedia-Experte für die Aufgabe an.

Mit den Worten Jon Ola Sands: "He is responsible for all but the TV-production. Supervising - that's his job. And he is the spokesperson, not just during the contest, but he also is the supervisor of the platform eurovision.tv." ("Er ist verantwortlich für alles, bis auf die Fernsehproduktion. Supervisor, das ist sein Job. Und er ist nicht nur während des Wettbewerbs der Ansprechpartner, er ist außerdem der Betreuer der Plattform eurovision.tv.")

Wie eurovision.de bereits berichtet hat, wurde er jedoch nicht bei der EBU angestellt. Sein Unternehmen Wow!works war mit dieser Fülle an Aufgaben für 120.000 Euro pro Jahr beauftragt worden.

Weitere Aufträge für das Unternehmen Wow!works

Dies ist allerdings nicht der einzige Auftrag, den Wow!works von der EBU bekam. Wie bereits die schwedische Zeitung "Aftonbladet" im Juni 2015 berichtete, ist das Unternehmen von Sietse Bakker auch für 322.000 Euro pro Jahr mit der inhaltlichen Pflege und der technischen Weiterentwicklung von eurovision.tv beauftragt worden. Auf schriftliche Nachfrage von eurovision.de bestätigte die EBU, dass es neben dem jährlichen Gesamtvolumen in Höhe von von 442.000 Euro zwei weitere Verträge für eine Website zum 60. Geburtstag des Musikwettbewerbs existieren - mit der entsprechenden Show in London am 31. März sowie der Pflege des Onlineshops. Mit Hinweis auf die Verschwiegenheitspflicht wurde das Auftragsvolumen weder öffentlich noch in der Reference Group genannt.

Aufsicht ohne Einsicht - welche Gelder stammen woher?

Letztes ist freilich nicht ungewöhnlich, schließlich vertritt die Reference Group - der sogenannte Lenkungsausschuss des ESC in der European Broadcasting Union - die Interessen der Mitglieder und soll die Tätigkeiten beaufsichtigen. Auf Nachfrage erklärte Jon Ola Sand allerdings, dass auch die Reference Group nicht über diese Vertragsdetails informiert wird.

Zunächst sagte Sand: "The ESC Reference Group, which is responsible for controlling, is guiding the ESC and is composed of representatives of EBU members." ("Die ESC Reference Group, die für die Aufsicht verantwortlich ist, leitet den ESC und besteht aus den Vertretern der EBU-Mitgliedern.")

Zur Transparenz der Verträge und der Geldflüsse erklärte Jon Ola Sand: "It is clear that budgets and contracts are discussed fully with the Reference Group. They are made fully aware of where revenues are generated, but for commercially sensitive reasons it is not always communicated how much revenue is generated from different activities, e.g. YouTube." ("Ganz klar werden Budget und Verträge mit der Reference Group in vollem Umfang abgesprochen. Sie wird vollkommen darüber ins Bild gesetzt, wo die Einnahmen herkommen, allerdings wird nicht immer genau kommuniziert, wie hoch die wirtschaftlich sensiblen Einnahmen aus den unterschiedlichen Tätigkeiten, wie zum Beispiel YouTube, sind.")

Der zweite Teil des Satzes widerspricht freilich dem ersten: Einerseits sollen Verträge und Finanzmengen - wenigstens für die Reference Group - transparent sein, andererseits aber auch nicht, nämlich im Hinblick auf die genauen Summen.

Seine Aussage steht obendrein im Widerspruch zu den schriftlich beantworteten Fragen, in der Jon Ola Sand zur Transparenz erklärte, dass nicht für die Öffentlichkeit, wohl aber für die Reference Group vollständige Transparenz gelte.

Stand: 29.10.15 16:45 Uhr