Ein krimtatarischer Beitrag für die Ukraine

Die ukrainische Sängerin Jamala © Jamala Music.com

Die 32-jährige Susanna Jamaladinova alias Jamala vertritt die Ukraine mit dem Titel "1944".

Am Ende gab die Mehrheit der insgesamt 382.000 ukrainischen Anrufer den Ausschlag: Sängerin und Komponistin Jamala wird ihr Land in Stockholm mit der bewegenden Elektro-Soul-Ballade "1944" vertreten. Sie behandelt ein dunkles Kapitel der ukrainischen Geschichte: die Deportation der Krimtataren unter stalinistischer Herrschaft. Mehr als die Hälfte der krimtatarischen Bevölkerung kam dabei ums Leben. Es wird der erste Titel in der ESC-Geschichte mit Textanteilen auf Krimtatarisch sein.

Spektakuläre Rückkehr

Nachdem die Ukraine aufgrund der politischen Situation im Land nicht am Eurovision Song Contest in Wien teilnehmen konnte, organisierte der nationale Fernsehsender NTU in Kooperation mit dem Privatsender STB eine umso spektakulärere Rückkehr. Die übliche, nichtendenwollende Finalsendung mit 20 und mehr Beiträgen wurde durch ein neues Konzept mit nur sechs Finalisten zugelassen, die sich zuvor in zwei Halbfinals qualifiziert hatten. Allerdings nutzte die strenge dreiköpfige Jury aus Produzentenlegenden Konstantin Meladze, Ruslana und Andrej Danilko alias Verka Serduchka die gewonnene Sendezeit für ebenfalls nichtendenwollende Diskussionen um die einzelnen Finalisten. Die Professionalität der Fernsehproduktion und der Beteiligten auf der Bühne machte aus dem langen Abend dennoch einen recht unterhaltsamen Zeitvertreib.

Politische Botschaften

Da angesichts des anhaltenden Konflikts in der Ostukraine schon alleine die Teilnahme in Stockholm ein Politikum darstellt, war auch das Teilnehmerfeld der Vorentscheidung nicht frei von mehr oder weniger offensichtlichen politischen Botschaften. Während allerdings das "Love Manifest" der Gruppe SunSay eine vergleichsweise harmlose Friedensbotschaft transportierte, setzte die krimtatarische Sängerin Jamala mit ihrem selbstkomponierten Beitrag "1944" ein unmissverständliches Zeichen: Man braucht nicht viel Phantasie, um ihn als Anklage gegen die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland zu deuten. Ein hochemotionales Thema, das trotz Jamalas Gänsehaut-Performance auf die Mitwirkung der ESC-Kommentatoren angewiesen sein wird, um beim Publikum Gehör zu finden.

Stand: 22.02.16 09:56 Uhr