Stand: 22.05.17 15:05 Uhr

FAQ: Das sind die Regeln für die ESC-Jurys

Barbara Schöneberger © NDR Fotograf: Markus Hertrich

Barbara Schöneberger verkündet im Finale die Punkte der deutschen Jury.

Die jeweiligen Länderjurys haben beim ESC eine verantwortungsvolle Aufgabe. Ihr Urteil bestimmt zu 50 Prozent die Länderwertung. Natürlich gibt es jede Menge Regeln rund um die Juryabstimmungen - schließlich soll alles fair und gerecht zugehen. Wo die Jurys tagen, wann sie werten und warum sie nicht dieselbe Show sehen wie die Fernsehzuschauer.

Welche Rolle spielen die Jurys der teilnehmenden Länder?

Bis 1996 werteten alle ESC-Länder in der Regel auf Basis von Jury-Urteilen. 1997 setzte sich das Televoting durch, auch in Deutschland. Nicht Experten sollten bestimmen, wer gewinnt, sondern das Publikum. Von 2009 an machten Jury-Wertungen und das Televoting je die Hälfte des Stimmengewichts eines Landes aus. Der Grund: In vielen Ländern gab es Unmut über sogenannte Blockwertungen. Dem Umstand, dass sich manche Länder gegenseitig mit auffällig vielen Punkten versahen, sollte durch die Jurys entgegengewirkt werden. Seit 2017 behält sich die EBU vor, statt 50:50 auch andere prozentuale Gewichtungen anzuwenden.

Gab es nicht auch in der Zeit der reinen Televotings Jurys?

Ja, denn sie standen immer bereit für den Fall, dass ein Telefonnetz in einem Land zusammenbricht - wie 2000 in den Niederlanden geschehen. Durch ein Feuerwerks-Unglück in Enschede war kein Televoting möglich. Reine Jury-Wertungen wurden auch aus jenen Ländern übermittelt, die über kein flächendeckendes Telefonnetz verfügten.

Stimmen in jedem Land sowohl die Zuschauer als auch eine Jury ab?

Grundsätzlich ja. Für den Fall, dass in einem Land kein valides Televoting- oder Jury-Ergebnis zustande kommt, gibt es allerdings Sonderregelungen. Sollte in einem Land kein Televoting-Ergebnis verfügbar sein, wird das Zuschauerergebnis alternativ ermittelt. Dieses setzt sich aus den Televoting-Ergebnissen einer Gruppe von Ländern zusammen, die zuvor von der EBU und der Reference Group bestimmt wurde. Welche Länder von der EBU dafür herangezogen werden, ist nicht bekannt. Das gleiche Prinzip wird angewendet, wenn in einem Land kein Jury-Ergebnis ermittelt werden kann. Dann werden als Ersatz die Jury-Ergebnisse ausgewählter Länder herangezogen.

Kann die EBU in den Abstimmungsprozess eingreifen?

Ja, Jury-Ergebnisse einiger Länder wurden für nichtig erklärt, weil sie gefälscht waren oder nicht plausibel erschienen. In diesem Fall zählt für ein Land nur das Televoting. Die Prüfinstanz ist eine Kontrollagentur in Deutschland.

Was hat sich seit dem ESC 2016 in Stockholm am Wertungsprozess geändert?

Seit 2016 gibt es doppelt so viele Punkte zu vergeben wie in den Jahren seit 1976. Jury-Wertung und Televoting werden getrennt vergeben. Jedes Land kann einem Teilnehmer also maximal 24 Punkte geben - zwölf durch die Jury, zwölf durch die Zuschauer. Nachdem die Zuschauer ihre Punkte per Telefon, SMS oder App abgegeben haben, verkünden die Spokespersons aus den  Teilnehmerländern die Ergebnisse des Jury-Votings. Dabei wird nur die Wertung der zwölf Punkte öffentlich verkündet, die restlichen Punkte eingeblendet. Im Anschluss werden die Zuschauerpunkte aller abstimmenden Länder zusammengerechnet. Die Moderatoren geben dann die Summe der Televotingergebnisse bekannt, beginnend mit dem Land, das von den Televotern die wenigsten Punkte bekommen hat.

Wie sind die Jurys besetzt?

Laut Regelwerk der European Broadcasting Union haben die Jurys aus Menschen zu bestehen, die aus der Musikbranche kommen, in oder mit dieser arbeiten. Sie sind Angehörige der Musikindustrie, Produzenten, Komponisten und Künstler, jeweils hinsichtlich des Alters diversifiziert. Seit dem ESC 2014 gilt, dass kein Juror länger als zwei Jahre hintereinander in einer ESC-Jury mitwirken darf. Auch sind seither Transparenzregeln gültig: Die Namen der Juroren müssen vor dem ersten Halbfinale bekannt gegeben werden, auch werden deren Punktevergaben geprüft und nach dem ESC veröffentlicht.

Wann stimmen die Juroren ab?

Die Juroren stimmen am jeweiligen Vorabend der Shows ab: für das erste Halbfinale (regulär dienstags) am Montagabend, für das zweite Halbfinale (regulär donnerstags) am Mittwochabend und für das Finale (regulär Samstag) am Freitagabend. Die ESC-Sender müssen die gemeinsamen Urteile ihrer Jurys gleich danach zu den Supervisoren des ESC übermitteln. Wenn die Halbfinale und das Finale übertragen werden, liegen die Punkte der Jurys also schon vor. Falls bei den Shows die Telefonleitungen zusammenbrechen, alle oder nur in manchen Ländern, läge ein Ergebnis vor.

Was bedeutet das für die Künstler?

Nach Auskunft der EBU hat man die Erfahrung gemacht, dass viele Künstler es gut finden, sich zweimal mit aller Kraft anstrengen zu müssen. War die Performance bei den "Jury-Shows" nicht perfekt, erhalten die Künstler in den im TV übertragenen Shows eine zweite Chance.

Können Juroren, beispielsweise beim Finale, ihre Wertungen noch am Samstag ändern?

Eindeutig: nein. Die Resultate der Jurys werden nach den Jury-Shows (Montag, Mittwoch, Freitag) übermittelt. Auf Basis dieser Ergebnisse wird die Reihenfolge festgelegt, in der die Länder beim Finale zur Abstimmung kommen. Aus den Jury-Wertungen ergibt sich mit hoher Sicherheit, welches Lied auf einem vorderen Rang liegen wird. Die Inszenierung der Abstimmungsreihenfolge dient dazu, die Prozedur der Wertungen möglichst lange spannend zu halten.

Wo stimmt die deutsche Jury ab?

Die deutsche Jury sitzt in einem Raum in Hamburg. Die Mitglieder sehen das Jury-Finale am Freitag und das zweite Semifinale (bei dem Deutschland stimmberechtigt ist) live per Ton- und Bildleitung und werten jeden Beitrag persönlich. Alle Jurys arbeiten in ihren jeweiligen Ländern so.

Müssen sich die Jurys einen Eindruck der Künstler bei den Shows vor Ort machen?

Nein, die Jurys müssen sich keinen Eindruck machen vor Ort - aber sie können es. Jedoch nicht live, wenn sie abzustimmen haben.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version haben wir die Frage danach, ob in jedem Land sowohl Zuschauer als auch Jury abstimmen, nicht präzise beantwortet und auf die oft nicht repräsentative Anzahl der abstimmenden San Marinesen verwiesen. Im Text stand, dass in diesem Fall allein das Jury-Ergebnis für das Schlussresultat herangezogen würde. Diesen Fehler haben wir behoben und bitten um Entschuldigung.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr

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