Stand: 07.05.2014 18:41 Uhr

Mikhail Kesarev: "Hier lebt mein Europa"

von Jan Feddersen
Jan Feddersen und ESC-Blogger Mikhail Kesarev aus Moskau. © NDR Foto: Sascha Sommer
Im Interview mit Jan Feddersen erklärt Mikhail Kesarev, wie Russland zum ESC steht.

Er sitzt im Pressezentrum an einem Tisch, an dem die Kollegen und Kolleginnen von www.esckaz.com Platz genommen haben: In dieser Plattform sind sehr viele osteuropäische Journalisten und Fans des ESC versammelt. Hier arbeiten sie an einem Werk, das man als europäisch verstehen könnte. Es ist nicht postsowjetisch - aber viele der Mitarbeitenden der Seite sprechen Russisch oder Ukrainisch. Einer von ihnen ist Mikhail Kesarev, er ist 32 Jahre jung, ausgebildeter Lehrer für Russisch, stammt aus der Stadt Ufa und arbeitete bis zuletzt in Moskau in einem Unternehmen für Transportlogistik. Der junge Mann, der wie alle in diesem Forum von größter Freundlichkeit ist und dem man die Zufriedenheit ansieht, Teil der Eurovisions-Community zu sein, ist einer der wenigen russischen Journalisten hier in Kopenhagen.

Russland verliert Interesse am ESC

Noch 2010 waren es mehr als 100 russische Journalisten, die nach Oslo gereist waren. Hier im Pressebereich der B&W-Halle arbeiten in den Tagen vor den Shows allenfalls ein Dutzend von ihnen: Der ESC hat in Russland aktuell nicht den Stellenwert. Eurovision? Das ist nach Auffassung vieler rechter Populisten in Russland genau jener Teil Europas, der zu verachten ist, weil die allermeisten hinter den Kulissen schwul sind. Deshalb nennen diese Kräfte in Russland das Europa jenseits der früheren Sowjetunion auch "Gayropa". Mikhail Kesarev lacht darüber: "Sollen sie es sagen, aber sie werden sich bestimmt wieder beruhigen." Er hat sich erstmals als Zwölfjähriger für die Eurovision begeistert - das war 1994, als Russland sein ESC-Debüt gab. Youddiph hieß die Sängerin, die Mikhail Kesarev gut fand. "Natürlich findet man immer den Beitrag des eigenen Landes unterstützenswert, aber ich fand immer schon auch sehr viele andere Lieder gut. Nicht, dass mir alles gefällt. Aber die Eurovision ist ein Fest, bei dem gar nicht zählt, wie viele Lieder man schätzt."

Über den Tellerrand hinaus

Seit dem ESC in Moskau hat er alle Eurovisionsorte besucht - Düsseldorf, Baku, Malmö und jetzt Kopenhagen. Über den eigenen Tellerrand hinaus gehen, reisen und sich die Welt aus anderen Perspektiven angucken, darum geht es ihm. 32 Länder Europas hat er schon besucht, einige fehlen noch, "aber die besuche ich schon noch", versichert Kesarev. In seiner Schule, als Kind, war er der Einzige, der die Eurovision wirklich gut fand. "Aber mir war das egal. Ich habe mich Jahr für Jahr wahnsinnig drauf gefreut", erinnert sich Kesarev.

Conchita Wurst im russischen Visier

ESC-Blogger Mikhail Kesarev aus Moskau © NDR Foto: Patricia Batlle
Der russische Journalist Mikhail Kesarev guckt seit seinem 12. Lebensjahr den ESC.

Ein Act steht in seinem Land besonders im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: die Österreicherin Conchita Wurst. Ein Mann, der die Dragqueen gibt - und das mit einem Song, der an die Filme mit James Bond erinnert, eine Männlichkeitsfigur, die in Russland seiner Muskelkraft wegen sehr verehrt wird. Kesarev erzählt: "Es gab viele Briefe an den Sender, der die Eurovision überträgt, diese Sängerin aus der Sendung herauszuschneiden oder die Sendung gar zu verbieten. Aber der Sender sagte nur, das gehe nicht, aber alle sollen beruhigt sein, denn die Sendung laufe ja nach Mitternacht." Für Mitteleuropäer zum Verständnis: Beginn des ESC ist hier um 21 Uhr, in Moskau ist es dann bereits 23 Uhr.

"Der Sender meinte auch, die Kinder, die durch den Anblick dieser Sängerin gefährdet werden könnten, sollten um diese Zeit ohnehin schon im Bett sein." Aber was hält er überhaupt von den homophoben Gesetzen, die, so sagt Kesarev, "die dummen Abgeordneten in der Duma", dem russischen Parlament, verabschiedet haben? "Ach, dieses sogenannte Verbot der Propaganda für Homosexuelles ist verkehrt, denn man kann nicht für etwas Propaganda machen, mit dem man geboren wird." Seiner Theorie zufolge dürfen schwule und lesbische Menschen nicht verfolgt werden, denn sie können ja nichts für das, was sie sind. Und wer nicht homosexuell sei, könne auf keine Propaganda hineinfallen.

"Ich hasse Putins Politik"

Er hofft, dass die Eurovision "mein Land liberaler macht, ja, dass die Menschen, die freisinnig sind, sich ermutigt fühlen". Er selbst habe 2002 Putin gewählt - aber niemals würde er das wieder tun. Wörtlich sagt er: "Ich hasse seine Politik." Im Ukrainekonflikt unterstützt er, sagt er offen, die neue Regierung und den Präsidenten der Ukraine. "Ich kenne die Ukraine, ich verstehe die Sprache und ich kenne dort keine Faschisten. Das ist ein schlimmer Vorwurf, und ich weiß, dass er nicht stimmt."

"Ich bin auch Europäer"

Und wie wir nun so sitzen auf den aufgeblasenen Plastiksofas im Raucherbereich des ESC-Geländes frage ich ihn: Kann ich ihn denn namentlich nennen? Befürchtet er nicht Strafen, wenn er so offen die Regierung seines Landes kritisiert. Er erwidert nur: "Ich habe einen Eintrag auf Facebook, da bin ich sehr offen. Ich lasse mich nicht stumm machen." Und fügt an: "Ich bin auch Europäer. Der Unterschied zwischen der EU und Moskau ist, dass in der EU Minderheiten geschützt sind, dass die Macht nicht in wenigen Händen liegt und dass man frei sein kann, egal welcher sexuellen Orientierung man anhängt." Ist es das, was er für die europäische Idee hält? "In der Eurovision ist Europa so nah zusammen, wie sonst nie. Das hier ist ein Projekt, an dem ich teilnehmen kann. Ich bin hier keine Minderheit, ist das nicht gut?"

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr

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