Die Harpa-Konzerthalle in Reykjavik ist seit ihrer Einweihung im Mai 2011 der Stolz aller Isländer und Ausdruck der musikalischen Hochkultur des Inselstaates. Der gläserne Wabenbau, entworfen vom Architektenbüro Henning Larsen und dem Künstler Olafur Eliasson, drängte sich somit als neuer Austragungsort für den isländischen Vorentscheid geradezu auf.
Mit dem folkloristisch anmutenden Popsong "Never Forget" ging Island 2012 in Baku ins ESC-Rennen.
Den ersten Sieg beim "Söngvakeppni Sjónvarpsins" an neuer Stätte feierte am 11. Februar 2012 das Duo Gréta Salóme & Jónsi. Wem es zu gewagt erscheint, die isländische Hochkultur und den isländischen "Gesangswettbewerb des Fernsehens" in einem Absatz zu erwähnen, der sei sogleich eines Besseren belehrt.
Das beste Argument liefert Gréta Salóme Stefánsdóttir persönlich. Die weibliche Hälfte von Gréta Salóme & Jónsi hat den Siegertitel "Mundu Eftir Mér" - auf Deutsch "Erinnere dich an mich" - komponiert. Sie singt ihren Part, wie es sich für eine Isländerin gehört, mit eisklarer Stimme und begleitet ihren Gesangspartner Jónsi obendrein auf der Violine.
Es ist das Instrument, das sie dank ihrer Ausbildung an der Isländischen Akademie der Künste und an der Stetson Universität in Florida perfekt beherrscht. Die 25-jährige Musikerin gehört zum Ensemble des renommierten Isländischen Symphonieorchesters, das seine Heimat in der Harpa-Konzerthalle hat. Für Gréta Salóme war der Auftritt beim "Söngvakeppni Sjónvarpsins" also ein Heimspiel.
Ist das Liebes-Duett zu unoriginell? Bayern 3 Experte Björn Strößner im Soundcheck.
Die hohe Kunst nimmt allerdings schnell Schaden, wenn das Geld knapp wird. Da macht der "Söngvakeppni Sjónvarpsins" keine Ausnahme. 2004 war eines jener Jahre, in denen die Verantwortlichen des isländischen Fernsehens wegen eines knappen Budgets auf eine interne Kandidatensuche zurückgriffen. Sie vertrauten damals einem jungen Sänger mit Namen Jón Jósep Snjæbjörnsson. Dieser hatte sich unter anderem als Frontmann der Band "Í Svörtum Fötum" für höhere Weihen empfohlen. Sein Künstlername: Jónsi.
Auf dem Papier war der damals 26-Jährige eine sichere Wahl. Zusammen mit seiner Band, deren Name ins Deutsche übersetzt "In Schwarz gekleidet" bedeutet, hatte Jónsi zuvor zwei Goldene Schallplatten verliehen bekommen. An der Seite von Birgitta Haukdal, die 2003 für Island im ESC-Finale angetreten war, hatte er in einer isländischen Inszenierung des Musical-Klassikers "Grease" Publikum und Kritiker gleichermaßen begeistert.
Umso enttäuschender war Jónsis Abschneiden 2004 in Istanbul. Seine Power-Ballade "Heaven" landete abgeschlagen auf dem 19. Platz. Drei Jahre später schien Jónsi die Niederlage verkraftet zu haben. Mit dem Titel "Segðu mér" - auf Deutsch "Sag mir" wollte er die Scharte von Istanbul wieder auswetzen. Er scheiterte jedoch beim "Söngvakeppni Sjónvarpsins" 2007 an Eiríkur Hauksson.
Dass Jónsi in Baku nun doch seine zweite Chance beim ESC bekam, hatte zwei einfache Gründe: Die Komposition seiner Partnerin Gréta Salóme, in der Musical-, Pop- und Folklore-Klänge mühelos verschmelzen, passt perfekt zur seiner kraftvollen Stimme. Und dann wäre da noch Grétas Violine: Seit Alexander Rybaks Triumph 2009 in Moskau wissen wir, dass virtuoses Geigenspiel aus einem guten Song einen Siegertitel machen kann. Im ersten Halbfinale ging das Konzept für Gréta und Jónsi, die ihren Titel in der englischen Version "Never Forget" vortrugen, noch auf - als Achte sicherten sich das Duo einen Platz im Finale von Baku. Dort sprang allerdings nur ein bescheidener 20. Rang heraus. Kein Beinbruch für Gréta Salóme, sie hat ja ihren Job im Symphonieorchester, aber was wird nun aus Jónsi und seiner angeschlagenen musikalischen Karriere?
Kommen sie wieder zusammen oder nicht? Gréta und Jónsi auf einer Reise in die Vergangenheit.

Die Insel im Nordatlantik nahm erstmals 1986 am Eurovision Song Contest teil.

Die Tribute-Band vertrat ihr Land mit dem Song "Coming Home".