Stand: 01.10.15 09:45 Uhr

Ralph Siegel: Gratulation einem "Alten Meister"

Ralf Siegel auf der Bühne © NDR Foto: Rolf Klatt

Feiert am 30. September 70. Geburtstag: Der Komponist Ralph Siegel.

Dies ist eine Respektsbekundung, und doch sei es als Erstes gesagt: Der Jubilar, um den es geht, reagiert auf Kritik meistens empfindlich, beleidigt und gekränkt. Ja, manchmal ist er auch jahrelang verschnupft, nur weil ein Rezensent sagt, dass es nicht gut war, was er tat, und dass er das bestimmt viel besser könnte. Gleichwohl: Echte Zuneigung erweist sich in der Balance des Urteils über einen. Insofern das Wichtigste: Herzlichen Glückwunsch Ralph Siegel zum 70. Geburtstag! Er möge noch lange leben, in Gesundheit und wachen Gemüts. Und er möge noch lange am ESC teilhaben - zumal wir, das ist die jüngste Entwicklung bei ihm, ohne diesen Komponisten einen europäischen Flecken wie San Marino niemals so gut hätten kennenlernen können.

Dieser Mann bereichert den ESC seit 1974. Ireen Sheer hatte damals für Luxemburg gesungen, und ihr "Bye, Bye I Love You" war der erste Grand-Prix-Beitrag des Münchners. 1976 folgte der erste für die Bundesrepublik, das war "Sing Sang Song" von den damals berühmten Les Humphries Singers. Es folgten beinah unzählig andere, aber der vielleicht stärkste ESC-Beitrag war der von Dschinghis Khan 1979, die einen Titel sangen, der so hieß wie die gecastete Gruppe selbst. Es wurde ein vierter Platz in Jerusalem. Es gab bessere Ränge für Ralph Siegel beim ESC: 1980 und 1981 die zweiten Plätze für Katja Ebstein und Lena Valaitis, oder auch der von Wind 1987, dritte Ränge für Mekado 1994, Sürpriz 1999. Aber Dschinghis Khan war der klügste Titel von allen.

Sein Megakultprojekt: Dschinghis Khan

Dschinghis Khan bei einem Auftritt 1979 in der Münchner Rudi-Sedlmayer-Halle.  Foto: Istvan Bajzat

ESC-Song mit Hitcharakter: "Dschinghis Khan" von der gleichnamigen Band.

Siegel nämlich hatte als einer der wenigen unter europäischen Komponisten - eigentlich als einziger - begriffen, worauf es beim ESC ankommt: Ein bisschen etwas Besonderes muss ein Lied haben, eine prima Inszenierung. Zugleich muss die gesamte Performance (Komposition, Text, Künstler, Bühnendramaturgie, Atmosphäre) an die jeweils gültigen Pop-Maßstäbe angelehnt sein. Damals war die US-amerikanische Gruppe Village People populär, ihr erfolgreichster Titel hieß "YMCA". Eine sehr, sehr tanzbare Nummer, direkt importiert aus der amerikanischen Szene schwuler Männer. Das wusste aber niemand so richtig in Deutschland - es war nichts als ein Hit, der seine Haltbarkeit im Übrigen bis heute erwiesen hat. Siegel adaptierte diesen Stil auf europäische Verhältnisse: Sänger, Sängerinnen und Tänzer stellte er zusammen zu "Dschinghis Khan".

Kurzum: Das ist in vielen ESC-Ländern neben Lenas "Satellite" der am stärksten erinnerte Eurovisionsbeitrag aus Deutschland. "Dschinghis Khan" ist der ebenso starke Hit in jenem Jahr gewesen wie das siegreiche "Hallelujah". Ralph Siegel, mit anderen Worten, hat in dem, was er für den ESC am Klavier entwickelte, immer viel intensiver als andere nachgedacht über das, was anderen schmecken könnte. Er wollte ja gut abschneiden und nicht in Schönheit sterben (das ist: komplizierte Komposition, viel zu komplexer Text, also letzter Platz). Deshalb kreiste seine Arbeit als Hitmaker immer darum, was in anderen Ländern gefallen könnte. Er hat, Europäer durch und durch, der gern in den USA arbeitete und lebte, für viele ESC-Länder gearbeitet. Wie erwähnt für Luxemburg, für Deutschland, aber auch für Malta, die Schweiz, Montenegro und San Marino, vorentscheidungsmäßig obendrein für die Ukraine, Rumänien und vermutlich noch andere.

Sein letzter echter ESC-Hit liegt viele Jahre zurück, das war Sürpriz mit der "Reise nach Jerusalem" vor 16 Jahren. Gleichwohl ist er noch dabei, und vielleicht war es schon ein Erfolg, dass seine san-marinesische Sängerin Valentina Monetta 2014 sein Lied "May Be" ins Finale hievte. Dort saß Ralph Siegel wie einst bei Nicole 1982 mit auf der Bühne und wirkte glücklich.

Musical in Brünn aktuell

Das möge, nach persönlichen, gesundheitlich wie zwischenmenschlich Krisen, auch so bleiben. Wir sahen uns im April auf einer Pre-ESC-Party in Hamburg und er wirkte aufgeräumt, fast schüchtern und freundlich. Er erzählte auch vom Musical mit seinen Liedern, das vor einem halben Jahr im tschechischen Brünn Premiere hatte. Jetzt, zum Geburtstag, ist er wieder öfter im deutschen Fernsehen zu sehen. Er schreibt selbst dazu: "Es macht doch immer wieder Freude, auch mal so ein bisschen im Fernsehen seine Gedanken preiszugeben und nicht nur auf ein paar Pressekommentare oder Internetpossen zu warten." Zu Gast war er am 9. September bei "Lanz" und am Tag darauf bei "Volle Kanne". In der ARD wird er auch gewürdigt - auf NDR 90,3 hat er im Interview auch viel Gutes mitzuteilen gehabt.

Und wenn ich ihn in der Überschrift "Alter Meister" nenne, möge er sich freuen: Maler, die zur Klassik zählen, die malen wie Meister, deren intensivster ästhetischer Einfluss länger zurückliegt, finden sich in Museen in der Rubrik eben der "Alten Meister". In anderen Räumen ist das Neue, die Avantgarde zu sehen. Aus der schönen künstlerischen Spannung zwischen beiden Abteilungen kann etwas erwachsen. Ralph Siegel wird daran Anteil haben, nächstes Jahr vielleicht wieder für San Marino am Start. Herzlichen Glückwunsch einem Mann, der dem eurovisionären Europa viel gegeben hat!

Reaktion auf User-Kommentare (1. Oktober 2015):

P.S.: Eigentlich kann es zu meiner Hommage auf Ralph Siegel keine Meckerei geben. Wir sind einander zugetan - und nicht erst seit kurzer Zeit. Die Klasse des Münchners erwies sich in diesen Tagen - in einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Bunte" erklärt er nun anlässlich seines 70. Geburtstag und mit Blick auf seine schweren, nun überwundenen Krankheiten: "Ich will nur nicht, dass an meinem Grab 'Ein bisschen Frieden' gespielt wird. Ich wünsche mir 'From Here To Eternity'." Mit anderen Worten: "Ein bisschen Frieden" ist so selbstverständlich bekannt als Siegels Werk - und musste in meiner Würdigung keine Rolle spielen. Die eigentliche, damalige Genialität kam viel eher in "Dschinghis Khan" zur Geltung: Das war eine echte Popnummer, das war ein Spiegel des Zeitgeschmacks, das war in jeder Hinsicht eine sehr, sehr gelungene Geschichte. "Ein bisschen Frieden" hätte in jedem Jahr gewonnen - und Nicole siegte ja auch mit diesem Lied, das ebenso triumphverdächtig im Vorfeld war wie in ihren jeweiligen Jahren Rybaks "Fairytale", Loreens "Euphoria" oder "Love Shine A Light". Unbezwingbar! Siegel möge lange leben, und sei es beim ESC mit San Marino! Sein Werk erklärt sich über seine Lieder, die nicht unbedingt die Sieger waren: Das ist etwas, das - bis auf Stefan Raab - nur Ralph Siegel beim ESC für sich behaupten kann.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr