Stand: 06.03.15 01:20 Uhr

Ein schockierender, ein grandioser Abend

Es gibt Szenarien der Unwahrscheinlichkeit, die man nicht einmal fantasieren kann. Aus einem simplen Grund: Sie liegen außerhalb aller Denkbarkeiten. Eine solche ist nun beim ESC-Vorentscheid in Hannover passiert. Persönlich gesprochen: Ich hätte mit dem, was das Finale hier war, nicht gerechnet. Okay, ich hatte getippt, dass Andreas Kümmert gewinnen würde - aber das war mehr aus Sympathie für einen famosen Sänger von Blues und Soul und Rock.

Feddersens Kommentar

Von der Wildcard-Gewinnerin zur ESC-Finalistin

Kümmert: ein Mann mit Furcht

Und weil er für sein Aussehen von vielen der parfümumwehten ESC-Fans nicht gemocht wird. Der Klamotten wegen, der Haare und des Bartes. Andreas Kümmert war, so wusste man, schon vor dem ESC-Vorentscheid ein Künstler, der die Bedeutung des Wortes Eigensinn mit neuem Leben versehen hat. Denn dieser Unterfranke, der in der Zweier-Endrunde mit Ann Sophie ergreifend - wie schon den ganzen Abend - sein "Heart of Stone" sang, der einer furiosen Performance der Wildcardsiegerin Ann Sophie trotzte und die Sympathien des Televoting-Publikums durch alle Runden gewann: Dieser Mann hat in einem Moment, den sich Hunderte von Künstlern wünschen, auf alles verzichtet, was er gerade gewinnen konnte. Nein, Ann Sophie sei die bessere Künstlerin für Wien, er sei nur ein kleiner Sänger, der das nicht durchstehen würde, was nun auf ihn zukäme.

Das war erschütternd, das hat mich ergriffen, das hat mich noch mehr als überhaupt für ihn eingenommen. Und wütend war ich auch: Warum hat er nicht eher verzichtet, nach der ersten Runde, in der er "Home is in my hands" sang und sich für die zweite Runde qualifizierte. Irgendwie muss ihm übel geworden sein, seelisch. Etwas, das noch viel mehr ihn belastete, als es schon bei "The Voice" der Fall war: Dieses Gefühl, unter der Last all dessen erdrückt zu werden, was nicht die Performance ist. Die Presse, die Interviews, die Scheinwerfer jenseits der Sangesmikrofone, die Fragen, die vielen Menschen, die Rudel an Scheininteressierten. Nein, Andreas Kümmert, hat eine Tragödie mit sich veranstaltet - und sie rührte auf eine Art zu Tränen.

Ann Sophie: respektvoll

Man darf mithin sagen: Es war ein trauriger Abend, es war ein grandioser Abend, es war der emotionalste ESC-Vorentscheid aller Zeiten. Diese Show wird, in allen Schnipseln, in allen Clips in allen Medien, zum Kult, den man gesehen haben muss.

Möge Andreas Kümmert Respekt gezollt bekommen, denn er hat ihn verdient. Wie ein Verlierer zu scheinen, ein Feigling, in einer Gesellschaft, die auf Helden hält und die Nichthelden verachtet, hat er ein Zeichen gesetzt: Andreas Kümmert ist ein Großer. Und Ann Sophie ist die netteste Andreas-Kümmert-Trost-Umarmerin-auf-der-Bühne, die sich nur denken lässt. Diese Szene ließ sie menschlich scheinen wie sonst nie - sie wird irgendwie, so darf man sich vorstellen, mit der Kraft des Andreas Kümmert nach Wien reisen können. Alles Glück der Welt - beiden.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 05.03.2015 | 20:15 Uhr