Stand: 29.06.17 10:37 Uhr

"Ein Chanson für Dich" - Ein charmanter ESC-Film

Die Schauspielerin Isabelle Huppert. © dpa Foto: Ye Liangjun

"Ein Chanson für Dich" heißt der Kinofilm mit Isabelle Huppert, der den ESC zum Thema hat.

Pedro Almodóvar hatte mal mit der Idee gespielt, einen Film mit Eurovisions-Thematik zu drehen. So richtig schrill und bunt solle es werden, hieß es aus dem Stab des spanischen Meisterregisseurs. Aber daraus wurde nichts. Und hinterher hieß es, kein Film könne die flamboyante Welt des Song Contests so gut abbilden wie der ESC selbst - jede filmische Verarbeitung müsse hinter der Wirklichkeit bleiben. Nun kommt ein Film mit einer fiktiven Geschichte einer real nicht existierenden ESC-Teilnehmerin in die deutschen Kinos, der dieser These nobel widerspricht. Er heißt in der deutschen Fassung "Ein Chanson für Dich" (im Original: "Souvenir", was wie eine Überschrift eines schweizerischen Eurovisionstitels klingt), und die Hauptrolle spielt die wunderbare, preisgekrönte und charmante Isabelle Huppert. Der Film ist keine superteure Produktion, ist in Belgien angesiedelt, spielt teilweise auch in Luxemburg. Wirklich glamourös sehen die Bilder von Regisseur Bavo Defurne nicht aus. Aber das ist von Vorteil: Alles hat die Anmutung von leicht grobkörniger Realität.

Von Brighton in die Pastetenfabrik

Pressebild von Abba aus den 70er Jahren, VL: Benny Andersson, Anni-Frid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus.

Abba sind auch Thema in dem Film - gegen die Sieger von 1974 hat Protagonistin Liliane beim ESC keine Chance.

Die Geschichte: In einer Pastetenfabrik arbeitet eine etwas ältere Frau. Als der wesentliche jüngere Jean (gespielt von Kévin Azaïs) dort zu jobben beginnt, traut er seinen Augen nicht: Ist sie, die immer so mürrisch guckt, nicht Liliane, die Legende des Grand Prix Eurovision de la Chanson? Die Frau, die gewonnen hätte, wäre nicht 1974 in Brighton die Gruppe Abba vorne gewesen? Der junge Mann kriegt sich vor Hingabe kaum noch ein, stellt ihr wie ein Fan nach. Aber sie bleibt schweigsam, ehe sie doch zugibt, eben diese Liliane zu sein, vom Popgeschäft zurückgezogen, die auf ihre älteren Tage in einer Pastetenfabrik arbeiten muss, um über die Runden zu kommen.

Daraus entwickelt sich im Laufe der weiteren 80 Minuten eine hübsche, kleine, zarte Geschichte - und sie trägt. Weil sie nicht überbunt ist, nicht kreischig, nicht exaltiert. Und weil sie nicht übertreibt, weil der Film nicht noch mehr in den Farbtopf greift, als ein gewöhnlicher ESC es sowieso immer macht. Aber die Krönung ist das Lied, das sie bei einer Vorentscheidung singt und gleichzeitig die Pointe des Films ist. Weil ihr Fan und dann auch Liebhaber sie zum Comeback überredet, geht sie mit diesem Lied erneut ins ESC-Rennen. Der Song heißt "Je dis oui!" - "Ich sag ja". Das ist wie eine Metapher, eine Bejahung des früheren Lebens und ein Ja zum neuen, eventuell an der Seite ihres Fans und Freundes Jean.

"Je dis oui!" - ein Kracher

Und ich dachte: "Je dis oui!" von der US-Band Pink Martini (Thomas M. Lauderdale und Sängerin China Forbes) komponiert und eingesungen, hätte bei allen Vorentscheidungen - so altmodisch die Nummer klingt - immer noch fette Chancen. Er ist auf Anhieb mitreißend und anmutig. Über diesen Film sprach neulich auch Thomas Mohr im "ESC Update" mit mir - und wir beide mögen diese Produktion. Liliane trat im wirklichen Leben nie beim ESC auf - aber man wünschte sich, sie hätte es getan. Nur bitte nicht im Jahrgang, den Abba gewann. 1974, das war in diesem Filmplott aussichtslos für Liliane, und das wäre auch chancenlos im echten Leben gewesen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | Eurovision Song Contest | 24.06.2017 | 19:05 Uhr