Stand: 30.01.17 14:20 Uhr

Kommentar: Brexit nachteilig für Lucie Jones?

Die Freude ist groß bei ESC-Fans, nicht nur auf den britischen Inseln ob des Siegs von Lucie Jones beim BBC-Vorentscheid "You Decide" für Kiew. Manche Kommentatoren wetten auf eine sehr gute Platzierung, einige Stimmen glauben gar, dass die von der dänischen ESC-Siegerin Emmelie de Forest mitverantwortete Nummer "Never Give Up On You" eurovisionäres Siegpotential hat. Ein ESC werde dann, so heißt es, nah der Heimat von Ms. Jones, im walisischen Cardiff abgehalten.

Das ist natürlich allenfalls Schnee von übermorgen, vermutlich wird er schneller tauen als von der Interpretin selbst erhofft: Noch sind ja nur die wenigsten Kandidaten und Kandidatinnen des ESC-Festivals in der ukrainischen Hauptstadt überhaupt nominiert. Das Lied selbst, da sind sich die meisten Kommentatoren einig, lebt von der Stimme der Sängerin, es ist eine Ballade, die sich angenehm abhebe von so vielen der viel zu nervös stimmenden ESC-Liedern der BBC der letzten Jahre.

Furcht vor schlechtem Platz wegen Brexit

Bucks Fizz vertreten Großbritannien 1981 beim Grand Prix und belegen den 1. Platz  Foto: ANP

Mit Bucks Fizz holte Cheryl Baker 1981 den Grand-Prix-Sieg für Großbritannien.

Cheryl Baker von Bucks Fizz, den britischen ESC-Siegern von 1981 in Dublin mit "Making Your Mind Up", hat allerdings einen politischen Umstand im Blick, der sie glauben macht, das Vereinigte Königreich werde weniger Punkte als verdient erhalten. Der Grund: Der Brexit, der im vergangenen Jahr per Volksabstimmung beschlossene Austritt Großbritanniens aus der EU. Baker erklärte esctoday.com gegenüber: "Ich denke es könnte schädlich sein. Sie (Anm. d. Red.: Zuschauer und Televoter) könnten sagen 'gut, ihr wollt für euch selbst bleiben, schön, dann stimmen wir auch nicht für euch ab'."

Bereits im vergangenen April hatte sich David Cameron, damals noch Premierminister Großbritanniens, zu diesem Thema geäußert. Er allerdings glaubte nicht, dass der Brexit der Grund für ein mögliches schlechtes Abschneiden von Großbritannien beim ESC sein könnte. Der ESC kenne ja auch Aserbaidschan, Israel und Australien als Teilnehmerländer, und sie seien ja gar nicht im geographischen Sinne europäisch, so Cameron sinngemäß.

Politik kein Grund für schlechtes Abschneiden

Die Geschichte des ESC legt ohnehin nahe, von solchen Verschwörungstheorien Abstand zu nehmen. Länder, die politisch höchst fragwürdig sind, erhalten aller Politik zum Trotz viele Punkte - Russland oder Aserbaidschan etwa. Länder, in denen beispielsweise in den 70er-Jahren noch Diktatoren an der Macht waren (Spanien, Portugal) oder linke Nichtdemokratien (Jugoslawien) dabei waren, spürten Ablehnung bei den Abstimmungen nicht - höchstens dann, wenn ihre Lieder auch vermeintlich schlecht waren. Die Ablehnung von Homosexuellen in Russland gegen hat nicht bewirkt, dass das Land beim ESC mit schlechtem Resultat endet. Auswirkungen der Politik auf die Punktevergabe gibt es eher nicht.

Aber davon abgesehen, gilt ja vor allem dies im Hinblick auf die Befürchtungen der Bucks-Fizz-Sängerin: Die Länder der EU sind zwar innerhalb des ESC in der Mehrheit, aber das Prinzip des Eurovision Song Contest geht weit über die Europäische Union hinaus. Mitmachen dürfen alle Länder, die zur European Broadcasting Union (EBU) zählen, dem Senderverbund mit allermeist europäischen Sendern, aber eben nicht nur. Australien, Israel, die Länder des Kaukasus sind dabei, möglich wäre auch, nordafrikanische oder nahöstliche Länder zu integrieren, wenn sie denn wollen.

Vorurteile und Missinformationen verbreitet

Ivor Lyttle vor der Crystal Hall in Baku © Ivor Lyttle Foto: Thomas Hanses

ESC-Kenner Ivor Lyttle hält die Angst vor schlechten Punkten für unbegründet.

Ivor Lyttle, Herausgeber des ESC-Fanmagazins "EuroSong News", ist gebürtiger Nordire, insofern Inhaber eines britischen Passes und lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Bremen. Er sagt: "Im Vereinigten Königreich werden die Stimmen wieder laut, die sagen: 'Wir können sowieso nie wieder gewinnen, Europa hasst uns. Niemand gibt uns Punkte.' Diese Aussagen haben jedoch nichts mit Fakten zu tun, sie basieren auf Vorurteilen und Missinformation. Die Brexit-Kampange hat genau auf dieser Klaviatur der Missinformation gespielt, und damit den Sieg errungen. Fakt ist: Großbritannien wurde nie beim ESC benachteiligt, und wenn es gute Lieder mit tollen Künstler schickte, flossen auch viele Punkte. Ebenfalls gab es für mittelprächtige Beiträge beim ESC für die Insel keine Extrawurst, und das ist es, das viele Briten nicht begreifen wollen."

Lucie Jones hat, so gesehen, weder schlechte noch gute Chancen: Sie muss nur noch gut singen, dann gibt es auch Punkte.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 13.05.2017 | 21:00 Uhr