Stand: 08.11.13 15:15 Uhr

Türkei verzichtet auf Kopenhagen

Nun ist es offiziell - auch wenn türkische Fans stets behaupten, alles könne sich noch auf die letzte Minute ändern: TRT, der türkische Sender, der traditionell in seinem Land den ESC betreut, hat erklärt, auf keinen Fall im nächsten Jahr in Kopenhagen dabei zu sein. Man sei, so recherchierte es mein türkischer Freund Osman Kural, mit anderen Schwerpunkten befasst und bedaure immer noch die Regeländerung, nach der Jury und Televoting jeweils hälftiges Stimmgewicht haben. Wie früher solle es werden, dass also weitgehend das Televoting entscheidet.

Sertab Erener vertritt die Türkei 2003 beim Grand Prix und belegt den 1. Platz  Foto: Ulrich Perrey

Die Gewinnerin des Eurovision Song Contests in Riga, Sertab Erener.

Die Nachricht selbst ist kaum überraschend. Schon vor Malmö schien TRT desinteressiert, ja, richtig lustlos, die eigenen Karten ins europäische Spiel zu werfen. Vor gut einem Jahr war erstmals die Rede davon, dass man mit dem Punktesystem nicht einverstanden sei. Nun hat es in den vergangenen Wochen ein Vertreter der European Broadcasting Union in Istanbul versucht, TRT doch zu überreden, sich nicht weiter im Schmollwinkel zu verstecken. Näheres weiß man über dieses Treffen nicht, aber der TRT-Mann ließ sich nicht erweichen. Und das verwundert dann doch: Kein Land war beim ESC im vergangenen Jahrzehnt so erfolgreich wie die Türkei - mit dem Höhepunkt 2003 in Riga, als Sertab Erener mit “Everyway That I Can” erst- (und letztmals) die Trophäe gewann. Es gab zweite Plätze und andere sehr gute Ränge.

An der Punktewertung, was ja angeblich das entscheidende Argument ist, kann es auch nicht liegen: Die Jury/Televoting-Gleichwertigkeitsregel war für TRT kein Anlass zum Verzicht, als man selbst unter ihr antrat. Osman Kural schreibt mir weiter, dass die TRT-Funktionäre enttäuscht seien, weil die Reference Group des ESC, der Lenkungsausschuss, TRT nicht ins Bild gesetzt habe, als das aktuelle Regelwerk beschlossen worden war. Tatsächlich gilt ja seit Malmö, dass von jeder der gleichgewichtigen Instanzen, Jury wie Televoter, nicht mehr nur die ersten zehn Plätze in die Gesamtrechnung einfließen, sondern alle 26 Lieder des Finales. Fürchtete TRT etwa, dass die Diaspora-Anrufe von türkischstämmigen Bürgern in anderen Ländern nicht mehr so viel Einfluss haben?

Vermutlich liegt die Wahrheit woanders. Die Reference Group ist ja ein Gremium, in das auch Mitglieder der eurovisionären Sender gewählt werden - ein türkisches Mitglied hat sich aber nicht zur Wahl gestellt. Man kann nicht klagen, wenn man im Entscheidungsgremium gar nicht selbst vertreten sein möchte. Und: Die Gründe für den türkischen Verzicht liegen, so sagen es mir meine Quellen bei der EBU in Genf, woanders. Ein bestimmter Funktionär soll für ein anderes Gremium kandidiert haben - völlig unabhängig vom ESC - und nicht gewählt worden sein. Bei demokratischen Wahlen kann das passieren. Probiert man es das nächste Mal. TRT hat sich offenbar entschieden, lieber beleidigt zu sein: eine Reaktion, die an kindliches Quengeln erinnert.

Immerhin: Für 2015 wolle man sich überlegen, wieder mit an Bord zu sein - sofern die Regeln geändert würden. Eine Teilnahme an diese Bedingung zu knüpfen käme einer Nötigung gleich. Die EBU wird sich, höre ich, weiter bemühen. Für Kopenhagen wird es wohl nicht reichen.

Anders liegt der Fall in puncto Griechenland: Der staatliche Sender ERT ist ja im Zuge der Wirtschaftskrise geschlossen worden. Die einen sagen, um Kosten zu sparen, zumal dieser Staatssender seine Angehörigen überaus üppig alimentiert hat. Die anderen, dass die Krisenregierung einen kritischen Informationspool schließen wollte, ein Akt der Deckelung guter Berichterstattung quasi. Jedenfalls: ERT existiert nicht, und einen anderen EBU-angehörigen Sender gibt es noch nicht. Die EBU will nun probieren, eine Art Notlösung zu formulieren, dass Griechenland doch in Kopenhagen dabei sein könnte. Offen ist nur: Wer würde das bezahlen?

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr