Stand: 26.09.13 14:59 Uhr

Viel Rummel um die Wurst

In den vergangenen Tagen hat sich herausgestellt, was viele nicht glauben wollten - und entsprechend schmähten: Dass Conchita Wurst für Österreichs TV-Sender ORF deshalb nominiert wurde, weil der Wiener Sender selbst weder eine tragfähige noch finanzierbare Idee für eine Vorentscheidung für das kommende Jahr in petto hält. Die Wurst, könnte man sagen, wollte so sehr beim ESC mitmachen, dass es sich quasi anbot, sie und ihr Team zu nominieren. Einige warfen mir nun vor, ich würde die Kandidatin, die ja biologisch ein Mann ist, herabwürdigen, weil ich nicht anerkenne, dass Conchita Wurst tatsächlich für Toleranz eintrete - qua Person nämlich.

Conchita Wurst © Paz Stammler

Die Meinungen zur ESC-Nominierung von Conchita Wurst gehen weit auseinander.

Nun, mit der Toleranz mag das so sein. Und, ja, Tex Rubinowitz aus Wien wies mich zurecht darauf hin, dass Conchita Wurst ein berührendes künstlerisches Potential hat. Ja, ich will nicht verhehlen, dass diese Kunstfigur eine eigene Aura über ein Billiges hinaus hat. Doch momentan scheint es mir jedoch so, als verkörpere die österreichische Aspirantin für den ESC 2014 vor allem eine Werbeidee. Ich halte sie für gestrig. Warum das so ist, möchte ich am Beispiel sehr viel früherer Jahre illustrieren: Als Dana International 1998 für Israel ins Rennen ging, war das etwas Besonderes. Eine transsexuelle Frau, also ein Mensch, der mit der Geburt ein Mann war, aber im Laufe der Jahre eine Frau sein wollte und hierfür einige medizinische Eingriffe über sich ergehen ließ. Dana International ist bei manchen immer als Teil der Comedy-Ära des ESC begriffen worden - was aber falsch ist, denn was hätte an Dana International ein komödiantischer Aspekt sein sollen? Etwa, dass sie besonders glamourös ausah? Ja, das tat sie und das ist bis heute so. War der Comedy-Aspekt andererseits jener, dass da eine Transsexuelle antrat? Was jedoch ist an Transsexuellen schräg, witzig, komisch? Für sich genommen - nichts.

In Wahrheit hat mit Dana International und ihrem Lied “Diva” ein Act gewonnen, der musikalisch vorzüglich war, ästhetisch aus einem Guss obendrein und außerdem war sie, die Israelin, eine glaubwürdige Repräsentation einer queeren Kultur des ESC, also von Schwulen, Lesben und Transmenschen. Das machte sie strahlend, aber Comedy eben war das nicht. Viele haben versucht, das zu wiederholen - Slowenien oder, besonders prominent, die Ukraine mit Verka Serduchka, die auf dem zweiten Platz landete. Alle anderen Acts mit Spielereien im Hinblick auf Geschlechtsrollen wirkten bis heute abgekupfert, zäh und sinnlos. Conchita Wurst unterlag den Trackshittaz nicht, weil sie mit Vollbart eine Frau darstellte, sondern weil eine Frau mit Vollbart keinen emanzipatorischen Gehalt an und für sich verkörpert: Das sieht wahlweise irritierend oder routiniert aus.

Aber das Team “Österreich und Wurst 2014″, das ich hier mal so nennen will, weiß, dass Klappern zum Handwerk gehört. Und manches Klappern ist höchst ärgerlich. In einem ESC-Forum auf Facebook wurde vorgestern die Meldung kolporiert, dass Russland bei der Eurpean Broadcating Union eine Erlaubnis erwirkt habe, nicht mit Österreich in einem Semifinale auftreten zu müssen. So von wegen: Russland und seine homophoben Gesetze führen zu Sonderregelungen beim ESC. Ich fragte den Betreffenden auf Facebook, woher er die Info habe, die angeblich sogar eurovision.tv vermeldet hatte. Nach einigen Mails schrieb dieser nun zurück: Es täte ihm sehr leid für die Unannehmlichkeiten, aber er habe die Nachricht schlicht und ergreifend erfunden. Meine weitere Frage etwas später - wozu sollte die Erfindung nützlich sein? - beantwortete er nicht, auch nicht, ob Conchita Wurst hinter dieser Kolportage stecke. Denn so ein kleiner Skandal - Conchita Wurst bringt die homophobe Weltmacht Russland zum Rotieren - macht sich doch werblich gut, nicht wahr?

Frank-Dieter Freiling, beim ZDF in Mainz zuständig für internationale Angelegenheiten und vor allem Kopf der Reference Group des ESC bei der European Broadcasting Union, schrieb mir auf die Frage, ob an dem Gerücht was dran wäre, Russland wolle nicht mit Österreich in einem Semi auftreten, nur dies: “Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen …  es gibt sicherlich keine ESC-Entscheidung dazu.” Und wenn einer das weiß, dann eben er. Mit anderen Worten: Man muss sich in den nächsten Monaten darauf einstellen, dass viele Kolportagen in die ESC-Szene eingesickert werden - und nach allem, was man promotionell so aus Österreich kennt, wird über dortige Quellen mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit viel lanciert werden. Sie nennen es wahrscheinlich legitime Reklame - ich nenne es anders: Instrumentalisierung einer problematischen Menschenrechtslage in einem EBU-Land zugunsten eines Acts, der durch nichts weiter aufzufallen vermag als den Umstand, ein Mann zu sein, der sich als Frau ausgibt. Der Name des Auslösers des Gerüchts ist mir bekannt, seine Mails und Postings habe ich archiviert - nur damit niemand denkt, das sei doch alles aus der Luft gegriffen.

P.S.: Gut, dass Österreich mitmacht, möge Conchita Wurst einen wunderbaren Auftritt hinlegen. Kroatien hingegen ist so erschöpft vom ESC, von schlechten Ideen und Liedern, dass es nächstes Jahr pausieren wird. Ob das für ein Comeback 2015 was nützt - wer kann das schon wissen?

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr