Stand: 06.04.09 10:50 Uhr

Moskau - Metropole der Extreme

von Irene Altenmüller
Moskau: Blick auf die Türme des Kreml © dpa Foto: Björn Steinz

Die goldenen Zwiebeltürme des Kreml zeugen von der Zarenzeit.

"Moskau liebt den goldenen Mittelweg nicht", schrieb der russische Dichter Nikolai Gogol vor 170 Jahren. Noch heute ist Russlands Hauptstadt eine Stadt der Extreme: Riesige Hochhäuser im stalinistischen Zuckerbäckerstil prägen das Stadtbild ebenso wie die märchenhaften goldenen Zwiebeltürme der Kirchen aus der Zarenzeit. Gläserne Wolkenkratzer dominieren die Skyline des neuen Handelszentrums Moscow City, in anderen Stadtteilen herrscht weiter sozialistische Plattenbau-Tristesse.

Ähnlich gegensätzlich präsentiert sich Moskaus Geschichte: Einst Zarenresidenz, dann Welthauptstadt des Kommunismus, heute Boomtown des Turbo-Kapitalismus und größte Stadt Europas mit elf Millionen Einwohnern. Eine Metropole, in der das Leben pulsiert. In der sich noch um Mitternacht der Verkehr im Zentrum staut und in der das Metro-System täglich unter dem Ansturm von mehreren Millionen Passagieren ächzt.

Der Kreml: Herz des alten und neuen Russland

Ein Muss für jeden Moskau-Besucher: Die Besichtigung des Kreml. Sie führt direkt ins Herz des alten und des neuen Russland. Seit dem zwölften Jahrhundert lenkten die Zaren die Geschicke ihres Reiches von hier. 1712 verlegte Peter der Große die Hauptstadt nach St. Petersburg. Nach der Oktoberrevolution 1917 kürte Lenin Moskau wieder zur Hauptstadt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erklärte die Unesco den Kreml 1990 zum Weltkulturerbe. Bill Clinton soll bei einem Besuch im Jahr 2000 angesichts der prächtigen und von Gold strotzenden Kreml-Paläste ausgerufen haben: "Und dieses Volk will von uns Kredite?"  

Der Rote Platz mit der Basilius-Kathedrale und dem Spasskaya-Turm der östlichen  Kreml-Mauer. © dpa Foto: Alessandro della Bella

Um die Basiliuskathedrale (links) rankt sich eine düstere Legende.

Angrenzend an die nordöstliche Kremlmauer liegt der Roten Platz, an dessen südlichem Ende sich die Basilius-Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert erhebt. Eine finstere Legende rankt sich um die berühmte Kirche mit ihren bizarren Kuppeln und vielfarbigen Zwiebeltürmen. Angeblich ließ der Auftraggeber dieses orientalisch anmutenden Wunderwerks, Iwan der Schreckliche, dem Baumeister nach Fertigstellung die Augen ausstechen. Er wollte verhindern, dass dieser anderswo eine zweite Kirche von vergleichbarer Schönheit errichtet.

Lange Besucherschlangen auf dem Roten Platz weisen den Weg zum Eingang des Lenin-Mausoleums. Hier blickt kann man der sowjetischen Vergangenheit Moskaus ins Gesicht blicken, und zwar wortwörtlich. Denn im Mausoleum liegt der  Gründer der Sowjetunion aufgebahrt. Bis heute ziehen tagtäglich Ströme von Besuchern am einbalsamierten Leichnam Lenins, von dem nur Gesicht und Hände zu sehen sind, vorbei. 

Boomtown der Superreichen

Hochhaus und eine Brücke über die Moskwa in Moskaus neuem Geschäftsviertel Moscow City. © dpa Foto: Tom Schulze/Transit

Die gläsernen Hochhäuser von Moscow City stehen für das neue, kapitalistische Moskau.

Der Revolutionsführer würde sich in seinem öffentlichen Grab umdrehen, wenn er sehen könnte, wie sich seine Sowjethauptstadt seit 1990 verändert hat. Längst hat der Kapitalismus der Metropole seinen Stempel aufgedrückt. Moskau gilt als die Stadt der Superreichen, 74 Dollar-Milliardäre und 80.000 Millionäre sollen hier wohnen. In den neu geschaffenen Einkaufstempeln reihen sich die Edel-Boutiquen aneinander, und nicht umsonst findet die jährliche internationale Millionärsmesse, in der vom Gold-Handy bis zu Karibikinsel alles gibt, was spektakulär und teuer ist, in der russischen Hauptstadt statt. Allerdings: Auch Moskaus Neureiche mussten in der Wirtschaftskrise reichlich Federn lassen. Und einige der Mega-Baustellen, auf denen noch vor kurzem Glas- und Stahl-Giganten in den Himmel wuchsen, liegen jetzt verwaist da.

Neben teuren Marken-Geschäften finden sich im traditionsreichen Kaufhaus GUM am Roten Platz und in der Fußgängerzone Arbat auch einfachere Läden, in denen Souvenirjäger fündig werden. Hier gibt es Porzellan, Samoware und die weltberühmten Matrjoschka-Puppen in allen Formen, Farben und Größen - darunter die Harry-Potter-Matrjoschka, Politiker-Matrjoschkas von Lenin bis Putin und gar die "Islamisten-Matrjoschka" mit den Figuren Husseins, Arafats und bin Ladens.

Als kulturelles Zentrum eines riesigen Landes gibt es in Moskau unzählige Theater, von denen das Bolschoj-Theater wohl das berühmteste ist. Mehr als 50 Museen stellen den Besucher vor die Qual der Wahl, darunter das Puschkin-Museum, das eine der bedeutendsten Sammlungen von Impressionisten und den von Heinrich Schliemann entdeckten Schatz von Troja beherbergt, oder die Tretjakow-Galerie, das wichtigste Museum russischer Kunst vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Für historisch Interessierte lohnen sich unter anderem Abstecher zum Historischen Museum und zum KGB-Museum.

"Pathetische" Nachtclubs und unterirdischer Sowjetglanz

Die Moskauer Metrostation Komsomolskaja © dpa Foto: Matthias Toedt

Kathedrale der Werktätigen: Kronleuchter zieren die Metrostation Komsomolskaja.

Beim Nachtleben steht Moskau anderen europäischen Hauptstädten längst nicht mehr nach. Hinterhof-Musikclubs, Locations mit Karibik-Flair, Edel-Schuppen mit düster dreinblickenden Türstehern, Chillout-Cafés, Retro-Clubs im Sowjet-Design – für wirklich jeden Geschmack ist etwas dabei. Die Moskowiter unterscheiden zwischen "pathetischen" Clubs - was so viel bedeutet wie: elitär, teuer, stylisch, strenge Gesichtskontrolle - und "demokratischen" Clubs: bezahlbare Drinks, lässige Atmosphäre und gemischtes Publikum.

Jeder Besuch der russischen Hauptstadt wäre unvollständig ohne einen Trip durch Moskaus unterirdisches Glanzstück: die Metro. Im 80-Sekunden-Takt befördert sie neun Millionen Passagiere täglich und ist damit eines der meist frequentierten Verkehrsmittel der Welt. Doch Moskaus Metro ist mehr: Sie ist ein unterirdisches Luxus-Labyrinth, ihre Bahnhöfe wurden von sowjetischen Bauherren erdacht als Paläste des Volkes, als Kathedralen der Werktätigen. Riesige Kronleuchter und Monumentalmosaike, bronzene Statuen der Revolutionshelden, wuchtige Jugenstilbögen und marmorne Böden - jede Station hat ihren ganz eigenen Stil. So unverwechselbar wie die einzelnen Bahnhöfe, so imposant und atemlos wie das gigantische Metrosystem, ist auch Moskau selbst: eine faszinierende Metropole.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 16.05.2009 | 20:15 Uhr

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