Stand: 27.04.12 12:45 Uhr

Baku - Stadt im Wandel

Sebastian Burger, Jahrgang 1979, aus Bremen, fotografiert seit seinem 16. Lebensjahr - seit zwölf Jahren verdient er mit seinen Bildern auch Geld. Er sagt: "Ich sehe mich als Künstler, der Projekte macht, um das öffentliche Interesse auf verschiedene Thematiken zu lenken." Interesse am ESC hatte er keines: "Ich habe seit Jahren nicht mehr in einen Fernseher geguckt". Als Aserbaidschan voriges Jahr gewann, gab ihm ein Freund, der die Übertragung aus Düsseldorf geschaut hatte, den Tipp, sich an eurovision.de zu wenden.

Herr Burger, wie kam Baku auf Ihre persönliche Landkarte?

Sebastian Burger: Durch ein Stipendiumsprogramm im Rahmen meines Diploms. Nun kenne ich Baku sehr gut, habe dort viel Zeit verbracht und hoffe, dass dass der ESC durch sein quasi unkorrumpierbares Auswahlverfahren zumindest einen positiven Impuls für die Region gibt - eine, die sich mit ihrem hohen Grad an Korruption wahnsinnig selber im Wege steht.

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Eindrücke aus Baku: Fotos von Sebastian Burger

Was ist Ihre Einstellung zur hierzulande inzwischen gängigen Kritik an Aserbaidschan ?

Burger: Probleme gibt es viele in Aserbaidschan, aber der ESC kann vielleicht helfen: Zum Westen gehört - und dem eifert man zumindest materiell ja eifrig nach - eben auch Kritik- und Redekultur, Stichwort Homosexualität oder Pressefreiheit ... Vielleicht ist die zwangsläufig mit dem ESC verbundene Konfrontation der verschiedenen Wertvorstellungen zwischen Aserbaidschan und den westlichen Demokratien ja doch etwas mehr als der "stinkende Fisch", den die Regierung mit der Präsentationsfläche ESC mitschlucken muss - das wird sich erst in der Rückschau zeigen.

Sie haben ihren Bildband über Baku, "Stadt der schlagenden Winde" im Selbstverlag herausgebracht. Was zeigt ihr Buch?

Burger: Kaum woanders als in Baku wird momentan so schnell Geschichte geschrieben: Ein guter Teil der im Buch abgebildeten Gebäude, ja sogar ganze Stadtansichten sind bereits abgerissen. Um die Bilder beziehungsweise  Bakus Ist-Zustand besser begreifen zu können hat Oriana Kraemer - meine damalige Projektpartnerin, eine Architektin - einen Text zur jüngeren Geschichte des Staates und der Stadt verfasst.

Sehen Sie sich als Chronist des Bedrohten?

Burger: Diese Ehre kommt mir wohl wider Willen zu. Ginge es nach mir, so würden die gründerzeitartigen, wunderschönen Gebäude umgenutzt, aber eben nicht abgerissen. Von der sozialen Komponente einmal angesehen, galt es mit dem Buch eine Momentaufnahme der jüngeren aserbaidschanischen Architekturgeschichte zumindest zwischen zwei Leinendeckeln zu konservieren.

Was hat überhaupt Ihr Interesse an Aserbaidschan geweckt?

Burger: Eigentlich wollte ich lieber in Iran mein Fotodiplom machen - dort hatte ich schon durch Rad-Projekte einigermaßen viel Zeit verbracht. Dann kam ich mit dem Förderprogramm aus der weiten Welt der Entwicklungszusammenarbeit nach Baku - und bin nun doppelt froh, diese Stadt als "Dauer-Baustelle" für mein Leben gewonnen zu haben.

Ein beendetes Projekt?

Burger: Nein, im Gegenteil, gerade befindet sich mein neues Bildband mit dem Titel "BAKU NOW" in der Vorbestellungsphase, sprich: wenn sich genügend Besteller finden, will ich gerne mit einem weiteren Buch die aktuelle Art des Bauens konservieren - denn diese Epoche wird in noch viel kürzer Zeit wieder ausgelöscht worden sein, als die alte, die man gerade im Begriffe ist zu zerstören. Sofern die Behörden in Baku meine an und für sich ja pro-bakuwitischen Absichten dauerhaft dulden, möchte ich die Stadt gerne weiter dokumentieren.

Welche Bilder hatten Sie von Baku vor Ihrer Reise dorthin im Kopf - und welche sind es jetzt?

Burger: Mit der Information im Gepäck "In Baku wurden zwischen 2000 und 2007 achthundert Hochhäuser ohne jedweden Bebauungsplan in die Stadt gerammt" hatte ich mir den Zustand vor vier Jahren schlimmer vorgestellt. Tatsächlich kann selbst eine in Sachen Städtebau unbedarfte Person erkennen, dass in der kaspischen Metropole irgendetwas nicht stimmt.

Und wie sieht es heute aus?

Burger: Es gibt extrem heterogene Stadtansichten, viel Fassaden. Ich war wahnsinnig viel auf Gebäudedächern unterwegs, sah gemütliche, düstere Altstadtwohnungen, der Weg zu den Dächern brachte mich meist mit den Bewohnern in Kontakt. Außerhalb der Prachtstrassen sieht man total verstopfte, enge Gassen - Bürgersteige gibt es dort fast keine, Radfahrer gibt es ebenso wenig, das Automobil ist neben dem Handy in Baku das wichtigste Statussymbol. Je mehr Jeep desto besser.

Was sind Ihnen die drei wichtigsten Worte, um Baku von heute zu skizzieren?

Burger: Gastfreundlich, baulich durchwachsen und staubig.

Ist Baku ein Sehnsuchtsort für Sie geworden?

Burger: Leider nein. Ich liebe zwar die Interaktion mit Bakus tollen Bewohnern, aber alleine wegen der Grobstaubbelastung versuche ich meine Aufenthaltsdauer in Zukunft auf zwei Wochen im Jahr zu begrenzen. Baku ist eine noch liebenswerte Stadt, die kennenzulernen sich auf jeden Fall lohnt. Je schneller desto besser.

Sind oder waren Sie ein bisschen in Baku verliebt?

Burger: Na ja, eine Art Hassliebe, würde ich sagen. Sie ist es mir wert, dass ich mich immer wieder in sie begebe, obwohl es anstrengend und ungesund ist. Irgendwie fühle ich mich ihr auch verpflichtet, sie weiterhin in Momentaufnahmen zu dokumentieren. Die beiden Pole "Das nervt mich, das fasziniert mich" sind auf jeden Fall sehr ausgeprägt.

Was fasziniert Sie an Baku?

Burger: Die dem Orient so eigene und auch in Baku stark ausgeprägte Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen. Auf einer zwischenmenschlichen Ebene macht vieles bei meiner Art des Arbeitens in Baku richtig Spaß, was in Berlin zum Beispiel total genervt hätte: Wer hätte mir dort Vertrauen geschenkt mich sofort auf den privaten Balkon, auf das Hausdach oder gar in die eigene Wohnung gebeten? Viele Bakuwiter sind sehr unbürokratisch und vertrauend. Ich hoffe, zumindest das bleibt auch in Zukunft so.

Werden Sie beim ESC in Baku dabei sein?

Burger: Nein. Es laufen zwar zwei Baku-Ausstellungen mit meinen Bildern in Berlin und Troisdorf während dieser Zeit, aber ich kümmere mich um mein nächstes Projekt, die Mood Tour. Ich nenne es "partizipatorische Intervention": Mit depressiv Erkrankten 4.500 Kilometer durch Deutschland radeln, um zu zeigen, dass Depressive nicht diskriminiert werden dürfen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 26.05.2012 | 21:00 Uhr

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