Stand: 25.02.09 12:00 Uhr

Kremel bezichtig Tiflis des musikalischen Rowdytums

von Stephan Laack, WDR Hörfunkstudio Moskau

Zunächst wollte Georgien am diesjährigen Eurovision Song Contest in Moskau gar nicht erst teilnehmen. Dies sei schlichtweg unpassend angesichts des zurückliegenden Krieges mit Russland. Doch dann überlegte man es sich in Tiflis anders. Mit dem Resultat, dass nun kräftig gegen den Gastgeber gestichelt wird. Denn der georgische Beitrag zum europäischen Liederwettstreit richtet sich gegen Ministerpräsident Putin, der in Tiflis im letzten Jahr zum meist gehassten Russen avancierte.

"Wir wollen keinen Putin"

Wladimir Putin. (c) NDR/FGDS © NDR/FGDS Foto: ARD-Foto

Wladimir Putin ist verstimmt über den gorgischen Beitrag "We Don't Wanna Put In".

Stefane & 3G heißt die Truppe, die mit ihrem Anti-Putin Song schon vor dem eigentlichen Wettbewerb für Furore sorgt. Dabei beruht die Aufregung auf einem kalkulierten Missverständnis, denn an sich liest sich der Text eher harmlos. "We don't wanna put in the negative move - it's killing the groove, zu deutsch: Wir wollen uns die schlechte Stimmung nicht antun - das tötet den Groove. Doch so wie das Stück dann von den Georgiern vorgetragen wird, hört man plötzlich die politische Botschaft heraus: "Wir wollen keinen Putin." Die Eurovision-Jury in Tiflis, die für die Auswahl des Songs mitverantwortlich war, lacht sich schon jetzt bei der Vorstellung ins Fäustchen, dass ihr Song landesweit im russischen Fernsehen übertragen wird. Man hoffe darauf, dass das Stück mit seiner politischen Botschaft in Moskau besonderen Eindruck hinterlasse, so ein Mitglied der Jury.

Pseudopolitische Ambitionen?

Im Kreml zeigt man sich angesichts der georgischen Disco-Provokation verstimmt. Tiflis betreibe musikalisches Rowdytum, hieß es. Putins Sprecher Dimitri Peskow äußerte sich enttäuscht darüber, dass Georgien anscheinend seine reiche und schöne Musikkultur vergessen habe. Stattdessen trete man nun mit pseudopolitischen Ambitionen an. Trotz aller Empörung im politischen Moskau, die russischen Grandprix Fans betrachten den georgischen Beitrag mit Gelassenheit. "Lass sie doch singen, was sie wollen. Solange sie nicht schießen ist doch alles in Ordnung", lautet etwa ein Eintrag in einem russischen Internet-Blog. Für den 25-jährigen Studenten Daniil handelt es sich bei dem Anti-Putin Song um einen Akt der Verzweiflung. "Ich glaube, dass Georgien dies aus Hoffnunglosigkeit macht. Sie werden aber keinen Gewinn daraus ziehen können. Allerdings zeigt es, dass Russland in Georgien als dominant empfunden wird", erkärt der Student.

Änderungen am Song sind noch möglich

Das Trio 3G singt für Georgien

Ob Stefane & 3G beim ESC in Moskau antreten dürfen ist noch nicht sicher.

Die Psychologin Anna hingegen rechnet damit, dass sich schon bald die Wogen glätten werden. "Der Skandal wird sich bald legen. Natürlich lässt man Georgien am Grand Prix teilnehmen. Formell sehe ich keinen Grund, ihren Auftritt zu verbieten. Der Titel ist ok und der Inhalt auch. Jeder hört das heraus, was er will", meint die Psychologin.

Auch das Boulevard-Blatt "Moskowskij Komsomolz", sonst eher mit schnellen Urteilen zur Stelle, gab sich bislang abwartend. Ob Stefane & 3G am Ende tatsächlich in Moskau auftreten würden, sei noch nicht sicher. Schließlich verbiete das Reglement des Eurovison Song Contests Beiträge mit politischem Inhalt. Nach dem offiziellen Einsendeschluss am 16. März wird die Europäische Rundfunkunion die Stücke daraufhin prüfen. Bis dahin könnten alle Länder ihre Song-Vorschläge noch ändern, so ein Sprecher des Gremiums.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 16.05.2009 | 21:00 Uhr