Tim Frühling: "Mein Favorit ist Schweden - wie immer"

von Anja Kelber
Tim Frühling  Foto: Andreas Frommknecht

Mit Peter Urbans Augenzwinkern? Tim Frühling kommentiert den ESC in Moskau.

Mit sieben Jahren sah er auf einem Schwarz-weiß-Fernseher Nicole "Ein bisschen Frieden" singen, heute besitzt er eine ganze Bibliothek über den Eurovision Song Contest: der hr3-Moderator Tim Frühling, der in diesem Jahr Kommentator-Urgestein Peter Urban vertreten wird. Im Interview mit eurovision.de gibt der ESC-Kenner aber zu: Mit seinen Favoriten habe er meistens "grob verkehrt" gelegen.

eurovision.de: Woran denken Sie als erstes, wenn Sie den Begriff Grand Prix hören?

Tim Frühling: An große Party mit vielen tausend Leuten, die Fahnen schwenken und alle gut drauf sind.

eurovision.de: Diese Leute werden dieses Jahr alle Ihre Stimme hören - den Grand Prix zu moderieren, sagen Sie, sei ein "Jugendtraum". Was verbindet Sie mit dem Contest?

Frühling: Ich glaube, die Faszination setzte ein, als Nicole gewonnen hat. 1982, da war ich sieben. Meine Eltern fanden das allerdings immer total langweilig. Und weil wir im Schlafzimmer noch einen alten Schwarz-weiß-Fernseher hatten, hab ich mich halt immer dorthin verkrümelt und so alleine vor mich hingeguckt - mehrere Jahre lang. Als Kind habe ich mich jedes Mal wahnsinnig darauf gefreut und heute guckt man es eben mit vielen Leuten. Es wird immer größer.

eurovision.de: Welche Phase in der Geschichte des Grand Prix fanden Sie besonders interessant?

Guildo Horn © WDR Foto: Sabrina Rothe

Ende der 90er-Jahre: Endlich wieder ein großes Publikum: Danke, Guildo Horn!

Frühling: Ich fand das Ende der 90er-Jahre aus deutscher Sicht am spannendsten, als der NDR die Veranstaltung übernahm und anfing, das Ganze mit etwas Humor aufzubrechen - und als dank Guildo Horn endlich wieder ein großes Publikum angesprochen wurde. Davor war es ja wirklich ganz fürchterlich, was da teilweise für Deutschland antrat. Guildo Horn fand ich cool und das Lied schön. Das war nicht nur Blödelei, sondern wirklich gut. Und in dem Jahr, 1998, hat ja auch Dana International gewonnen - das fand ich auch wirklich toll. Weil da gezeigt wurde: Das ist hier eine weltoffene Veranstaltung, wo sich nicht die konservativen, sondern die modernen, lustigen Menschen durchgesetzt haben.

eurovision.de: Und nun sind Sie auch dabei. Wie kam das eigentlich?

Frühling: Weil Peter Urban ja verhindert ist, hatte der NDR in mehreren Funkhäusern der ARD nachgefragt, ob es da Interesse gebe - und dann hat der HR einfach meinen Namen hin geschickt. Ich war im Urlaub und wusste von nichts. Als ich zurück kam, hieß es: "Du wirst es ja bestimmt gerne machen wollen." Ich sagte: "Ja, klar!" - und hab' mir keine Hoffnungen gemacht, dass es was wird. Aber dann wurde die Auswahl offenbar immer kleiner - und jetzt kam der Anruf.

eurovision.de: Wie bereiten Sie sich in der kurzen Zeit vor?

Frühling: Man hat mir sofort die DVDs der letzten beiden Jahre mitgegeben - die habe ich mir gleich reingezogen. Ich kannte das natürlich schon, aber jetzt habe ich mir noch mal ganz bewusst den Kommentar von Peter angehört. Und dann habe ich zu Hause die gesamte Literatur, die es über den Grand Prix gibt. Also: Die Geschichte, die kenn ich eigentlich.

eurovision.de: Sie sammeln das, wie andere Leute WM- oder Olympia-Bücher?

Frühling: Genau. Wenn man mal so auf der Terrasse sitzt, kann man sich mal wieder ein Jahr durchlesen.

eurovision.de: Die Fußstapfen von Peter Urban sind ja sehr groß...

Frühling: Das fühlt sich in der Tat komisch an. Es gibt ja so Moderatoren, von denen man irgendwann denkt, die gehören mal langsam abgelöst. Bei denen man als kleiner Radiomoderator auch schon mal sagt: Na, das könnte ich aber auch. Das war bei Peter Urban nie der Fall, weil der es immer toll gemacht hat. Immer schön mit einem Augenzwinkern, kommentativ, auch mal den lächerlichen Gruppen einen mitgegeben...

eurovision.de: ...oder die Kleider verrissen.

Frühling: Ja, das ist natürlich immer ein Highlight. Manche Leute ziehen ja auch extra Sachen an, da geht's ja gar nicht anders. Und: Es ist doch immer der schönste Erfolg für den Zuschauer, wenn der Kommentator nach dem Lied genau das sagt, was der Zuschauer auch gerade gedacht hat.

eurovision.de: Haben Sie schon einen Moskau-Reiseführer gekauft?

Frühling: Ehrlich gesagt noch nicht. Es sind aber auch wahninnig viele Proben, wahnsinnig viele Pressekonferenzen - da fehlt mir jetzt noch ein bisschen die Fantasie, wie das alles ablaufen soll. Aber ich weiß schon von einer Bootstour auf der Moskwa und einem Empfang beim deutschen Botschafter, wo Alex und Oscar ihren Song singen werden.

eurovision.de: A propos: Wie weit kommen Alex und Oscar?

Frühling: Ich finde das Lied gut. Das ist ein Gute-Laune-Lied, das international gut ankommen kann. Was diese Einlage von Frau von Teese angeht - die habe ich jetzt noch nicht gesehen. Ich weiß nicht, ob das die Chancen eher steigert oder eher schmälert... Aber eins kann man mal gleich sagen: Meine Einschätzungen in den letzten Jahren waren grob verkehrt.

eurovision.de: Dann brauchen wir die letzte Frage ja nicht mehr zu stellen. Oder doch: Wer ist Ihr Favorit?

Frühling (schweigt und atmet dann tief aus): Schweden. Aber Schweden ist jedes Jahr mein Favorit. Die treffen immer genau meinen Geschmack. Aber wie gesagt: Ich fand die auch im letzten Jahr super – und da haben sie wieder nur ein paar Punkte bekommen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 16.05.2009 | 21:00 Uhr