Stand: 02.11.15 15:50 Uhr

Wird die EBU zum Konkurrenten ihrer Mitglieder?

von Jan Feddersen und Jürgen Werwinski
Screenshot des Flypsite-ESC-Liveblogs auf einem Tablet. (Bildmontage) © NDR, fotolia.com Foto: blackday

Viele Menschen verfolgen den ESC mittlerweile im Livestream auf dem Tablet oder Computer.

In der Eingangshalle der EBU in Genf liegt ein Flyer aus, der die Konvergenz der Medien propagiert. Das heißt: In naher Zukunft werden wir also nicht mehr wissen, ob wir das Finale via TV oder Internet sehen. Technisch wird es eins werden - Television abrufbar über den klassischen Bildschirm in der eigenen Wohnung, auf dem Tablet oder auf dem Smartphone. Was kümmert es uns, was technisch hinter der Mattscheibe passiert, werden viele sagen. Mein ESC bleibt, wie er ist.

Das ist allerdings nicht gesagt, die Weichen für die nächsten fünf Jahre - länger wagt niemand vorauszuplanen - werden jetzt gestellt. Während die Technik zusammenwächst, entwickelt sich die Policy, das Regelwerk der EBU für Rechte, Vermarktung und Verbreitung ihrer Produkte immer weiter auseinander. Bei Fernsehproduktionen steht der Austausch im Vordergrund. Das Signal wird allen Mitgliedern zur Verfügung gestellt, die es durch Kommentartorenstimmen für ihren Markt bereichern und senden. Der Fernsehzuschauer kennt die EBU bestenfalls durch die Hymne, das "Te Deum" von Marc-Antoine Charpentier. Die EBU ist also kein Broadcaster, sie bleibt als Dienstleister seiner Mitglieder im Hintergrund. Ein Netzwerk, wie es vor mehr als einem halben Jahrhundert kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs begründet wurde - mit Erfolg, auch im Hinblick auf ein friedlicheres, verständigeres Europa.

Wird die EBU zum eigenen Broadcaster?

Ganz anders tritt die EBU jedoch im Internet auf. Während bis 2004 alle Rechte noch beim Sender des austragenden Landes lagen, lässt sich die EBU seit dem ESC 2004 alle Rechte übertragen. So darf beispielsweise nur die EBU Videos auf YouTube hochladen.

In den Verträgen steht unter anderem: "Embed videos on is wholly owned website the official ESC Channel on YouTube or to provide a link there, too, but in no case upload and/or otherwise make available any ESC material on YouTube and/or other YouTube channels or the like ..." (Videos auf Webseiten der Mitglieder einbetten oder den offiziellen Kanal der EBU verlinken, aber auf keinen Fall ist es gestattet ESC Material auf YouTube hochzuladen oder anderweitig zur Verfügung zu stellen.“)

Der YouTube Channel der EBU wird mit über 1,5 Milliarden Videoviews international wahrgenommen. Die allermeisten Videos werden mit Werbung versehen. Der Vertrag ist geheim, auch die Reference Group, die Lenkungsgruppe für den ESC, kennt weder den Vertrag, die Erträge, noch deren Verwendung. Auf schriftliche Anfrage bei der EBU werden die Erträge als marginal beschrieben. Eurovision.de rechnet Jan Ola Sand vor, dass es sich mindestens um Erträge in Höhe von 1,5 Millionen Dollar handeln müsste (1 US-Dollar pro 1.000 Views).

Die Summe wird von vom EBU-Verantwortlichen für den ESC mit keiner Silbe kommentiert. Jon Ola Sand ergänzt nur, dass sich die Marginalität der Erträge auf die Gesamtkosten des Eurovision Song Contest beziehen würden.

Jon Ola Sand sagt: "All costs for our project, we give back to our members. We do not own any money. The contest costs millions of Euros. Only small revenues are coming back via YouTube - they are going into the budget of the contest year by year, not in the whole ESC project.”("Unsere Kosten gehen an die Mitglieder zurück. Wir besitzen kein Geld. Der Wettbewerb kostet Millionen von Euros. Nur kleine Einnahmen kommen über Youtube zurück - und diese fließen in die weiteren Wettbewerbe Jahr für Jahr, nicht aber in das gesamte ESC Projekt.")

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 23.05.2015 | 21:00 Uhr