Stand: 23.10.17 10:38 Uhr

Genres beim ESC: Was ist Folk?

Joci Pápai auf der Bühne beim Finale. © NDR Fotograf: Rolf Klatt

Folk oder kein Folk? Joci Pápai auf der Bühne beim Finale 2017.

"Folk ist weit gefasster Begriff und lässt sich schwierig auf eine einfache Formel bringen." Ein wahres Wort, mit dem das neue Kapitel der Reihe über Musikgenres beim ESC auf eurovision.tv beginnt. Dennoch sprechen die Autoren in ihrer Übersicht munter von Folk oder folkinspirierter Musik, in der die Nationalkultur einzelner Länder zum Ausdruck kommt und führen eine ganze Anzahl von Beispielen aus unterschiedlichen Regionen Europas an: Balkanballaden sowie traditionelle griechische und keltische Musik.

Folk ist nicht gleich Volksmusik

Was auf den ersten Höreindruck als "Folk" daherkommt, ist allerdings oft ziemlich weit von dem entfernt, was man gemeinhin als Volksmusik bezeichnet. In der Musikwissenschaft beschäftigen sich sogenannte Musikethnologen mit den traditionellen musikalischen Ausdrucksformen einzelner Kulturgemeinschaften. Für sie wird Folk beim Eurovision Song Contest oft als vage Umschreibung von Musik genutzt, die nicht den angelsächsischen Vorstellungen von Popmusik entspricht, vor allem in Bezug auf Melodie, Modi, Verzierungen und Instrumentierung. Da genügt oft ein synkopierter Rhythmus oder ein Instrument, dessen Namen man nicht kennt - und schwupp, wird der Song als "Folk" deklariert.

Nationale Musik ist Verhandlungssache

Fakt ist: Nicht alles, was einem spanisch vorkommt, stammt von der iberischen Halbinsel. Und nicht jeder Song, der nach Folk oder Weltmusik klingt, ist ein Ausdruck von Nationalkultur. Die Zugehörigkeit einer bestimmten Musik zu einer Gemeinschaft wird ständig neu verhandelt. Bestimmte Elemente aus der Vergangenheit werden gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben, andere verworfen und durch neue oder von angrenzenden Kulturen übernommene Elemente ersetzt. Bei der Definition national-kultureller Musikstile spielen aber auch andere Aspekte eine Rolle, zum Beispiel wenn sich benachbarte Kulturen aufgrund politischer oder religiöser Gegensätze gezielt voneinander abgrenzen möchten oder wenn eine bestimmte Minderheit für nationale Selbstdarstellungszwecke kulturell ausgebeutet wird.

Landestypische Musik oder Klischee?

Ilinca feat. Alex Florea mit "Yodel It!" auf der Bühne im Messezentrum in Kiew. © Eurovision.tv Fotograf: Andres Putting

Weit entfernt von "Folklore": Ilinca feat. Alex Florea mit "Yodel It!" auf der Bühne im Messezentrum in Kiew.

Die Beurteilung, ob ein Musikstück "typisch" für die nationale Musikkultur ist, kann also streng genommen nur jemand treffen, der in dieser Musikkultur heimisch ist. Ansonsten landet man schnell bei den Klischees und Stereotypen, die sich die Schlagerindustrie in den 1950er- und 1960er-Jahren zunutze gemacht hat: Kastagnetten und "Olé" klingen spanisch, singende Gitarrenklänge und "Hula Hula" klingen hawaiianisch, scheppernde Trompeten und "Hossa" klingen mexikanisch. Das kann authentisch sein, muss es aber nicht. Und spätestens, seit "Yodel It!", dem rumänischen Beitrag in Kiew 2017, wissen auch wir Deutschen, dass nicht jedes Musikstück, das mit folkloristischen Elementen arbeitet, zwangsläufig Ausdruck einer bestimmten Nationalkultur ist.

Ilinca feat. Alex Florea auf der ESC-Bühne in Kiew. © NDR / Rolf Klatt Fotograf: Rolf Klatt

Rumänien: Ilinca feat. Alex Florea - "Yodel It!"

Eurovision Song Contest -

Ein Rapper und eine Jodlerin - passt das zusammen? Auf jeden Fall, finden Ilinca feat. Alex Florea. Ihr rumänischer Beitrag "Yodel It!" sorgt im Finale für den Spaßfaktor.

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Spielraum für musikalische Überraschungen

Wer bei der ESC-Auswahl auf eurovision.tv genauer hinschaut, stellt fest, dass der überwiegende Teil der Beispiele für Balkan-Balladen von Allround-Talent Željko Joksimović gesungen, geschrieben oder arrangiert wurde - oder alles zusammen. Ist diese Musik also typisch für den Sound vom Balkan oder nur der Beweis dafür, dass Joksimović ein Gespür dafür hat, was in Europa von Serbien und Co. erwartet wird? Vielleicht ist sie aber auch nur deshalb typisch, weil Joksimović in allen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien so unglaublich erfolgreich ist. In jedem Fall weist die Musikszene in den einzelnen Ländern eine weitaus größere (auch folkloristische) Vielfalt auf, als sie von einem einzelnen Komponisten widergespiegelt werden kann. Es gibt also noch eine Menge Spielraum für musikalische Überraschungen - nicht nur auf dem Balkan.

Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | ESC Update | 21.10.2017 | 19:05 Uhr

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