Stand: 30.05.14 11:29 Uhr

Die ganze Welt will Conchita

Conchita Wurst im Medienpulk © dpa - Bildfunk Foto: epa/Georg Hochmuth

Nicht nur in Wien wird die ESC-Gewinnerin bejubelt. Conchita ist auf der ganzen Welt gefragt.

Es ist, als ob die ganze Welt auf diese Figur schaut, die uns der gebürtige Bad Mitterndorfer aus dem Salzkammergut seit dem 10. Mai gibt: Conchita Wurst ist zur globalen Marke geworden. Selbst in China oder in den USA wird über sie berichtet. Das war vielleicht schon vor dem ESC-Finale kein echtes Wunder, denn "Wall Street Journal" und "The New Yorker" hatten ja über sie reportieren lassen. Das erstgenannte Medium hatte seinen Reporter schon beim österreichischen Botschaftsempfang am 1. Mai in Kopenhagen anreisen lassen. Conchita Wurst beschäftigt alle möglichen Leute, oder besser, die Figur, die sie ist, im Körper eines jungen Mannes, mit dem eisernen Traum, nicht mehr verlacht und gemobbt zu werden. Schon jetzt ist sie einer der prominentesten Menschen diesen Jahres - sie kann als gesetzt genommen werden für alle politisch-kulturellen Jahresrückblicke in wenigen Monaten. Neulich in Kopenhagen, dann in Wien der Heldenempfang, schließlich Cannes, London ... Wer, wenn nicht sie, sollte diesem Jahr seine Prägung geben? Das müssen selbst die Hasser von Conchita Wurst zugeben. An ihr lässt sich das alles debattieren, was in Russland gesetzlich abgelehnt wird: Das Recht eines Individuums, so zu sein und so zu leben, wie es will, ohne Anderen zu schaden - und zwar auch öffentlich.

Hasstiraden und Liebesbekenntnisse zu Conchita

Lady Gaga © Warwick Saint

Stimmen die Gerüchte, dass Lady Gaga mit Conchita Wurst auf Tour gehen will?

In der provinziellen Schweiz kommen etwa Stimmen der rechtspopulistischen Junge SVP zu Worte. Zitiert wird: "Der/die merkwürdige Sieger/in wurde von der Genderelite aufgestellt und durchgewunken." Sinn und Zweck, so fasst diese Zeitung es zusammen, dieser "verräterischen Übung" sei es, "die naturgegebenen Geschlechter anzugreifen - unterstützt von unserem Staatsfernsehen". Das klingt nach voll Irresein und nach Verschwörungstheorie. Auch das Nachrichtenmagazin "Profil" veröffentlicht in einem sehr anschaulichen Text Shitstorms, unter anderem von der Facebook-Fanseite des Bundespräsidenten. Andererseits gibt es auch sehr viel Zuspruch, sehr viel Liebe. Es gibt einen Fanclub auf Facebook, die Homepage der ESC-Siegerin ist eine Einladung zum Stöbern und ein Altar der herzergreifenden Begeisterung - im Übrigen auch stets hochaktuell. Und es passiert stets Erstaunliches: Lady Gaga will sie angeblich mit auf Tournee nehmen, was aber noch nicht bestätigt wurde - bis jetzt. Sogar eine Einladung zu Oprah Winfrey in die USA scheint nicht mehr unerreichbar in den Sternen zu stehen, aber auch das ist noch nicht offiziell. Das wäre so, als käme eine einfache, inbrünstig betende Katholikin wirklich einmal zu einer Privataudienz beim Papst. In diesem Fall: Die Drag Queen, die wie Phönix aus der Asche aufstieg, wird ins Heiligtum der Talkshows überhaupt geladen. Und selbst, wenn das alles nur Gerüchte sind, sprechen sie für sich. Weil nämlich alle Welt sie für Tatsachen hält und sie als wahrscheinlich annimmt. Das ist dann doch schon eine andere Liga als die allermeisten ESC-Sieger der vergangenen Jahre: Teil der Medienglamourwelt zu sein.

Conchita Wurst ist Unterrichtsthema

Den schönsten Beweis für die Annahme jedenfalls, dass Conchita Wurst wirklich bis in die kleinsten Verästelungen Europas wahrgenommen wird, und zwar im Guten, bekam ich gestern per Mail. In einem Brief einer Freundin, an der mir von Herzen viel liegt, steht: "Hier zwei Apercues, die Dir gefallen könnten - mein jüngerer Sohn hat heute im Musikunterricht an der Schule "Rise like a Phoenix" durchgenommen. Und mein größerer Sohn hatte heute zur Latein-Shularbeit einen Text aus den Metamorphosen von Ovid über die Hermaphroditenwesen bekommen. Das war für die Lateinlehrerin die maximale Nähe, die sie (explizit) zu Conchita Wurst herstellen konnte." Ist das nicht eine feine Mitteilung aus Innsbruck?

1968: "Hottentottenmusik" beim ESC

Ohnehin dürfen die Reaktionen, die bösen, auf Conchita Wurst nicht überbewertet werden: In den Sechzigerjahren hat der Hessische Rundfunk körbeweise Post nach einem ESC bekommen. Selbst die Song Contests an sich passten vielen Zuschauern nicht. Zu wenig auf Deutsch! Zu viel, wörtliches Zitat aus dem Jahre 1968, "Hottentottenmusik", zu wenig alles und nichts. 1999 zogen der NDR, der Bayerische Rundfunk und Ralph Siegel viel Protest auf sich, weil sehr viele Menschen mit Hass auf die deutsche Gruppe Sürpriz mit ihren türkischstämmigen Musikern reagierten. Das ging gar nicht.

ESC für ein freiheitliches Europa

Man muss sich mit dem Gedanken anfreunden: Der ESC war immer das europäische Showformat schlechthin. Leute, die ihn nie mochten, die in ihm nur den Untergang des Abendlandes erkennen wollten, haben mit einem freiheitlichen Europa ohnehin nichts im Sinn. Kann man vergessen! Übrigens - Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat im Magazin "Der Spiegel" zur Ukraine und zu Russland gesagt: "Es ist gut, wenn der Westen sein Gesellschaftsmodell und die Werte dagegen setzt." Der Erfolg von Conchita Wurst sage für ihn etwas über Europas kulturelle Vielfalt aus. Guter Mann - und dass sogar ein Politiker wie Schäuble auf das Thema ESC angesprochen wird: Was für ein Wechsel in der Wertschätzung des Events selbst!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Eurovision Song Contest | 10.05.2014 | 21:00 Uhr