Stand: 26.02.17 00:01 Uhr

Congratulations, Sandie!

Die britische Sängerin Sandie Shaw posiert mit einem Grenadier Guard der königlichen Leibregimenter. © Picture-Alliance / United Archives

Kokett: Die britische Sängerin Sandie Shaw flirtet für die Kamera mit einem Soldaten der königlichen Leibregimenter.

In gewisser Weise wusste Sandie Shaw zunächst nicht, wie ihr geschah. Den Eurovision Song Contest kannte sie kaum, obwohl die europäische TV-Musikshow in Großbritannien einigermaßen bekannt war - aber Pop, also coole Musik, die war beim ESC in den 60er-Jahren noch nicht so recht im Angebot. Sandie Shaw war im United Kingdom bereits ein Star, ihre Lieder waren in den Charts präsent, sie war in London eine der Königinnen des "Girl-Pop": Ihr 1964 veröffentlichter Song "Always Something There To Remind Me" verkaufte sich millionenfach. Dann entschied sich die BBC für sie - eventuell würde sie für das Vereinigte Königreich beim ESC den ersten Sieg holen.

Fünf Lieder musste Sandie Shaw in der Rolf-Harris-Show präsentieren - am Ende gewann das stärkste, aber das in den Augen der Interpretin zwiespältigste: "Puppet On A String“ war nicht nur bei der britischen Vorentscheidung der Kracher, sondern auch in der Wiener Hofburg, wo der 12. Eurovision Song Contest - nach dem Sieg von Udo Jürgens im Jahr zuvor - veranstaltet wurde. Das Lied, so Sandie Shaw in späteren Interviews, sei albern und schlicht. Außerdem sei die Aussage, sie sei irgendwie eine "Marionette" (die deutsche Übersetzung des Titels) vollkommen verfehlt.

Ein europäischer Hit - auch in Deutschland

Aber ihre Managerin Eve Taylor und ihr Entdecker, Musiker Adam Faith, mochten auf solche Bedenken nichts geben, und sie behielten ja auch recht: Dieses britische ESC-Stück wurde zur Legende - und mit ihm Sandie Shaw selbst. Nach dem ESC sang sie das Lied auf Französisch ("Un tout petit pantin"), Italienisch ("La danza delle note"), Spanisch ("Marionetas en la cuerda") und sogar auf Deutsch. Die deutsche Variante "Wiedehopf im Mai" war eine eher schrill anmutende Eindeutschung.

Als besondere Fußnote der ESC-Geschichte mag gelten, dass Sandie Shaw ihren Auftritt in Wien barfüßig hinlegte: Die ihr zugedachten Pumps zog sie schließlich vor der Bühne aus, so die Überlieferung, um auf der Bühne nicht über die Kabel zu stolpern. Die kleine Entlastung wirkte allerdings höchst cool: Ach, guckt mal, eine junge Engländerin macht aus dem steifen Abendkleid- und Frack-Ding eine Popnummer. Und vielleicht noch dieser Aspekt: Auch im Hinblick auf den Look unterschied sich Sandie Shaw am Abend in der Wiener Hofburg von allen anderen - ihre Frisur wirkte nicht wie ein Dauerwellengebirge, sondern smart, vom britischen Avantgardefrisör Vidal Sassoon komponiert. So zeitgenössisch sah sonst keine aus.

Eine verehrte Pop-Ikone bis heute

Sandie Shaw war nach 1967 in ihrem Land weiterhin stark populär. Sie war auf gewisse Art "the girl next door", sozusagen eine gute Nachbarin, die freundlich ist und niemanden anzickt. Ihre Präsenz ließ freilich etwas nach, was allerdings nicht im ESC lag, sondern einfach nur daran, dass jeder Pop-Star irgendwann am Pop-Himmel an Strahlkraft verliert. Dass sie auch als älter werdende Frau ein Vorbild blieb und gern an Pop-Shows teilnahm, dokumentierte auch Morrissey, als er mit ihr 1984 die Single "Hand In Glove" coverte.

Wie auch die Niederländerin Corry Brokken lernte Sandie Shaw nach ihrer Popkarriere einen ordentlichen Beruf. Nach dem Studium in Oxford und London arbeitet sie als Psychoanalytikerin, vor allem für solche Menschen, die in der Pop- und Kreativindustrie arbeiten.

2012 schloss sie sich einer Amnesty-International-Kampagne gegen Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan an - der Anlass war der ESC in Baku.

Kurzum: Sandie Shaw war nie eine Puppe am Gängelband, sie war für viele junge Frauen ein Idol, weil sie gerade so eigenständig war. Heute feiert sie, am 26. Februar 1947 in Dagenham/Essex geboren, ihren 70. Geburtstag. Wir sagen nur das: Congratulations - alles Gute für eine große Popkünstlerin!

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 22.02.2017 | 16:50 Uhr